14. Architekturbiennale - Venedig

Kapitel für Kapitel durch die Moderne

Die 14. Architekturbiennale ist die erste, bei der alle nach einer Pfeife tanzen müssen – nach der von Rem Koolhaas. Mit der Ausstellung "Fundamentals" will er nichts weniger, als eine Übersicht aller Grundlagen, Theorien, Experten und Konflikte zur Moderne in der Architektur geben. Und im polnischen Pavillon hat man Koolhaas bereits ein Grab gewidmet.

Rem Koolhaas ist tot. Sein Grab steht irgendwo in der Tabula rasa und ist gekrönt von einer Marmornachbildung seines CCTV-Towers in Peking.

Im polnischen Pavillon der diesjährigen Architekturbiennale wird es gezeigt in einer Reihe mit den Gräbern von Mies van der Rohe, Adolf Loos und Le Corbusier. Damit ist diese Biennale in Venedig das Vermächtnis des vorerst letzten Generalisten der Architektur. Und dieses Testament atmet natürlich den großen Geist der Kanon-Bildung.

"Fundamentals", wie ihr bescheidener Titel lautet, will nichts weniger, als alle Grundlagen, Theorien, Experten und Konflikte zur Moderne in der Architektur zu systematisieren. Umkränzt wird diese wissenschaftliche Zentralperspektive allerdings von einer Aura überraschender Assoziationen, die das ganze originelle Potential dieser epochalen Gestaltungsidee illustriert – was vermutlich der wichtigste Teil dieses größten Baukunst-Festivals der Welt ist, denn der gemeine Bürger verbindet mit dem Begriff "moderne Architektur" wohl immer noch vornehmlich die beiden Adjektive "grau" und "monoton". Oder die Schrecken einer Totalplanung, die Trabantenstädte so vernünftig und funktional plant, dass alles Leben darin wie eine Störung wirkt.

Von diesem Geist der Totalplanung war der niederländische Architekt, Theoretiker und Modernitäts-Beschwörer Koolhaas immer fasziniert, und entsprechend ist die 14. Architekturbiennale die erste, bei der alle nach einer Pfeife tanzen müssen – nach seiner. Die Regel, sich mit der Entwicklung der Moderne seit 1914 zu beschäftigten, war eine verbindliche Hausaufgabe für alle teilnehmenden Nationen (siehe Teil 2: die Länderpavillons), während Koolhaas selbst sich in den beiden großen Hauptausstellungen mit Exemplarischem beschäftigte: im Arsenale unter dem Titel "Monditalia" mit den Zeichen und Auswirkungen der Moderne in Italien, und im zentralen Pavillon der Giardini mit 15 Grundelementen des Bauens vom Dach bis zum Klo, von der Fassade bis zur Feuerstelle.

In diesem didaktischen Monotheismus die Spannung stets aufrecht zu halten, gelingt natürlich nicht immer. Rem Koolhaas’ Anspruch, materialreiche Belehrung unterhaltsam und abwechslungsreich zu gestalten, stößt sowohl an die Grenzen der Aufmerksamkeit (wegen der schieren Größe des Unterfangens), als auch auf die materielle Beschränktheit einer beruflichen Praxis namens Architektur, die als dienende Kunst eben doch oft ziemlich überraschungslimitiert ist. Die Aufstellung von historischen Klos in einer Reihe oder die Parade von unterschiedlichen Wandtypen in Reih und Glied bleibt halt doch vor allem seriös und messetauglich, wogegen die Inszenierung des Kapitels "Balkon" als Spiel mit der Ikonografie von Führerreden, mit Stileepochen und Volksfreuden ein weit größeres Erzählpotential entwickelt.

Fesselnd wird die Abteilung "Elememtals" absurderweise immer dann, wenn sie von der Systematik in den skurrilen Einzelfall wechselt und sich mit echten Sonderlingen beschäftigt: etwa mit dem Graf von Portland, der als soziophober Superreicher vor dem ersten Weltkrieg im englischen Sherwood Forest ein Landschloss mit einem absurden Tunnelsystem ausgestattet hat, um niemandem begegnen zu müssen (Kapitel: Korridor); oder mit dem deutschen Treppenforscher Friedrich Mielke, der tausende von Stiegen untersucht und archiviert hat und eine Universität für Treppenforschung fordert, oder dem Fenstersammler Charles Brooking, dessen seit 1966 aufgebaute Sammlung von Fenstern und anderen Bauteilen, die er aus Abbruchhäusern geholt hat, heute ein britisches Kulturerbe ist.

Dagegen siegt immer dort der Seminargeist über die Ausstellungsreife, wo die Buchvorlage dieser Ausstellung zur Grundlage der Präsentation dient – "Elementals" ist eine dieser recherche-intensiven Statistik- und Beispielkompendien, die Koolhaas mit seiner Forschungsabteilung AMO regelmäßig herstellt, und hängt als sehr unhandliche Blechbuch-Version in jedem Raum von der Wand. Doch trotz dieser gelegentlichen Verzettelung in die Idee von einer Ausstellung als dreidimensionalem Lehrbuch, liefert "Elementals" allein genügend inspirierende Momente, um sich mehrere Stunden mit diesen Kapiteln aufzuhalten.

"Monditalia" ist gegenüber diesem Bauteile-Katechismus ein echter Themen-Flohmarkt. In einem Beichtstuhl erzählen Videos von den italienischen KZs in Libyen, gegenüber wird von Pompeji als der ersten Pornokratie der Welt berichtet oder Capri als die Insel der sexuellen Ausschweifungen vorgestellt, und einen Alkoven weiter wandert Stefano Boeri in einem Video durch den leerstehenden riesigen Glaspalast, den er im Auftrag Berlusconis für den G8-Gipfel in Italien nach Obamas Wahlsieg gebaut hatte, der dann aber nicht benutzt wurde, weil Berlusconi das Treffen in die gerade vom Erdbeben heimgesuchte Stadt Aquila verlegte. An solche typisch italienischen Skandal- und Verschwendungsgeschichten schließen sich Altäre für die verlorene ländliche Kultur oder die Feierexzesse längs der italienischen Küste an, Wackelbilder, die Kirchplätze vor und nach einer religiösen Sikh-Prozession zeigen, Erinnerungen an die Zerstörung durch linken und rechten Terrorismus oder scheinbar banale Fotografien über Orte der Mafia-Geschichte.

Unterbrochen wird dieser chaotische und deswegen ziemlich anregende Geschichtsverhau leider durch entsetzlich esoterische Tanzvorführungen, die sicherlich ein Viertel des Raums einnehmen und dort keinerlei nachvollziehbaren Zweck erzielen. Als Solo oder in Massenstärke frei improvisiert, sollen diese Performances ebenso wie die reich von den Decken hängenden Leinwände mit Filmschnipseln des italienischen Kinos den Blick von der Architektur in die Welt weiten. Während die kurzen Ausschnitte über den Köpfen tatsächlich die Stadt im inszenierten Leben des Films verorten und die Assoziationen mit historischen Bildern vernetzen, erreichen die selbstbezogenen Barfüßer nur den Status peinlicher Fehlleistungen.

Obwohl Koolhaas seine wahren politischen Haltungen ja gerne in Polemiken unkenntlich macht und eher dafür bekannt ist, ironische Wendungen gegen den gedanklichen Mainstream zu finden, sind die beiden von ihm direkt kuratierten Teile dieser Biennale erstaunlich konfliktbezogen und haltungsstark. Ob in der Abteilung "Fußboden" über den Einsturz von Fabriken in Bangladesh berichtet wird, an verschiedenen Orten der ständig steigende Wandel von Sicherheitsversprechen in Überwachungsmechanismen diskutiert wird, oder er sich selbst auf einer alten Flughafenanzeigetafel mit selbstkritischen Sätzen zur Korrumpierbarkeit von Architekten zitieren lässt – die meisten Stationen dieses langen Themenparcours zeugen von einer ziemlich grundsätzlichen, wenn nicht beinahe frustrierten Kritik an der ökonomisch-politischen Instrumentalisierung der Moderne für die Zwecke von Gier und Machterhalt.

Da ist es dann durchaus von Vorteil, dass Rem Koolhaas gar nicht tot ist, sondern nur Objekt eines makaberen polnischen Scherzes war. Denn ein bisschen mehr Zorn, wie er als basso continuo durch diese Ausstellung grummelt, kann die eingeschlafene Unzufriedenheit mit den Konsequenzen der Moderne durchaus vertragen.

14. Architekturbiennale

Giardini-Gelände, Venedig, bis 23. November 2014
http://www.labiennale.org/en/architecture/exhibition/