Madelon Vriesendorp - Aedes Berlin

Das wilde Vriesendorp-Sammelsurium

Die Berliner Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg präsentiert einen faszinierenden Einblick in das Werk und die Werkstatt der 1945 in den Niederlanden geborenen Malerin und Illustratorin Madelon Vriesendorp – der Frau des Architekten Rem Koolhaas.
Wildes Vriesendorp- Sammelsurium:Faszinierende Einblicke in Werk und Werkstatt

Madelon Vriesendorp, "Flagrant Délit", 1975

Haben Gebäude ein Geschlecht? Die holländische Künstlerin Madelon Vriesendorp würde sagen: Ja, unbedingt. Auf einem ihrer berühmtesten Bilder, der Wasserfarben-Gouache "Flagrant Délit" aus dem Jahr 1975 machen zwei Bauten sogar Liebe. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Häuser, sondern um prominente Wahrzeichen New Yorks, das Chrysler- und das Empire State Building. Die restliche Stadt verharrt stumm vor dem Fenster und staunt. Es ist schließlich das Rockefeller Center, welches mit seinem gestrengen Scheinwerferlicht die pikante Szene ausleuchtet.

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Strecken Teaser

Die Bewohner der Metropole dürften diese Art von Humor sehr schätzen, doch seinen ikonografischen Status erhielt Vriesendorps Bild wohl vor allem dadurch, dass es den Umschlag der 1978er Erstausgabe von "Delirious New York" zierte. Das berühmte Manhattanismus-Manifest, dass Vriesendorps verrückte Stadtbilder und das wilde Denken ihres
Ehemannes Rem Koolhaas vereinte, ist mittlerweile ein Klassiker der modernen Architekturtheorie. Seine Veröffentlichung fiel in die Zeit des Post-68er-Aufbruchs. Drei Jahre vor "Delirious New York" hatten Vriesendorp, Koolhaas sowie Elia und Zoe Zenghelis gemeinsam das Architekturbüro "Office for Metropolitan Architecture" (OMA)
gegründet. Mit Vorträgen, Ausstellungen und Diskussionen griffen sie in den zeitgenössischen Architekturdiskurs ein und vertraten einen spielerisch-progressiven Urbanismus.

Trotz alledem haben die Ausstellungsmacher Stephan Trüby und Shumon Basar sich glücklicherweise nicht damit begnügt, die Schau in der Berliner Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg nur vom prägenden Einfluss der Bildsprache Vriesendorps auf die Arbeit von OMA berichten zu lassen. Statt dessen bieten die beiden Kuratoren einen breit angelegten Einblick in das Werk und die Werkstatt der 1945 in Holland geborenen Malerin und Illustratorin, deren Kunst hierzulande noch immer viel zu wenig Beachtung findet. Mit feinem Strich und pastellfarbenen Flächen erweckt Vriesendorp die gebaute Umwelt in popsurrealen Szenarien zum Leben und erzählt so in entrückt wirkenden Bildern vom Seelenzustand der Stadt von heute. Dies ist der Bogen, der sich ein von einer winzigen Radierung aus den späten Sechzigern über die Wasserfarbzeichnungen aus Siebzigern und Achtzigern, Posterentwürfen, bis hin zur Auftragsillustration für das Mailänder Design-Magazin "Abitare" zieht. Im kürzlich entstandenen "Superpainting", kehrt die Künstlerin schließlich in ihr Atelier zurück – über die Jahre ist der Ort zu einer Wunderkammer mutiert.

Tatsächlich dürfte ein großer Teil der Inspiration für Vriesendorps Bilder aus der uferlosen Sammlung kommen, die seit Anfang der Siebziger in ihrer Londoner Wohnung beständig wächst: zum einen sind es Tausende Ansichtspostkarten, ein sorgfältig thematisch sortiertes Archiv des idealisierten touristischen Blicks. Zum anderen handelt es sich um unzählige kleine Objekte aus den unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen: Püppchen, Miniaturtiere, Aliens,
Spielzeugobjekte, Scherzartikel, New-York-Souvenirs, Schlüsselanhänger, sogar Salz- und Pfefferstreuer in Form von modernistischen Hochhäusern. Ein kleiner Teil dieses wilden Sammelsuriums aus Pop-, Folk- und Plastikkultur wird ebenfalls in Berlin gezeigt. In schöner Akribie auf einem Vitrinentisch und in Schränken präsentiert, ziehen sie jeden Betrachter sofort tief in den Dschungel der Referenzen hinein und lassen ihn lange Zeit nicht wieder los. Noch nie fanden Kunst, Kitsch, Pop-Surrealismus und Architektur je zu solch einer faszinierenden, schönen Mischung wie in
der Welt der Madelon Vriesendorp.

"The World of Madelon Vriesendorp. Paintings / Postcards / Objects / Games."

Termin: bis 17. April 2008, Aedes Am Pfefferberg, Berlin. Katalog: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell, Shumon Basar und Stefan Trüby: Madelon Vriesendorp – Flagrant Délit or dream of liberty, Aedes, 10 Euro. Literatur: Shumon Basar und Stefan Trüby (Hg.): The World of Madelon Vriesendorp, Architectural Association Publication London, 2008.
http://www.aedes-arc.de/