Architektur-Biennale - Hauptschau

Kampfgenossen für eine lebenswertere Stadt

In den letzten Jahren forderte ein gieriger Immobilienmarkt den Wettbewerb unter "Konditor-Architekten", nun versucht David Chipperfield mit der von ihm kuratierten Biennale unter dem Titel "Common Ground" die Ehrenrettung der Gestalter

Der Ruf der Architektur muss miserabel sein, wenn eine riesige Ausstellung kuratiert werden muss, um ihre Ehre zu retten. David Chipperfield, der Kurator der 13. Architekturbiennale in Venedig, macht jedenfalls nicht den Eindruck, als fühle er sich geliebt.

Ein generelles Misstrauen der Gesellschaft hat der englische Architekt ausgemacht, was die Arbeit seines Berufsstandes betrifft. Und zwar nicht erst seit der egozentrischen "Exzesse" im weltweiten Bau-Boom, als Architekten vor allem "versiegelte Objekte" für einen gierigen Immobilienmarkt entworfen hätten – oder wie sein Chef, Biennale-Leiter Paolo Baratta, es plastischer ausdrückt, ein Wettbewerb unter den Konditor-Architekten ausgebrochen sei, wer die schönste Hochzeitstorte backt. Chipperfield plagt vielmehr der Eindruck, dass die Menschen, die Gebäude benützen und Stadt erleben müssen, sehr grundsätzlich der Meinung sind, Architekten interessierten sich nur für sich selbst.

Das sei ungerecht, meint Chipperfield. Alle seriösen Architekten hätten das Gemeinwohl im Sinn, würden sich intensiv mit den Nutzern und der Stadt auseinandersetzen. Ja, ihr wahres gemeinsames Streben sei es, die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Um diesen guten Willen zu demonstrieren, hat Chipperfield "seine" Architekturbiennale unter das Motto "Common Ground" gestellt und die von ihm eingeladenen Architekten gebeten, zu zeigen, was wir teilen. Die Baumeister sollten sich öffnen, ihre Intentionen beschreiben,und für Laien verständlich darlegen, dass der Architekt ihr Kampfgenosse für eine schönere und lebenswertere Stadt ist und nicht der Gestaltungs-Lakai von nomadisierendem Shareholder-Kapital. Architektur, so nimmt man aus Chipperfields eindringlichen Eröffnungsworten mit, ist Kur, nicht Krankheit.

Mit dieser Unschuldsvermutung im Gepäck macht man sich fortan auf die Suche nach dem humanistischen Ethos der Architekten, das zuletzt offensichtlich irgendwie und unfreiwillig unter zuviel Fassade verschüttet worden ist. Das ist nicht frei von Befürchtungen, denn Chipperfield erklärt ebenfalls, dass die dritte Architekturbiennale von 1985 sein Vorbild sei, weil sie sich mit der Geschichte beschäftigt hätte. Diese Biennale wurde von Aldo Rossi kuratiert, und ihre historische Rückschau führte ästhetisch vor allem zu einem Manifest der Postmoderne. Und die ersten Architekten-Statements im Arsenale – wo neben dem Hauptpavillon in den Giardini wieder eine Hälfte der kuratierten Hauptausstellung stattfindet – lassen diesen Geist durchaus auferstehen. Der Tessiner Altmeister Luigi Snozzi schreibt an die Wand: "Nichts muss neu erfunden werden – alles kann wiederentdeckt werden". Ein "Museum of Copying" mit einer großen zerschnittenen Palladio-Kuppel aus Gips von FAT Architects feiert das schamlose Zitat als moderne Geisteshaltung. Und Hans Kollhoff kann mit einem Miniaturwunderland an Architekturmodellen seine konsequent rückwärts gewandte Vorstellung von anständiger Architektur demonstrieren, eine Haltung, die selbst Chipperfield als "extrem" bezeichnet.

Ist Chipperfields Biennale also die Gegenreformation der Postmoderne? Der große Rückschlag jener Architekten, die Nostalgie als den wahren Fortschritt verstehen? Keine Sorge. Schon bald wird auch dieses wichtigste Architektur-Festival wieder wie all sein zwölf Vorgänger eine bunte Schau der Individualität, die ein kluges Thema wie das "Gemeinwesen" auf einem Jahrmarkt der Möglichkeiten und Selbstdarstellungen zerstreut. Schon wenige Meter hinter Hans Kollhoffs Qualitätsbelehrungen mit dem Lineal finden sich die Schlagsahne-Produkte der berühmtesten Architektur-Patisserie der Welt. Zaha Hadid hat einen großen glänzenden Knitterpilz aus Blech aufgebaut, umrahmt von einigen schneeweißen Gußformen erstarrter Schaumschlägerei. Dahinter ließ die indische Architektin Anupama Kundoo ein ganzes Haus aus Lehmziegeln, Plastikbechern und Holzbrücken von Studenten aus drei Kontinenten errichten, die in der momentanen Krise leider sonst keine Aussicht auf Praxis mehr haben. Und was im nächsten Saal dann aussieht wie die Party-Location für frustrierte Jungarchitekten mit Neonschrift, flimmernden Monitoren und Bar, das ist ein dokumentarisches Projekt von Urban Think-Tank über die Besetzung eines Hochhaus-Rohbaus in Caracas durch Slumbewohner.

Tatsächlich gibt es einige Projekte in dieser Ausstellung über die gemeinsamen Vorstellungen vom richtigen Leben und Handeln, die sich konkret mit den Krisen des egomanen Kapitalismus beschäftigen. Eine Gruppe spanischer Stararchitekten (Mansilla und Tunon, Niete Sobejano, RCR und andere) haben vor dem Hintergrund, dass in den letzten Monaten die Hälfte aller Architekturbüros in Spanien Konkurs gegangen sind, das Geld für ihre gemeinsame Ausstellung dazu benutzt, 200 Studenten nach Venedig zu holen, die ihre düsteren Perspektiven erläutern können. Die Wiederbelebung der verfallenen Einfamilienhausgebiete in Detroit sind an anderer Stelle ebenso Thema wie die 150 000 philippinischen Gastarbeiterinnen von Hongkong, die sich Sonntags unter Norman Fosters berühmten Bankgebäude der Hongkong and Shanghai Bank (heute HSBC) kleine Refugien aus Pappkartons bauen und dort als Obdachlose für einen Tag Familienleben in Masse feiern.

Andererseits sind in dieser Ausstellung aber auch die ganzen sinnlosen Formspielereien im Überfluss zu sehen, die genau das illustieren, was David Chipperfield eigentlich vermeiden wollte: den autistischen Gestaltungsdrang von Künstlerarchitekten, die meinen, durch ihr Genie sei die Welt reich genug beschenkt. Tische voller "Hochzeitstorten" in jeder Größe und Form, Wände tapeziert mit Plänen, die nicht mal die Kollegen entziffern können, Bastelstunden zu Piranesis Rom-Phantasien von 1762 unter Anleitung von Peter Eisenman oder größenwahnsinnige Phantasien von Zukunftsstädten, deren ungebändigte Vision kein Ausweg aus der aktuellen Krise formuliert, wie ihre Erfinder es meinen, sondern der blanke Hohn gegenüber den konkreten Anforderungen einer Zeit sind, in denen Millionen Menschen ihre Wohnungen zu verlieren drohen. Besonders absurd in diesem Zusammenhang erscheint die Präsentation der Aga Khan Stiftung, die offensichtlich vor vielen Monaten erarbeitet und nie korrigiert wurde: Hier wird damit geworben, dass die Restaurierungsarbeiten, die diese wohlmeinende Stiftung an Baudenkmälern in Aleppo und Damaskus unternommen hat, den Tourismus in Syrien deutlich vergößert habe.

Ob der Architekt für das Wohl der Allgemeinheit denken und entwerfen möchte oder für den persönlichen Ruhm, verliert in diesem wilden Zappen zwischen unterschiedlichsten Positionen als Frage schnell an Wert. Und auch der Anteil seiner Schuld an einer gebauten Welt, die viel zu selten den Menschen gefällt, die sie bevölkern, findet nur individuell, nicht pauschal eine Antwort in dieser großen Schau. Chipperfields Behauptung dagegen, es gebe etwas Gemeinsames, etwas unzweifelhaft Erstrebenwertes, dass die Menschen in ihren Lebensvorstellungen verbindet, scheint seine Kuratoren-Arbeit eher zu widerlegen. Natürlich strebt das soziale Wesen Mensch stets nach Schutz und Gemeinschaft. Aber diese Gemeinsamkeit kann im vertikalen Slum in Caracas gelingen und in der schicken Einförmigkeit von neu erbauten Retro-Siedlungen für Wohlhabende zur leeren Behauptung werden. Sie kann ihren Ausdruck vielleicht in blasenförmigen Einzelbauwerken für russische Milliardäre, vermutlich aber eher auf den Pappkarton-Parzellen der fröhlichen Haussklaven in Hongkong finden.

Auf jeden Fall entwickelt sich in unserer bigotten Zeit aus ungezähmtem Pluralismus und nackter Existenzangst das Schöne, das wir Menschen teilen, nicht vordringlich aus Ideen cleverer Gestalter, sondern aus spontanen Reaktionen kollektiver Unzufriedenheit. Das Gemeinsame, der Common Ground, ist also ein Feld der Unterschiede. Und das sicherlich Schädlichste, was ein Baumeister sich dazu vorstellen kann, wenn er mit dieser Welt der Differenzen im Guten umgehen will, ist die Idee, es gäbe eine Weltformel des Gemeinwohls. Was es vielmehr zu fördern gilt, ist eine Welt des Zuhörens und des Austauschs, des Respekts und der inneren Beweglichkeit. Damit wird der Architekt tatsächlich zum Kampfgenossen des Städters. Nur dazu muss er sich noch sehr viel besser verständlich machen und sehr viel weniger Rezepte präsentieren als auf diesem "Common Grond". Sonst bleibt der Architekt eben doch der Lakai seiner Eitelkeit.

13. internationale Architektur-Biennale

bis zum 25. November
http://www.labiennale.org/en/architecture/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de