Blaue Stadt - Niederlande

Wasser, Marsch!

In knalligem Schwimmbadblau gestrichen, schlängelt sich die Straße durch die nord-niederländische Stadt Drachten. Mit seinem ungewöhnlichen Kunstprojekt hat Henk Hofstra den Verlauf einer alten Gracht markiert, die einst zugeschüttet worden war, jetzt aber wieder ausgegraben werden soll

In über 20 niederländischen Städten laufen derzeit ähnliche Projekte. Denn alle hatten sie das Wasser zugunsten des Autoverkehrs aus ihren Stadtzentren verbannt, Kanäle und Grachten zugeschüttet, um Straßen zu gewinnen. Nun sollen die Bausünden der sechziger und siebziger Jahre rückgängig gemacht werden.

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Strecken Teaser

Am weitesten fortgeschritten ist Breda: In der südniederländische Grenzstadt wurden bereits 200 von insgesamt 1000 Metern Gracht samt des alten Hafenbeckens rekonstruiert. Dort, wo einst eine Blechlawine Richtung Innenstadt rollte, strömt seit dem Sommer wieder Wasser unter zwei neuen Brücken hindurch. Auf ihnen drängen sich Spaziergänger, und am Ufer entlang machen sich neu eröffnete Café-Terrassen unter jungen Bäumen den Platz streitig.

„Sieht das nicht fantastisch aus?“, schwärmt Bauarbeiter Gerard Razenberg, der bereits die nächsten 800 Meter in Angriff genommen hat. „Das ist einer meiner schönsten Aufträge!“ Vor 40 Jahren hatte er mitgeholfen, den Hafen zuzuschütten - an seine Stelle kam die erste Tiefgarage der Niederlande und darüber eine vierspurige Strasse. „Das Auto war heilig“, erinnert er sich, „jeder hatte eines.“ Dafür habe man ein malerisches Stück Stadt geopfert. „Aber jetzt ist es wieder da“, freut sich der 59jährige. „Und ich konnte dazu beitragen!“

Denn Wasser, so die Einsicht, erhöht die Lebensqualität einer Stadt und ihren kulturhistorischen Wert. Ganze Straßenzüge können aufgewertet werden, wenn die Häuser plötzlich wieder Aussicht aufs Wasser bieten und sich am Ufer Läden und Cafés niederlassen. Dadurch sorgt das Wasser auch für wichtige touristische und wirtschaftliche Impulse. Für die Niederländer ist es zudem Teil der nationalen Identität: Die Grachten in den historischen Innenstädten gehören zu Holland wie die Tulpen und die Windmühlen. „Viele Städte verdanken ihre Gründung dem Wasser“, erklärt Projektleiter Dirk Oudshoorn. „Breda etwa ist entstanden, weil hier bei einem Hügel zwei Flüsse zusammenflossen.

Außerdem lässt sich durch mehr Grachten und Kanäle in der Innenstadt dem Klimawandel die Stirn bieten: Denn der lässt nicht nur den Meeresspiegel steigen, er sorgt auch für mehr Regenfälle. „Aber in stark asphaltierten Gebieten wie Städten kann das Wasser nur schwer abfließen, erklärt Projektleiter Oudshoorn. „Durch neue Grachten und Kanäle wird ihm mehr Raum gegeben.“ Diese Überlegung war auch für ein von der EU subventioniertes Projekt, bei dem Brenda die Leitung übernommen hat, ausschlaggebend: „Water in historic city centres“ (WIC). Sechs europäische Städte haben sich dazu zusammengeschlossen: Breda und Herzogenbosch in den Niederlanden, Gent und Mechelen in Belgien, Limerick in Irland und Chester in Großbritannien.

„Überall wächst die Erkenntnis, dass es ein historischer Fehler war, das Wasser aus der Innenstadt zu verbannen“, weiß Dezernent Kees Schoenmakers aus Breda, der inzwischen Städtebauexperten aus ganz Europa empfängt. Bei den eigenen Wählern allerdings musste er zunächst Überzeugungsarbeit leisten: Die linken Oppositionsparteien in Breda hielten das 30 Millionen Euro teure Projekt für Geldverschwendung. Auch die Geschäftsleute waren dagegen: Fast drei Jahre lang litten sie unter Lärm und Schmutz und waren zeitweise nur schwer erreichbar. Wer starke Umsatzeinbußen nachweisen konnte, wurde deshalb von der Stadt kompensiert.

Das Ergebnis jedoch stimmt fast alle optimistisch: Das Wasser hat das Gebiet so aufgewertet, dass mehr Besucher und damit auch potentielle Konsumenten vorbeikommen als früher. „Mit dem Auto können meine Kunden jetzt zwar nicht mehr vorfahren“, meint die Inhaberin eines Parkettladens. „Aber dafür bummeln viel mehr Leute als früher an meinem Schaufenster vorbei.“ Die junge Bedienung vom Restaurant nebenan ist ebenfalls begeistert: „Wir haben jetzt eine Terrasse direkt am Wasser – das ist Toplage“, freut sie sich.

Auch in Drachten sind die Bürger inzwischen auf den Geschmack gekommen – dank der „Blauen Strasse“ von Künstler Henk Hofstra: „Am Anfang wurde noch gemeckert, jetzt können die Leute die Rückkehr des Wassers kaum erwarten.“ Viele sind stolz auf ihre Stadt, denn inzwischen hat es sich selbst im fernen Amerika herumgesprochen, was in Drachten passieren soll. Dafür hat der aus der Umgebung stammende Schauspieler Rutger Hauer gesorgt, der in Hollywood Karriere gemacht hat: „Früher sagte er immer, er komme aus dem Norden der Niederlande“, sagt Hofstra. Jetzt sage er: „Ich komme aus der Stadt mit der blauen Straße.“

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