Berliner Siedlungen - Weltkulturerbe

Wohnen im Welterbe

Während Dresden sich fürchten muss, ist in Berlin dagegen die Freude groß. Nach der Museumsinsel und den Preußischen Schlössern und Gärten sind jetzt auch die sechs Wohnsiedlungen der Berliner Moderne in die prestigeträchtige Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Außerdem gibt es neue Welterbestätten in Frankreich, Italien, China, Jemen, Kambodscha und der Schweiz.
Große Freude über neue Titel:UNESCO-Titel für Berliner Siedlungen der Moderne

Die Hufeisensiedlung in Berlin ist nun auch Weltkulturerbe. Das Gebäude wurde in Hufeisenform konzipiert, da dem Bedürfnis der Bewohner nach Gemeinschaft nachgekommen werden sollte. Rings um das Zentrum herum erstreckt sich das ganze Wohngebiet im versetzten Reihenhausstil mit Spitzdach.

Die in den zwanziger Jahren von Architekten wie Bruno Taut, Hans Scharoun und Walter Gropius erbauten Siedlungen Berlins repräsentierten einen neuen Typ des sozialen Wohnungsbaus, begründete die Kulturorganisation der Vereinten Nationen im kanadischen Québec ihre Entscheidung. Derweil schwelt in Dresden weiter der Konflikt um den Bau der Waldschlösschenbrücke und die UNESCO-Drohung einer Titel-Aberkennung.

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Strecken Teaser

Raus aus den Mietskasernen, weg von den düsteren Hinterhöfen und den stickigen, kleinen Wohnungen mit Außentoilette – so lautete das Credo der Berliner Architekten. Luft, Licht und Sonne sollten die Wohnungen der Siedlungen durchströmen. Bezahlbare Mieten, sanitärer Komfort, viel Grün und die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln bedeuteten für die aus der ärmeren Bevölkerungsschicht stammenden Bewohner eine ganz neue Lebensqualität. Die klaren Formen der Bauten wurden zudem wegweisend für die Architektur des 20. Jahrhunderts.

Dazu gehört die Hufeisensiedlung in Britz. Mitten im heute als Problembezirk verschrienen Neukölln gibt es dort Vogelgezwitscher, Kirschbäume und eine kleinstädtische Reihenhausidylle – die mittlerweile auch wieder junge Familien anlockt. In die Welterbe-Liste aufgenommen wurden außerdem die Wohnstadt Carl Legien, die Siedlung Schillerpark, die Gartenstadt Falkenberg, die Großsiedlung Siemensstadt und die sogenannte Weiße Stadt in Reinickendorf. Bunte Farben wie im Tuschkasten oder Balkone Opernlogen: Die sechs Ensembles, zwischen 1913 und 1934 entstanden, zeigen die Epoche der Moderne in vielen Facetten.

Die Entscheidung im Welterbekomitee sei problemlos und einvernehmlich gefallen, sagte die deutsche Delegierte in Québec, Birgitta Ringbeck, der Deutschen Presse-Agentur. Die Siedlungen füllten eine Lücke auf der Welterbe-Liste. Auf ihr ist Deutschland künftig mit 33 statt wie bisher mit 32 Stätten vertreten. Der Berliner Senat reagierte "hocherfreut". Die Entscheidung zeige, dass Berlin viel mehr zu bieten habe als die bekannten Sehenswürdigkeiten, sagte Senatssprecher Richard Meng.

"Dieses deutsche Welterbe ist in besten Händen"

Nie zuvor seien normale Wohnsiedlungen als Welterbe vorgeschlagen worden, erklärte Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). "Wenn statt barocker Schlösser oder gotischer Dome das
eigene Umfeld derartig geadelt werden soll, verleiht das natürlich der fernen Entscheidung fremder Denkmalexperten eine sehr persönliche Bedeutung", sagte die Senatorin und fügte hinzu: "Die UNESCO kann sich sicher sein, dass dieses deutsche Welterbe in besten Händen ist."

Weltweit gibt es rund 850 Kultur- und Naturschönheiten, die unter dem Schutz der UNESCO stehen. Einen Welterbetitel erhielten jetzt außerdem die oberitalienischen Städte Mantua und Sabbioneta in der Po-Ebene, denen die UNESCO bescheinigte, sie seien wegweisend für die Renaissance-Kultur gewesen, historische Festungen in Frankreich und eine außergewöhnliche Gebirgsbahn in der Schweiz. Die insgesamt 120 Kilometer lange Strecke vom schweizerischen Thusis über St. Moritz nach Tirano in Italien sei ein Beispiel, wie die Eisenbahn im frühen 20. Jahrhundert die Isolation von Siedlungen in den Zentralalpen überwunden habe, hieß es.

Zudem wurden die Lagunen der zu Frankreich gehörenden Inselgruppe Neukaledonien vor der Nordostküste Australiens im Pazifischen Ozean unter Schutz gestellt. Die Lagunen mit ihren ungewöhnlich großen Korallenriffen seien ein noch intaktes Ökosystem mit vielen seltenen Fisch- und Pflanzenarten. Weitere Welterbe-Titel gab es etwa für die kroatische Kulturlandschaft um das Städtchen Stari Grad, mehrere Holzkirchen im slowakischen Teil der Karpaten und Naturschönheiten in Kanada, China, Mexiko und Kenia. Der nach kontroverser Diskussion unter Schutz gestellte Hindu-Tempel Preah Vihear liegt auf einer Klippe im Grenzgebiet zwischen Kambodscha und Thailand. Insgesamt lagen der bis zum Donnerstag dauernden Tagung in Québec 41 Anträge auf Neuaufnahme vor.

Elke Vogel/dpa