Adolf Krischanitz - Interview

Architektur finden, die mehr riskiert

Adolf Krischanitz, Architekt der Temporären Kunsthalle Berlin, hat sich gegen einen originalgetreuen Fassaden-Wiederaufbau am Berliner Stadtschloss ausgesprochen.
"Architektur finden, die mehr riskiert":Interview mit Adolf Krischanitz

Die Temporäre Kunsthalle Berlin ist auf dem Weg zur Realisierung. Im September soll der Bau auf dem Berliner Schlossplatz fertig sein

"Für mich kann es nicht sein, eine Fassade auf Alt zu bauen und dahinter moderne Räume einzurichten", sagte Krischanitz, der auf dem Schlossplatz eine provisorische Kunsthalle baut, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Wettbewerbsvorgabe einer Teilrekonstruktion der Schlossfassade mit neuem Gebäude sei "der höchste Anspruch an Architekten". Er sei skeptisch, ob dies gelingen könne.

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Es gebe viele abschreckende Beispiele für die misslungene Rekonstruktion historischer Gebäude. "Wenn es aber gelingt, die Fassade so zu rekonstruieren, dass sie ein Kommentar zur Geschichte des Platzes ist, dann wäre ich dafür." Es stelle sich dabei die Frage, ob ein so komplexes Thema mit den Mitteln der Architektur darzustellen ist.

Der 62-jährige Krischanitz, der als einer der profiliertesten österreichischen Architekten gilt, gehört dem jüngst gebildeten Beraterkolleg der Berliner Bauverwaltung an. Das Gremium wolle durch die Beteiligung aller Interessierten an der Stadtplanung Misstrauen gegenüber zeitgenössischer Architektur abbauen. "Es ist relativ leicht, Stimmung gegen moderne Architektur zu erzeugen." Dies sei auch in der Debatte um die Neugestaltung der Staatsoper Unter den Linden deutlich geworden.

"Neue Phase einer kritischen Rekonstruktion"

"Zeitgenössische Architektur im besten Sinne braucht Entwicklungshilfe", sagte Krischanitz. Er selber sei in Wien Zielscheibe von Kritik bei dem Bau einer provisorischen Kunsthalle auf dem Wiener Karlsplatz gewesen. "Da gab es einen richtigen Volksaufstand." Der Architekt, der seit 16 Jahren Professor für Stadterneuerung und Entwerfen an der Berliner Universität der Künste (UdK) ist, forderte mehr Mut bei künftigen städtebaulichen Entscheidungen in Berlin. Die vom früheren Baudirektor Hans Stimmann beförderte "Kritische Rekonstruktion" der Berliner Innenstadt müsse nun in eine neue Phase eintreten.

"Die Herausforderung ist, den Schalthebel für eine Architektur zu finden, die etwas mehr riskiert", sagte Krischanitz. "Diese Gelenkigkeit muss Berlin noch entwickeln." Dazu zähle er auch Politiker und Architekten. Ärgste Beispiele für misslungene Architektur seien jene Gebäude, "bei denen die Berliner Stadtverwaltung die Architekten zur Räson bringen wollte". So sei etwa der Pariser Platz "ein bisschen öde und das Hotel Adlon nicht gerade eine architektonische Offenbarung", sagte Krischanitz.

Krischanitz äußerte Verständnis für die Beteiligung von Privatinvestoren an öffentlichen Bauten. "Die öffentliche Hand ist 'pleite', und sie kann nicht mehr alle Aufgaben der Stadtplanung übernehmen." Voraussetzung sei, dass sich die Investoren zu einer qualitativ hochwertigen Architektur bekennen.

Esteban Engel, dpa