Karo Architekten - Leipzig

Preisgekröntes Lesezeichen

Er ging nicht an die Architektenstars von Herzog & de Meuron, auch nicht an das für den riesigen Burj-Khalifa-Tower in Dubai nominierte Büro Skidmore, Owings and Merrill aus Chicago – den renommierten "Brit Insurance Design Award" für Architektur erhielt dieses Jahr ein Leipziger Architekturbüro.
Prinzip Wiederverwertung:Architekturpreis für Leipziger Büro

Das "Lesezeichen für Salbke" in Magdeburg

Das kleine Leipziger Architekturbüro "KARO* architekten" hat mit dem "Brit Insurance Designs Award" einen der weltweit renommiertesten Designpreise gewonnen. 2009 realisierte das dreiköpfige Team auf einer Brachfläche im Madgeburger Ortsteil Salbke für die Anwohner eine Bürgerbibliothek mit 30 000 Bänden. Das "Lesezeichen für Salbke" besteht unter anderem aus recycelten Fassadenelementen eines sechziger Jahre-Kaufhauses.

Die Aluformteile, die dem benutzbaren Freiluftkunstwerk heute sein unverwechselbares Aussehen geben, stammen von einem ehemaligen Horten-Warenhaus aus der Stadt Hamm, das 2007 abgerissen wurde. Es wurde 1966 von den Architekten Rhode Kellermann Wawrowski (RKW) gebaut und folgte dem damaligen Zeitgeschmack, wie auch zahlreiche bekannte Kaufhausbauten in der ehemaligen DDR. Insofern ist auch der gewitzte Architekturtransfer von West nach Ost ein spannender Schachzug, der die aktuellen Debatten um Nachkriegsmoderne und sozialistisches Bauerbe zusammenführt.

Magdeburg ist zudem eine Stadt, die mit ihren Kriegsschäden und ihrer Block- und Lückenbebauung aus DDR-Zeiten eine schwere Last zu tragen hat: Es ist eine Stadt, die noch immer wenig Flair hat und auch sonst um den Anschluss an Gegenwartskultur kämpfen muss. Insofern kommt mit dem "Lesezeichen für Salbke" und auch mit dessen Honorierung durch den "Brit Insurance Designs Award" ein frischer Wind in die urbane Landschaft der Stadt – wie klein diese Realisierung auch sein mag. Bereits 2005 legten die "KARO* architekten" vor Ort eine Art Bibliothek auf Probe an, um die Resonanz dafür zu überprüfen. Damals bestand das Baumaterial noch aus 1000 Bierkisten, die ein örtlicher Getränkehändler zur Verfügung gestellt hatte. Das improvisierte Bibliotheksmöbel stand zwar nur zwei Tage, doch als Folge des verbundenen Workshops haben Anwohner die Idee begeistert weitergeführt. Schnell wuchs der Buchbestand, besonders durch Spenden, auf 10 000 Bände an. Der Enthusiasmus erklärt sich auch daher, weil es noch in den achtziger Jahre in dem Viertel eine Ortsbücherei gab, die nach einem Gebäudebrand nicht ersetzt wurde. Salbke fehlte seitdem die Mitte, zusätzlich kann man auch hier auch postindustrielle Verödung von Nahem betrachten. Wegzug, Leerstand und Arbeitslosigkeit haben ihre Spuren hinterlassen. Anders als zahlreiche nomadisierende Kunstprojekte zwischen Halle und Hoyerswerda, die sich kurzzeitig mit den traurigen Symptomen von Stadtschrumpfung befassten, ist hier etwas Nachhaltiges passiert. Eine soziale Plastik hat offenbar den Sprung von der Utopie in die Realität geschafft.

Das erkannte auch die Londoner Preisjury und befand: "Eine zum Nachdenken anregende Wiederverwertung, die eine müde Ecke in einer erschöpften Stadt energetisch auflädt. Billig, flexibel und gediegen, setzt die Magdeburger Bibliothek intelligente, interessierte und verantwortungsvolle Bürger voraus." Wie David gegen Goliath setzten sich "KARO* architekten" gegen so mächtige Konkurrenten wie das Megahochhaus "Burj Kahlifa" in Dubai oder das Vitra-Haus von Herzog & de Meuron durch. Eine Überraschung einmal mehr, als die Leipziger auch in der Vergangenheit nicht mit Großbauten reüssierten, sondern sich eher auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Architektur bewegen.

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