Rolex Learning Center - Sanaa

Eine Bibliothek zum Flanieren

Das japanische Architekturbüro Sanaa, das mit dem Kunstmuseum im japanischen Kanazawa und dem New Museum in New York bekannt wurde, hat für die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne eine Architekturikone entworfen: Das "Rolex Learning Center".

Die ETA Lausanne ist ein wüstes Durcheinander von Bauten, die vom strukturellen Labyrinth aus den siebziger Jahren bis zu späteren Einzelgebäuden vom Studenten während des ersten Semesters abverlangen, die Orientierungsinstinkte aus seinen vergessenen Pfadfindertagen neu zu beleben. Wer sich von der Straßenbahnhaltestelle durch den Gebäudedschungel hindurchgearbeitet hat, glaubt eine Untertasse von einem anderen Stern vor sich zu haben.

Über 20 000 Quadratmeter dehnt sich ein eingeschossiges Volumen aus Beton und Glas aus, streckt sich auf jeder Seite des Rechtecks nach oben, bildet oval geformte Innenhöfe aus und saugt die Besucher unter den riesigen Bögen nach innen. Nötigt das bestehende Hochschulgelände zur unfreiwilligen Schnitzeljagd, so scheint das neue Rolex Learning Center die Benutzer zu einem lustvollen Streunen und Flanieren einzuladen. 110 Millionen Franken hat der Bau gekostet, private Sponsoren haben einen wesentlichen Teil davon aufgebracht, der Hauptgeldgeber wurde mit dem Namen verdankt.

Wer unter den mächtigen Betongewölben hindurch geht und den zentralen Eingang passiert, findet sich in einer künstlichen Landschaft wieder, die vor allem eines nicht will: Begrenzungen setzen. Trennende Wände fehlen. Man begibt sich vom Eingangsbereich mit Café und Infopoint auf eine Wanderung, die immer neue Überraschungen aufweist. Auf einer Art Feldherrnhügel thront die Bibliothek, die nach dem Durchschreiten elektronischer Schranken direkten Zugang zu fast allen der 500 000 Bücher im Untergeschoss und den zahlreichen elektronischen Zeitschriften anbietet. Daneben führen Wege zu einer Senke mit einigen der insgesamt 860 studentischen Arbeitsplätze. Wer sich vom Eingang in die andere Richtung begibt, findet hinter einer Steigung ein multifunktionales Forum. Und an der Stelle, von der aus man draußen hinter ein paar Häuserzeilen den Genfer See aufblitzen sieht, lädt der Chef eines Restaurants zum gediegenen Dinner. Bei diesen Wanderungen schweift der Blick über eine Hügelszenerie, durchmisst den Komplex über eine Distanz von 130 Metern, fällt durch einen der 14 eingestreuten Höfe, die Passerellen aus der Fläche schneiden und viel Licht ins Innere bringen, und stösst sich kurz darauf an den Erhebungen, die erklommen sein wollen.

Der Wissbegierige ist hier als Wanderer begriffen, der den Zufall zu nutzen versteht und es schätzt, mit Angehörigen der verschiedensten Fächer ins Gespräch zu kommen. "Das ist ein Gebäude für die Anforderungen der Bologna-Reform", erläuterte Patrick Aebischer, der Präsident der ETH Lausanne, den versammelten Journalisten. Die Kommunikation zu fördern, sei eine zentrale Vorgabe des Wettbewerbs gewesen, ergänzte Kazuyo Sejima, die mit Ryue Nishizawa zusammen das japanische Büro Sanaa leitet, das sich mit seinem Vorschlag in einem hochrangigen Bewerberfeld durchgesetzt hat. "Berg und Tal" sei dabei eines der Strukturelemente gewesen, das sie in der Schweiz vorgefunden haben. Ergänzt wurde es durch die vielen Passerellen, die das Gesicht von Lausanne prägen; ist die Stadt doch über und um viele Geländeeinschnitte gewachsen.

Einhellige Begeisterung für die Ingenieursleistung

So sehr man die Offenheit und Leichtigkeit des Gebäudes schätzt, so störend wirken einige Details der Ausstrahlung makelloser Perfektion entgegen. Sanaa ist mit dem Kunstmuseum im japanischen Kanazawa und dem New Museum in New York bekannt geworden und hat inzwischen auf dem Firmenareal des Pharmariesen Novartis ein Bürogebäude realisiert. Sie alle kennzeichnet das Bemühen, die Grenze zwischen Innen- und Außenraum so dünn wie möglich zu gestalten, als eine Membran, die gerade noch erfahrbar macht, dass Raum hier unterteilt wird. Dieses Konzept stößt in dem neuen Bibliotheksgebäude in Lausanne an seine Grenzen, wo alltägliche Bedürfnisse Abgeschlossenheit verlangen. So finden sich an mehreren Stellen Ansammlungen von weißen Kabäuschen, die so lieblos in die Raumlandschaft abgestellt sind, wie man leere Pralinéschälchen auf einen Haufen wirft. Auch rutscht der Raum durch die einheitliche Gestaltung in Weiß bis hin zu Möbeln und Stahlstreben der Verglasung seltsam weg und büßt an Kontur ein.

Wie dem auch sei, einhellige Begeisterung findet die Ingenieursleistung. Das riesige Gebäude wird technisch von zwei Betonschalen und elf Unterspannbogen getragen, die bis zu 90 Meter messen. Die 1400 Schalplatten mussten mit Laser zugeschnitten werden, um die erforderliche Präzision zu erlangen. Von den 722 Glaselementen für die 4800 Quadratmeter Glasflächen sind 90 Prozent Einzelstücke, die in China und Spanien gefertigt wurden. Und trotz dieser großen Lichtflächen konnten Lüftung und Heizung mit Hilfe ausgeklügelter Computersimulationen so berechnet werden, dass für den Betrieb Minergie-Standard erreicht wird. Ob dies allerdings auch für die hochkomplexe Fertigung des Gebäudes gilt, darf man fragen. Das dürfte die ETH Lausanne auch nicht wirklich interessiert haben. Sie hat endlich eine Architekturikone erhalten, die den desolaten Campus zu krönen vermag.

Mehr zum Thema im Internet