Stadtschloss - Berlin

Der ewige Kampf des Stephan Braunfels

Bereits 2008 entschied die Jury eines Wettbewerbs, dass der Neubau des Berliner Stadtschlosses nach dem Entwurf des kaum bekannten italienischen Architekten Franco Stella geschehen solle – doch Stephan Braunfels kämpft mit seiner eigenen Vision vom Stadtschloss immer noch dagegen an. Ein Akt, der zwar auch stille Befürworter, vor allem aber den Unmut vieler Verantwortlicher hervorruft.
Leider geil:Stephan Braunfels' Entwurf vom Berliner Stadtschloss

Ohne Ostfront, dafür mit einem offenen Hof Richtung Alexanderplatz. So lautet Stephan Braunfels' Vorstellung vom Stadtschloss Berlin

Beliebt gemacht hat sich Stephan Braunfels gerade nicht, wenn man die Reaktionen auf seine neueste uralte Idee zu Rate zieht.

"Scharlatanerie" sei das, "verantwortungslos", die "Profilneurose eines Architekten im Rentenalter" oder schlicht "verletzte Eitelkeit". So lauten die herzlichen Danksagungen einiger Offizieller zum Vorschlag des Münchner Architekten, das Berliner Stadtschloss doch lieber nochmal ganz anders zu machen, und zwar nach den Plänen von Stephan Braunfels. Seit bald zwei Jahrzehnten propagiert der landesweit als Trotzkopf verschrieene Mann seine Idee in Medien, Ausstellungen und natürlich auch in dem entscheidenden Wettbewerb vor fünf Jahren zum Schlossneubau, den aber leider dieser Franco Stella gewonnen hat, den vorher keiner kannte, der angeblich kaum ein richtiges Architekturbüro unterhält und zudem noch aus Italien kommt.

Also warum nicht jetzt wieder Zwischenrufen, zum scheinbar absurdesten Zeitpunkt, wo alle Gelder bewilligt sind, die Fundamente gegossen, der Protest gegen einen Barock-Neubau im 21. Jahrhundert sanft eingeschlafen ist und die Mieter des neuen Kaiserpalastes mit dem republikanischen Namen "Humboldt-Forum" sich hinter den Kulissen um die Flächen balgen? Weil der Entwurfshändler Stephan "Kohlhaas" Braunfels nie aufgibt in seinem gerechten Kampf gegen steinernes Unrecht? Weil er in seiner leicht penetrant wirkenden Mischung aus Sanftmut, Eitelkeit und Rechthaberei der Meinung ist, er dürfe sich wie ein Volkstribun über demokratische Verfahrenswege hinwegsetzen? Oder kann es sein, dass Stephan Braunfels einfach Recht hat und die Verleihung des Attributs "Quälgeist" durch die Baufunktionäre mal wieder nur dazu dient, reibungslose Planung zu garantieren, die höchstselbst Scharlatanerie in Beton gießt?

Was also will seine Impertinenz? Braunfels' fast volljähriger Vorschlag von 1996 sieht vor, die Ostfront des Schlosses einfach wegzulassen. Das soll keine späte Strafe für die Rotfront aus Ostberlin sein, die das Schloss samt seinem Renaissance- und Apothekenflügel an dieser Stelle 1950 aus niedersten Motiven gesprengt hatte. Braunfels will das Schöne. Einen offenen Hof Richtung Alexanderplatz, der sich sanft hinabtreppt zu Spree und eine freie Sichtachse zum Fernsehturm bietet, so wie in Paris, wo der Louvre sich zu den Tuilerien, zur Champs Elysee und weiter nach La Défense öffnet. Dafür, so Braunfels, müsste man nur den Neubau seines siegreichen Kollegen Franco Stella an dieser Stelle frank streichen. Der verschließt nämlich den rekonstruierten Schlüterhof mit einem Block im Stil des italienischen Rationalissimus.

Früher zierte den Ostflügel des Gebäude ein wilder Stilverhau aus ein paar Jahrhunderten. Die ältesten Originalteilen der feudalen Bebauung sowie etwas angebauter plastischer Wildwuchs bildeten mehr Collage als Fassade. Nach dem Umbau durch Schlüter und Konsorten zur Rückseite verkommen, wirkte dieser Teil im Verhältnis zu der seriellen Ästhetik der Barockfronten eher wie Gerümpel unterm Sofa. Entsprechend wurde auch nie ernsthaft darüber diskutiert, die bauhistorisch bedeutende Keimzelle des Schlosses ebenfalls zu rekonstruieren. Aber was dann Franco Stella hierhin geplant hat, um den Raumbedarf jener Kultureinrichtungen zu decken, die ab 2019 das neue demokratische Schloss bespielen sollen, das hat außerhalb der Wettbewerbs-Jury nie jemand begeistert. Die Verbindung von Barock-Kopie und flachem Riegel ist so organisch wie es eine am Hintern festgewachsene Tischplatte beim Menschen wäre.

Stadträumlich und harmonisch betrachtet ist Stephan Braunfels' Instant-Vorschlag also von schlagender Überzeugungskraft. Die hübschen Bilder von dem offenen Hof zur Spree, die er für seine Einspruchs-Pressekonferenz letzten Donnerstag generieren ließ, wirken soviel stimmiger als die offiziellen Animationen des geplanten Schlüterhofs, die den Eindruck machen, man habe die Barockelemente gegen Stellas Betonwand gefahren. Die Herzen aller Schlossromantiker müssten Braunfels also entgegenfliegen. Doch stattdessen startet die reflexartige Kettenreaktion der Abers. Planung zu weit fortgeschritten, Raumangebot schon jetzt zu eng, Umplanung bedeute Baustopp von drei Jahren und Regressforderungen in Millionenhöhe, Wettbewerb ist Wettbewerb und und und. Mit den vernünftigen Gegenargumenten aus den Büros der Projektentwickler wird die gleiche Unausweichlichkeit des Prozesses beschworen, die vor 60 Jahren zur Sprengung der Ruine geführt hatte.

Dank Braunfels' Position des unterlegenen Wettbewerbteilnehmers und bekennenden Krakelers wird es seinen alten Gegnern natürlich leicht gemacht, auf den Einwurf mit Schmähungen zu reagieren. Verantwortliche, die jetzt zucken und zugeben, dass Braunfels Vorschlag leider geil ist, gibt es zwar – etwa Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz –, aber eben auch nur mit dem Zusatz, leider zu spät. Und deswegen bleibt Braunfels von vorneherein aussichtslose Intervention eher doch eine Rechthaber-Performance. Der einzige Effekt, den sie vielleicht haben könnte, wäre eine neuerliche Diskussion über Franco Stellas schlimme Ostwall-Architektur. Für diese ästhetische Strafmauer mit ihren 115 monoton eingeschnittenen Rasterlöchern ist "dröge" ein Kompliment. Wem es gelingt, dieses Monstrum vom Schloss rechtzeitg wieder wegzudenken, dem gebührt ein Denkmal an der Spree – und heißt er auch Stephan Braunfels.