Stadtplanung - Hamburg

Luftkrieg und Städtebau

Als die britische und amerikanische Bomber Hamburg zerstörten, glaubten sie Stadt und Deutsches Reich schwer getroffen. Doch visionäre Stadtplaner rieben sich die Hände, konnten sie doch endlich dem engen Gründerzeitstil Lebewohl sagen. Die Ausstellung "Die erwartete Katastrophe" zeigt Pläne und Diskussionen rund um den Wiederaufbau.

Ende Mai 1945 fliegt ein Reporter der französischen Wochenschau "Les Actualités Françaises" über das ausgebrannte Hamburg und verfasst einen hämischen Bericht über "Hambourg 1er Port du Reich".

Die Stadt, die einst so stolz gewesen sei "auf ihren Reichtum, ihre Traditionen und ihren Tierpark", sei nur noch ein Skelett, "das Gespenst in Gestalt einer Stadt". Mochte diese Genugtuung über den vollkommen vernichteten Stadtstaat die Kinobesucher daheim befriedigen wie sie den Erzfeind düpieren sollte, so schoß sie an einem Punkt völlig am Ziel vorbei. Bei vielen Städteplanern, und zwar in Deutschland wie in Frankreich, weckten die Bilder der Ruinen und Schutthaufen eher Vorfreude. Konstanty Gutschow, Chefplaner in Hamburg bis 1945, erklärte nach den Bombennächten der "Operation Gomorrha", die für die Stadtruine verantwortlich waren: "Dieses Werk der Zerstörung wird Segen wirken."

Solche Dankbarkeit für die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs war absolut keine Spezialität eines nazistischen Zynismus. Gutschow wusste sich international in bester Gesellschaft. In allen kriegführenden Nationen erklärten die Stadtplaner die Vernichtung ihrer Altbauten zur großen Gelegenheit. Denn lange bevor deutsche und alliierte Luftflotten damit begannen, die alte zentraleuropäische Stadtkultur auszuradieren, träumten die Städtebauer bereits davon, das enge Hausgerümpel der Gründerzeit fortzuwischen und es durch die neue vernünftige und hygienische Stadtlandschaft zu ersetzen.

Le Corbusier nahm dazu bereits 1925 einen dicken Stift, zeichnete auf den Plan von Paris ein großes, schwarzes Rechteck, ohne Rücksicht auf Stadtgrundriss und Baubestand, und setzte auf diese "Freifläche" 18 kreuzförmige Hochhäuser mit jeweils 60 Stockwerken. Dieser als "Plan Voisin" in die Geschichte eingegangene Radikalschnitt eröffnet dann auch die Ausstellung "Die erwartete Katastrophe" über Luftkrieg und Städtebau in Europa, die anlässlich des 70. Jahrestages der "Operation Gomorrha" in der Freien Akademie in Hamburg eröffnet wurde. Denn den ersten Luftkrieg gegen die historische Stadt führte eine Generation von Architekten, die mit ihren Stiften über Stadtplänen schwebten und die "ideale Stadt" auf eine ersehnte Tabula rasa malten.
Niels Gutschow (Sohn des NS-Architekten) und Jörn Düwel haben nun in einem aufwändigen Forschungsprojekt die pikante Allianz zwischen Massenvernichtung und Moderne untersucht und präsentieren in der Ausstellung sowie in zwei umfangreichen Begleitpublikationen ihr Material zu einer weltweit grassierenden Stadt-Eugenik. Mit durchaus kontroversen Thesen unternehmen sie den Versuch, die Entwicklungsgeschichte hin zur Nachkriegsmoderne neu zu denken.

Planer, so Gutschow und Düwel, hätten seit den Zwanzigern in Europa völlig unabhängig von ideologischen Systemen und nationalen Feindschaften aus den gleichen Motiven das selbe Ziel verfolgt: Sie alle hassten die übervölkerte, schmutzige, enge und dunkle Großstadt, in der sie lebten, und wollten sie deswegen durch eine radikal aufgelockerte Bebauung ersetzen. Ob Nazis, Sowjets und Demokraten, die Stadtmodelle würden sich in der Struktur kaum unterscheiden: locker verbundene Siedlungszelle, in denen Handel, Industrie, Wohnen und Verwaltung getrennt wurden wie explosive Substanzen. Unterschiede seien rein ästhetischer Natur: Scheibenhochhaus im Westen, Testosteron-Klassizismus im Dritten Reich, beim Sowjet die Platte für den Werktätigen, den Protz für die Partei.

Mit zahlreichen Filmen, Plänen, Zitaten und Bildern skizzieren Gutschow und Düwel diese kongruente Geisteshaltung in Europa und Amerika für die Zeit bis 1945. Ausgehend vom Kampf der deutschen Architekten in den Zwanzigern gegen die so genannten "Mietskasernen ohne Luft und Licht" – gemeint war damit die dichte Gründerzeitbebauung, die wir heute so schätzen – verfolgt die Ausstellung die Phasen vom gut gemeinten Reformgeist zur internationalen Begeisterung für den Luftkrieg. Aus einer tiefen Frustration über die Unmöglichkeit, die bestehenden Innenstädte im Stil eines modernen Baron Haussmann neu zu erfinden, sahen Planer den Verlust an Geschichte nicht als Opfer, sondern als Chance: so in Rotterdam, Warschau, Coventry oder Stalingrad, die von den Deutschen dem Erdboden gleich gemacht wurden, wie in Berlin, Hamburg oder Dresden, wo angeblich kein vernünftiger Mensch dem alten Krempel eine Träne nachgeweint habe.

Doch bereits in der Vorkriegszeit suchten die Künder der Neuen Stadt den Schulterschluss zum Militärischen. Le Corbusier sprach 1934 seiner ganzen Zunft aus der Seele, wenn er schrieb: "Schwäche, Feigheit, niedrige Intentionen und die Gier nach Geld sind solche Hemmnisse des Urbanismus, dass ich letztlich glaube, nur die Angst wird die Menschen ernstlich aufrütteln. Vielleicht wird die Furcht vor Luftbomben endlich zu einer grundsätzlichen Transformation unserer Städte durch Abbruch und Wiederaufbau führen." Der Luftkrieg als Zuchtmeister einer vernünftigen Stadtplanung sollte also dazu führen, dass die Städte sich selbst abreißen und zum Schutz gegen Bomben in der militärischen Ordnung stramm stehender Hochbauten mit Distanzgrün neu erstehen.

Dass die "strahlende Stadt" (Ville Radieuse) mit ihren 60-stöckigen Punkthochhäusern, die Le Corbusier und seine Zeitgenossen auf den Friedhöfen der alten Baukultur errichten wollten, eigentlich nur in Diktaturen wie Russland und China konsequent zur Anwendung kam, leuchtet rückwirkend den Geist dieser tyrannischen Planung natürlich besser aus, als man es damals erkennen konnte. Vor den teilweise beängstigenden und gefährlichen Lebensumständen in den Quartieren der Armen und Arbeiter erschien die architektonische Radikalkur den Sozialvisionären wie eine Befreiung. Und auch diesen Kontrast versucht die Ausstellung plastisch zu machen:
Zwei Filme von Laszlo Moholy-Nagy von 1932 etwa, die das Hofleben in der Berliner Ackerstraße und das Hafenviertel von Marseille zeigen, dokumentieren Straßen voller Schmutzberge, Urin, der die Gassen runterrinnt, und Babys, die im Dreck spielen. Aber diese Filme zeigen vor allem fröhliche Menschen, Kinder, die mit lebenden Bären unterwegs sind, singende Bettlerinnen und schwatzende Alte. Sie zeigen eine Stadt der Intimität und Nähe, die man nach dem Wüten der Nachkriegsmoderne erst mühsam wieder rekonstruieren musste. Und diese Vitalität, die so vollkommen gegen die angebliche Logik der modernen Stadtplanung spricht, stellt auch die zentrale These der Ausstellung in Frage: Gab es in den Vierziger Jahren wirklich niemand, der die großen Qualitäten der Gründerzeitstadt erkennen konnte?

Die Stärke dieser hochinteressanten Ausstellung ist es, dass sie Material für und wider ihre Thesen präsentiert. Beispiele aus Frankreich, Russland und Deutschland zeigen bereits während des Krieges Rekonstruktionsbestrebungen des Alten oder Orientierung an historischen Vorbildern. Und die Zeichner absurder Idealstädte, die Konstanty Gutschows Stab noch kurz vor der Kapitulation entwarf, beschäftigten sich kurz nach dem Zusammenbruch ganz pragmatisch mit der Wiederherstellung des brauchbaren Baubestands in der Innenstadt. Das dogmatische Segnungsbewusstsein der Moderne war damit aber keineswegs besiegt. Noch bis in die Sechziger Jahre sprachen die Jünger des Bauhaus von der "verpassten Chance" der Nachkriegszeit. Die "ersehnte Katastrophe" (wie die Ausstellung eigentlich heißen sollte) war diesen Stadthygienikern immer noch nicht weit genug gegangen.

Die erwartete Katastrophe

Die Ausstellung in der freien Akademie der Künste geht noch bis zum 29. September

Kataloge:
"A Blessing in Disguise – War and Town Planning in Europe 1940-1945", Dom Publishers Berlin, 418 Seiten, 98 Euro
"Ein seltsam glücklicher Augenblick – Zerstörung und Städtebau in Hamburg 1842 und 1943", Dom Publishers Berlin, 176 Seiten, 28 Euro
http://www.akademie-der-kuenste.de/progr.html