Postmoderne - Architektur

Hundertwasser trifft Klassik im Drogenrausch

Auf Facebook sammelt er die schrägsten Entgleisungen postmoderner Architektur – und kämpft zugleich für ihre Anerkennung. Ein Gespräch mit Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM).
Hundertwasser trifft Klassik im Drogenrausch

"Hundertwasser trifft Klassik im Drogenrausch" – bei diesem Gebäude befällt sogar Postmoderne-Freund Oliver Elser Geschmacksgrusel: Les Schtroumpf in Genf, erbaut von Christian Hunziker, Robert Frei und Georges Berthoud

art: Herr Elser, Sie haben auf Facebook die Postmodernism Appreciation Society ins Leben gerufen, eine Gesellschaft zur Anerkennung der architektonischen Postmoderne. Das klingt, als handele es sich bei dieser Architektur um eine verschmähte Minderheit – dabei begegnet sie einem in den hiesigen Stadtbildern doch auf Schritt und Tritt. Braucht die Postmoderne wirklich schon die Lobbyarbeit von Liebhabern?

Unbedingt. Denn die Postmoderne ist die derzeit meistgehasste Epoche der Baugeschichte. Es gibt keinen Architekten, der von sich selbst sagen würde, er sei ein Postmoderner. Es geht also zunächst, wie bei einer Selbsthilfegruppe, um Entstigmatisierung.

Gleichzeitig ist die Initiative durch und durch ironisch, was ein Kennzeichen des postmodernen Denkens ist. Den Namen haben wir bei der sehr erfolgreichen "Brutalism Appreciation Society" geklaut, die 9279 Mitglieder hat, also zehnmal mehr als die Postmoderne-Fans.

Verglaste Eingangsüberdachungen, rundperforierte Treppenkonstruktionen aus mattgrauem Stahl, die Inflation von Bullaugenfenstern und Materialimitaten vor Dämmplatten – die Postmoderne überlebt heute vor allem in den Fertigbauteilen der Billigarchitektur. Trägt sie ihr schlechtes Image nicht zu Recht?

Zugegeben, ein hohes Maß an Grusel ist dabei, wenn man sich mit postmoderner Architektur beschäftigt. Aber ernsthaft: Die sehr begrüßenswerte "Zurück zur Stadt"-Bewegung, die vielen deutschen Städten momentan steigende Bevölkerungszahlen beschert, ist auch ein Resultat der Postmoderne. Moderne = Auto, Siedlung und Einfamilienhaus. Postmoderne = Fußgänger, Innenstadt und Etagenwohnung.

Ist holzimitierendes Laminat ein postmoderner Baustoff?

Nein. 1984 hätte man schwarz-weiße Bodenfliesen im Schachbrettmuster verlegt. Oder einen Gummi-Noppenboden in schwarz oder, wie in James Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie, in grasgrün.

Dann tue ich der Postmoderne unrecht, wenn ich sie für die grassierende Verwendung von Materialnachahmungen und billig umgesetzten Formzitaten verantwortlich mache?

Das Gegenteil ist der Fall! Bei den besten postmodernen Bauten spielt das Material eine große Rolle. Das postmoderne Interesse an Traditionen hat zu einer neuen Handwerkskultur geführt. Aber es stimmt gleichzeitig, dass es eine Epoche voller lauwarmer Stilzitate ist, die unter dem Vorwand der Ironie von Architekten aus der dritten Reihe tatsächlich äußerst billig umgesetzt wurden.

Mit welchem Bauwerk in Deutschland würden Sie versuchen, mich von den Vorzügen der Postmoderne zu überzeugen?

Mein Lieblingsbeispiel wurde in einem großen Artikel in Ihrer Zeitschrift ausführlich gewürdigt: 1988 berichtete art über die Landeszentralbank in Frankfurt. Die Architektengruppe hieß Jourdan-Müller und Berghof-Landes-Rang. Die Qualität liegt zum einen in der städtebaulichen Geste: die Abkehr vom damals sehr umstrittenen Hochhausbau und das Anlegen grüner Höfe. Herausragend ist aber vor allem die Qualität und Intensität der Details. Bei diesem Bau spürt jeder, wie damals das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen wurde. Plötzlich durften Architekten wieder Spaß beim Entwerfen haben, die Zeit des selbst auferlegten Lustverzichts war vorbei.

Als Architekturhistoriker: Wie beurteilen Sie die im Zuge des Bilbao-Effekts verbreitete Gepflogenheit, mit spektakulären Einzelbauwerken berühmter Architekten vermeintlich unverwechselbare Landmarken zu schaffen? Und hat die Postmoderne dieser verspielten, expressiven und in Hinblick auf ihre städtebauliche Umgebung oft rücksichtslos erscheinende Stararchitektur nicht in gewisser Weise den Weg bereitet?

Das stimmt. Der Bilbao-Effekt hatte übrigens in Frankfurt am Main seine Geburtsstunde. In einer Hotelsuite traten drei Architektenteams gegeneinander an: Frank Gehry, Arata Isozaki und CoopHimmelblau. Thomas Krens, der damalige Guggenheim-Direktor, ließ sich die Entwürfe für Bilbao vorführen. Heinrich Klotz, der Gründungsdirektor des DAM und entschiedener Propagandist der Postmoderne, stand ihm als Berater zur Seite. Die Erinnerungen von Klotz haben wir am DAM gerade als "Klotz-Tapes" publiziert. Das Resultat dieser Sitzung, das Guggenheim-Museum in Bilbao, hat dann Architekturgeschichte geschrieben. Eigentlich aber wollte die Postmoderne das Gegenteil: Einfügung in die Umgebung statt freistehendes Monument, lautete ihr Credo. Doch bei den Kulturbauten, die Sie ansprechen, haben die Architekten sich – wie bereits in der Moderne und Spätmoderne zuvor – zur Spektakel-Architektur hinreißen lassen.

Was glauben Sie, wird von der Gegenwart für die Architekturgeschichte bleiben? Sind es die vielen Museumsneubauten und Firmenrepräsentanzen der Stararchitekten? Oder die hellen Sandsteinblöcke mit ihren monoton gereihten "Schießschartenfenstern", wie sie mittlerweile in jeder mittleren Großstadt aufpoppen?

Die Gegenwart hat ja die ironischen Aspekte der Postmoderne schon lange hinter sich gelassen, wenngleich wir stilistisch immer noch auf postmodernen Schultern stehen. Die Zeiten sind eben anhaltend konservativ, da wird pseudosolider Naturstein – oder Backstein bei Ihnen in Hamburg – seit 30 Jahren gerne nachgefragt. Von den postmodernen Hauptwerken bleiben sicher die großen Museen: Holleins Abteiberg in Mönchengladbach und sein MMK in Frankfurt, Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie, das Museum Ludwig in Köln von Busmann+Haberer. Sicherlich auch die kunterbunten "Townhouses" der Saalgasse in Frankfurt, deren Denkmalwert bereits in einem Rechtsstreit bestätigt wurde. Was Sie Schießschartenarchitektur nennen, dürfte in 30 Jahren ein Sanierungsfall sein, genauso wie heute die eleganten Fassaden der fünfziger Jahre.

Hand auf’s Herz: Was sind die drei schauerlichsten Gebäude aus der Galerie der "Postmodernism Appreciation Society"? Und was ist da schiefgelaufen?

Zwischen 1982 und 1990 entstand in Genf die Wohnanlage "Les Schtroumpf" (Die Schlümpfe), die Architekten waren Christian Hunziker, Robert Frei und Georges Berthoud: Hundertwasser trifft Klassik im Drogenrausch. Völlig grotesk ist auch das Mazda-Autohaus von Kengo Kuma in Tokyo, eröffnet 1991. Sein erster Bau. Man schätzt ja Kuma, der mittlerweile ein Weltstar ist, für seine materialsensiblen, minimalistischen Pavillons. Hier sind ihm beim Griff in die Baugeschichte die Größenverhältnisse verrutscht. Diese riesige dorische Säule! Ehrlich gesagt finde ich das Ding ziemlich gut. Mittlerweile soll ein Bestattungsinstitut eingezogen sein, passt ja auch. Und drittens, eine gerade erst fertiggestellte Großraum-Diskothek in Mainz-Hechtsheim. Dass die Idee mit der Pyramide kein Unfall war, sieht man am Obelisken aus schwarzem Blech. Wirklich bizarr.

Ich habe heute ein Foto von unserem Verlagsgebäude am Hamburger Hafen gemacht. Es lehnt sich – Ortsbezug – an die Architektur großer Schiffe an. Die stählernen Laubengänge erinnern ein bisschen an das nach außen gelagerte Tragwerk des Centre Pompidou, einer der Ikonen der Postmoderne. Es wirkt in Form und Anordnung insgesamt recht verspielt. Wäre das Bild eher ein Fall für die Gruselabteilung Ihrer Galerie oder ein gutes Beispiel für postmoderne Architektur?

Das Gruner+Jahr-Verlagsgebäude der sehr renommierten Architekten Otto Steidle und Uwe Kiessler aus München ist eindeutig auf der Seite der hervorragenden Bauten der Postmoderne: deutlich ablesbarer Ortsbezug, ein menschlicher Maßstab für die Arbeitsplätze und eine stadtverträgliche Einfügung. Das ist doch alles sehr gelungen, oder? Es gibt bundesweit nicht viele Beispiele einer solchen freundlichen Techno-Postmoderne. Das Centre Pompidou hingegen ist eher ein spätes Kind der Maschinen-Ästhetik der sechziger Jahre. Postmodern sind daran eigentlich nur die poppigen Farben und das übertriebene Zelebrieren der Abluftrohre.

Postmodernism Appreciation Society

Facebook Gruppe zur Anerkennung der Postmodernen Architektur
https://www.facebook.com/groups/pomo.architecture