Realstadt - Berlin

Von Zick-Zack-Hausen bis Utopia

Ein virtuelles Stadtmodell von Berlin zur Endphase der DDR, eine Zukunftsvision des Berliner Stadtschlosses von 2057 oder der Entwurf Mies van der Rohes, den er 1921 für den legendären Friedrichstraßen-Hochhaus-Wettbewerb schuf: nur drei von über 250 Architekturmodellen in der Ausstellung "Realstadt – Wünsche als Wirklichkeit" im ehemaligen Berliner Kraftwerk Mitte.
Von Zick-Zack-Hausen bis Utopia:Alltägliches Rauschen, Experimente, Visionen

Hintergrund: Jakob Michael Birn: "A Question of Lust - Der Berliner Lustgarten a.d. 2057"; Mitte: Splitterwerk: "Planet Splitterwerk"; Vordergrund: Historischer Stadtkern Rietberg

Berlin 2057: Das Stadtschloss ist eine militärgraue Kaserne. Gleich daneben ragt der ehemalige Palast der Republik, senkrecht aufgestellt, als kupferfarben verspiegeltes Hochhaus in den endlosen Raum. Und die Spitze des Fernsehturms verschwindet in einem Wald aus Wolkenkratzern.

Die Zukunftsvision "A question of Lust – der Berliner Schlossgarten d.D. 2057" von Michael Birns lässt sich mit ein paar Schritten umrunden und wie von einem Adler im Flug von oben herab betrachten. Sie ist eines von über 250 Architekturmodellen in der Ausstellung Realstadt – Wünsche als Wirklichkeit, die sich auf meterlangen Podesten im 1997 stillgelegten Kraftwerk Mitte aneinanderreihen. Wie ein Riese spaziert man von Aachen nach Bremen, von Hamburg nach Ulm, überblickt West- und Ostberlin und schaut in Penthausetagen. Schauplatz für diese Stadt auf Zeit ist die gewaltige Turbinenhalle des 1961 erbauten E-Werks. Bis über DDR-Zeiten hinaus lieferte es dem gesamten Berliner Osten Energie. Jetzt wird die 30 Meter hohe Halle erstmals zum Ausstellungsraum.

Die Stadtlandschaften inszenierte der Schweizer Szenograf Tristan Kobler, von Holzer Kobler Architekturen, ganz ohne Hierarchien. Ein Modell des Berliner Brunnenstraßen-Galeriebaus von Arno Brandlhuber platziert er unweit eines Entwurfs von Mies van der Rohe, den dieser 1921 für den legendären Friedrichstraßen-Hochhaus-Wettbewerb geschaffen hatte. Damals nahmen die Juroren seinen Beitrag nicht ernst – die komplett verglaste Fassade war zu fortschrittlich. Dennoch entfachte der Baumeister mit dem Entwurf den Boom gläserner Wolkenkratzer. Visionär ist auch das grandiose Relief von "Scopulus": Der Braunschweiger Christian Werner verwandelt ein virtuelles Stadtmodell von Berlin zur Endphase der DDR um 1988 einschließlich der geplanten Repräsentationsbauten mit millimetergenauer CNC-Fräsetechnik in Holzreliefs. Selbst der Alex ragt im Maßstab 1:5 000 wie eine Nadel zwischen den Dächern heraus. Konstruktionszeit: über 300 Stunden.

"Wir wollten auch das alltägliche Rauschen abbilden, das Stadt ausmacht"

Basis für das Projekt Realstadt waren die 55 Gewinner des "Nationalen Preises für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur", die das Bundesbauministerium 2009 gekürt hatte. Um weitere Modelle zu finden, startete der Schweizer Martin Heller, langjähriger Direktor des Museums für Gestaltung in Zürich und Intendant von Linz2009 Kulturhauptstadt Europas, sowie die freie Kuratorin Angelika Fitz aus Wien einen landesweiten Aufruf. Dabei sprachen sie alle städtischen Akteure an, von renommierten Architekturbüros über Hochschulen und Museen bis hin zu Kitas. "Wir wollten auch das alltägliche Rauschen abbilden, das Stadt ausmacht – nicht nur die Perlen unserer Lieblingsarchitekten herauspicken", erklärt Angelika Fitz, die auch Beiträge für die internationale Architekturbiennale in Sao Paulo verantwortet. "Deshalb sind auch Modelle von eher pragmatischen Investorenprojekten, von gescheiterten Wettbewerben und Studien von Architekturstudenten dabei."

Zum Beispiel Zick-Zack-Hausen von der Fachhochschule Frankfurt. Ein paar Entwürfe von Stararchitekten tauchen aber auch auf. Etwa das geschwungene Umweltbundesamt Dessau von Sauerbruch Hutton, realisiert 1998 als Musterbeispiel ökologischen Bauens. Oder die Gläserne Manufaktur von Henn-Architekten in Dresden. Und Herzog & de Meurons Allianz-Arena in München von 2005, die eine der ersten Bauten einer neuen Stadien-Generation war, die das Stadtbild maßgeblich prägten.

Neuartige Wohnformen und die Zukunft der Müllkippe

Beleuchtet von riesigen Ballonlampen, die wie Monde über den Modellen schweben, werden auch lichte Zukunftsvisionen. Etwa das schneeweiße Modell einer Müllkippe in Hamburg-Georgswerder. Bis zur Internationalen Bauausstellung 2013 soll die Deponie zu einem Energieberg mit Photovoltaik-, Windkraftanlagen und Wissensparcours transformiert werden. Derartige Entwicklungsstudien für deutsche Städte, neuartige Wohnformen, Experimente und Utopien sind Thema der Schau – nicht wuchernde Megastädte wie Dubai oder Shanghai.

Was nach der Ausstellung mit der Industrieruine passiert? Einen Raum für kulturellen und gesellschaftlichen Wandel will der Betreiber des "Trafo" (steht für Transformator), Dimitri Hegemann, hier etablieren. Der Kultur- und Musikwissenschaftler, der vor drei Jahren mit seinem Technoclub "Tresor" in das Kraftwerk einzog, möchte vor allem raumgreifende Licht- und Videokunst zeigen. Aber erstmal ist Berlin um ein 22 000 Quadratmeter großes Zwischennutzungsgebäude reicher – so eines wie der Tempelhof für die Kunstmesse Preview ist oder das alte Stadtbad Prenzlauer Berg für Parties. Eine Etage des E-Werks würde er auch dem Fotoforum C/O Berlin anbieten, dem der Rauswurf aus dem Postfuhramt in der Oranienburger Straße droht, oder der Berlinale für ein Videofestival. Und wer sonntagmorgens in die Ausstellung kommt, entdeckt durch ein kleines Fenster noch die letzten Nachtschwärmer im Tresor.

Realstadt

Termin: bis 28. November 2010, Köpenicker Straße 70, 10179 Berlin
http://www.realstadt.de/

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