12. Architekturbiennale 2010 - Venedig

Orte, die unser Glück behausen

Eine Holzarche, Nebelklänge und Gartenschläuche: Auf der zwölften Architekturbiennale in Venedig wird eher geträumt als gebaut. Gehen der Baukunst die Argumente aus? art-Architekturkritiker Till Briegleb hat sich in Venedig umgesehen.

Wer sich von der Architekturbienale in Venedig eine Antwort auf die Frage erhofft, wo die Baukunst heute steht, den schickt sie in die totale Konfusion. Stärker noch als ihre große Schwester, die Kunstbiennale, überfordert diese riesige Ideenmesse, die am Freitag eröffnet wurde, auch den geduldigsten Sinnsucher mit Ansätzen und Perspektiven.

Visionäre und konkrete Vorschläge, künstlerische und nüchterne, versponnene und ambitionierte treten hier neben- und gegeneinander auf und bekämpfen zusammen vor allem eins: die Orientierung. 46 Beiträge in der Hauptausstellung plus 53 eigenkuratierte Ausstellungen der teilnehmenden Länder addieren sich zu Tausenden von Exponaten, die individuelle Lösungen für allgemeine Krisen vorstellen. Da schlägt das stolze Singapur durchaus ironisch vor, die gesamte Menschheit in 999 Kopien ihrer Hochhausstadt unterzubringen, damit die restliche Welt wieder frei atmen kann, während der ukrainische Beitrag mit geradezu religiösem Ernst die Katastrophe von Tschernobyl als Menetekel verklärt, das ein Ende unserer technischen Frömmigkeit verlangt.

Die Dänen feiern sich im Selbstlob für ihre tolle Stadtentwicklung in Kopenhagen, während die Griechen schon mal eine Holzarche bauen. Die Australier entführen die Besucher in ein totales Utopia à la "Star Wars", während die Taiwanesen in einem schicken Pausenraum mit Jakuzzi das Ende der Beschleunigung fordern. Schließlich macht es der italienische Pavillon jedem Recht und versammelt alle vorstellbaren Möglichkeiten der Hausgestaltung, während auf Billbords darüber alle vorstellbaren Fragen zu Stadtentwicklung formuliert sind – danach hat man nur noch Sehnsucht nach der einsamen Insel, zumindest einer einsameren als Venedig.

Trotzdem lassen sich zwei wesentliche Gedankenschneisen durch das Dickicht schlagen. Zum einen beten die Architekten ihre ökologische Selbstverpflichtung inzwischen mit der Monotonie eines Rosenkranzes herunter, so dass man wieder froh ist über jeden ketzerischen Beitrag, der daran erinnert, dass die liebe Natur zunächst einmal der Feind des Menschen ist – etwa die grünlich leuchtende Installation des französichen Büros R&Sie(n), die den Besucher im Vorbeigehen ein bisschen radioaktiv verstrahlt. Trotzdem ist Öko die angesagte Ideologie der Gegenwart und langweilt allerorts – und vor allem im amerikanischen Pavillon – mit poppig aufgemachten Animationen des angeblich neuesten Trends: begrünte Fassaden und innerstädtisches Ackerland, gerne auch in und an Hochhäusern. Dass dies wahrlich alte Hüte sind, ist gar nicht so schlimm, aber dass sie heute jeder aufhat, macht den weit verbreiteten Ökostolz doch ein wenig zum Konformismus, der nach Häresie schreit.

Öko-Ideologie langweilt allerorts

Eine zweite Richtschnur hat die künstlerische Leiterin, Kazuyo Sejima (im Gebrauchsleben Partnerin des japanischen Büros SANAA), mit ihrem Motto "People meet in Architecture" gezogen. Im Kontrast zu den vielen theoretischen Konzepthülsen und globalen Problemlösungsstrategien der Vergangenheit wollte Sejima – die erste Frau als Chefkuratorin im zwölften Anlauf – endlich wieder von der alltäglichen menschlichen Beziehung zur gebauten Umwelt erzählen lassen. Doch anders, als das manch Besucher erwartet haben mag, formulierte sich Sejimas These, dass sinnliche Umwelt eine wesentliche Voraussetzung für soziales Interesse ist, weniger in Modellen, als in Inspirationen. Durch eine ausgesprochen künstlerische Auswahl der Beteiligten steht ein Erleben im Mittelpunkt dieser Biennale, das in seinen schönsten Beispielen auf geistig-sinnlichen Baustellen erfolgt. Diese sphärische Form von Architekturbetrachtung wird nirgends eindrücklicher dargestellt als mit der Indoor-Wolke von Tetsuo Kondo und Transsolar. In einer Halle des Arsenale kann der Besucher auf wenigen Höhenmetern, die er auf einer Stahlspirale durchmisst, drei unterschiedliche Klimazonen fühlen. Der scheinbar komplett vernebelte Raum besitzt deutlich empfindbare Atmosphären von kalt und trocken zu warm und feucht.

Berauschende Dimensionen

Janet Cardiffs "Forty Part Motet" leistet ähnliche Differenzierungen für das Ohr. Das Abspielen eines Renaissance-Chorals über 40 kreisförmig aufgestelllte Lautsprecher, die jeder nur eine Stimme transportieren, gibt dem Wort Klangraum eine berauschende, neue Dimension. Weitere abstrakte Architekturen liefert Junya Ishigami mit einem kaum sichtbaren Drahtbogengeflecht (wofür er den Goldenen Löwen für das beste Projekt gewann), Anton Garcia-Abril mit gigantischen Stahlträgern (die sich beim Klopfen allerdings als Sperrholz kenntlich machen) und Olafur Eliasson mit seinen schlackernden, spritzenden Gartenschläuchen, die im Stroboskoplicht Tropfensäulen zeigen. Das antiyzyklische Denken, das hier gefordert ist, beherrscht natürlich niemand so gut wie Rem Koolhaas, der dieses Jahr den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten hat. Die große Installation seines Büros OMA über den Komplex der "Bestandserhaltung" stellt viele kluge Fragen zu den Gründen, warum wir alte Dinge für schützenswert und besonders halten und andere aggressiv zerstören.

Dazu baute der Holländer, der auf dieser Biennale omnipräsent wie kein anderer ist, mit den Möbeln, die der Nazi-Architekt Paul Ludwig Troost für das Münchener Haus der Kunst entworfen hatte und die nach 1945 im Keller verschwinden mussten, einen rustikalen Salon. Und damit traf Koolhaas auch den heimlichen Geist dieser Biennale mal wieder am instinktsichersten. Denn selten war diese vermeintliche Architektur-Olympiade so wenig utopistisch, technisch, glamourös, protzig und leistungsfixiert wie unter der Leitung von Kazuyo Sejima. Dazu passt auch, dass eine Installation den Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag gewann, die den größtmöglichen Widerspruch zu Investoren-Chic und Architekten-Morphing darstellte. Eine junge Truppe von Architekten aus Bahrain hatte statt der schillernden Hochhausverrenkungen, die man aus dieser Ecke der reichen Welt vermuten würde, jene Fischerhütten auf Stelzen ausgestellt, die am Rande des Bau-Booms von der liebevollen Handwerklichkeit einfacher Arbeit erzählen. Und in diesem Sinne ist diese zwölfte Architekturbiennale die erste seit langer Zeit, die über den Kreis der Fachleute hinaus all jene ansprechen kann, die Architektur nicht als Selbstdarstellung von Architekten erleben wollen, sondern als eine Welt der Orte, die unser Glück und seine Gefahren behausen.

"People meet in Architecture"

Termin: bis 21. November, Venedig
http://www.labiennale.org/en/Home.html