Bjarke Ingels - Mountain Dwellings

Ein Bergdorf im Flachland

Bjarke Ingels, 34, ist der vermutlich lustigste Konzeptkünstler der zeitgenössischen Architektur. Mit seinem Büro BIG in Kopenhagen entwickelt er neue Wohn- und Bürokonzepte, die er so unorthodox entwirft, dass sie sensationell aussehen. BIG plant ein Hochhaus, das wie eine gigantische Sitzlandschaft wirkt – und sein neuestes Projekt "Mountain Dwellings" ist ein Wohnhang über einer Autogrotte.
Ein Bergdorf im Flachland:Bjarke Ingels und sein Projekt "Mountain Dwellings"

Jede der lichten zehn Parketagen ist in verschiedenen Farbtönen gehalten. Zur Südseite der Anlage erstreckt sich terassenförmig die Wohnlandschaft mit 80 Apartmenboxen.

Parkhäuser zählen zu den hässlichsten Orten der Welt. Lieblos unter Gebäude in die Erde ge­quetscht oder als Betonscheib­letten hinter Kaufhäuser gestapelt, taugt das Parkdeck eigentlich nur als Filmkulisse für Vergewaltigung und Mord. Das muss aber nicht sein.

10674
Strecken Teaser

Hämmernde Bässe und euphorische Tänzer, staunende Gäs­te und glückliche Bewohner feierten kürzlich den Gegenbeweis. Das "Housewarming" eines neuen Wohn- und Bürokomplexes in Kopenhagens Neubaustadtteil Ørestad fand in einer Stellplatzkathedrale statt, die mit ihrem bun­ten, schrillen, offenen Design sofort gute Laune machte.

"Mountain Dwellings", also Bergbehausungen, ist der Projekt­name für das im wahrsten Sinne des Wortes schräge Projekt. Denn die dänischen Experimentalarchitekten der Bjarke Ingels Group (BIG) haben die langweilige Form gestapelter Funktionsbereiche gedreht und gekippt und dadurch ein Gebäude entwickelt, das aus einem Wohnhang über einer Autogrotte und ein paar Bürofelsen besteht.

Kaspar Astrup Schröder: "My Playground" – Mountain Dwellings

Wie eine luxuriöse Feriensiedlung auf einer Terrassenlandschaft erscheint der Block zur Südseite. Ummantelt mit einem Bergpanorama aus Lochblechen zeigt es der flachen dänischen Topografie auf seiner Rückseite eine ironische Metapher für die Ansprüche des hippen Büros: BIG eben. Dazwischen entfaltet sich beeindruckend das zehngeschossige Parkhaus mit 480 Stellplätzen, als sei es eine automobile Popversion von Giovanni Battista Piranesis Architekturfantasien aus der berühmten "Kerker"-Serie (1745/50).

Ele­ganz mit Humor verbunden

Ein Rampenzickzack führt unter den treppenförmig gestuften Stockwerken hindurch, die sich in knalligen Farben voneinander abheben. Diagonal fährt ein gläserner Lift nach oben. Die Kaskade holzverkleideter Bungalows, die über dem Parkblock liegt, wirkt dagegen sehr aufgeräumt. Auf einem Zehn-Me­ter-Raster staffeln sich 80 lichte Wohnklötze. Deren Dächer dienen den Bewohnern darüber jeweils als Terrassen und als Gärten. Elf Stockwerke hoch stapeln sich die Apartmentboxen, bekrönt von einem Luxuspent­house. Von hier oben hat man einen herr­lichen Blick bis in die Kopenhagener Altstadt. Aus ganz einfachen Prinzipien komponiert, die nur aus Heben, Senken, Drehen und Verschieben bestehen, wurde mit "Mountain Dwellings" eine grandiose neue Wohnsituation geschaffen, die Ele­ganz mit Humor verbindet und so manchem deutschen Prestigeprojekt seine ganze Biederkeit auf­zeigt. Dieses Bergdorf im nordischen Flachland ist so gelungen, dass man sich auch vorstellen könnte, sogar ins Parkhaus zu ziehen – aber das ist vermutlich auch in Dänemark verboten.

Mehr zum Thema im Internet