Berliner Stadtschloss - Bau verschoben

Der Charme der leeren Mitte

Dass die Errichtung der Stadtschloss-Attrappe auf dem Berliner Schlossplatz aus Kostengründen auf 2014 verschoben wird, hat in allen Tageszeitungen der Republik für Schlagzeilen gesorgt. Die Kommentare in den Feuilletons aber zeigen, dass der Diskussionsbedarf nach 20 Jahren Schlossdebatte endgültig erlahmt ist.
Unstimmig:Kommentare aus den Feuilletons

Baubeginn verschoben: Blick auf das geplante Schloss von der Liebknecht-Brücke

Dass das Projekt des Hamburgers Wilhelm von Boddien nun auf der Streichliste von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble gelandet ist, wird nicht als später Triumph der Schloss-Gegner interpretiert, sondern erscheint nur als weitere Stufe eines in sich unstimmigen Konzepts auf dem langen Weg nach unten, auf den Boden der Realität.

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Strecken Teaser

Im Krisenjahr 2010 leistet die Politik den kulturellen Offenbarungseid, und die Öffentlichkeit weiß noch immer nicht, wozu man den Bau wohl benutzen könnte, den der Bundestag im Juli 2002 beschlossen hat. "Die Vagheit und Beliebigkeit der Konzeption des Humboldt-Forums, das den Schlossbau füllen soll, hat zu dem jetzigen Debakel beigetragen", kommentiert etwa Andreas Kilb in der heutigen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Bis heute ist es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trotz zahlloser Interviews, Konferenzen, Aufsätze, Bildbände und Ausstellungen nicht gelungen zu erklären, wie sie sich ihr Haus der Weltkulturen hinter den Schlüterfassaden eigentlich
vorstellt."

Auch Bernhard Schulz vom "Berliner Tagesspiegel" schreibt einen bissigen Nachruf auf das Prestigeprojekt und spart nicht mit Kritik an der Konzeption: "Das Projekt Humboldt-Forum hat den Makel, dass es nicht als eigenständige Idee entstanden ist, sondern als Software für einen umstrittenen Wiederaufbau." Weder die historisierende Architektursprache, noch das intellektuelle Konzept des Humboldt-Forums als Ort eines Austausches der Kulturen in der Ära der Globalisierung hätten die Öffentlichkeit je wirklich begeistert: "Zum nationalen Kulturprojekt ist das Kombivorhaben aus Schloss und Humboldt-Forum nicht geworden."

"Kein Zeichen des Scheiterns"

Deshalb bedeute die Verschiebung des Baubeginns auf 2014 auch – so Laura Weissmüller in der "Süddeutschen Zeitung" –, dass sich eine zukünftige Regierung und der Bundestag neu mit dem Stadtschloss auseinandersetzen werden: "Und dann wohl auch endlich damit, dass der Zuspruch in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren rapide gesunken ist. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind 80 Prozent der befragten Berliner gegen den Wiederaufbau." Nicht zuletzt sei das ungeliebte Mammutprojekt "rein rechnerisch nie über den Fingerhütchen-Status hinausgekommen. Selbst wenn das Bauvorhaben wie veranschlagt mit 552 Millionen Euro auskommen würde, fehlte bislang doch stets ein entscheidender Posten: der jährliche Etat". Dieser, so Weissmüller weiter, dürfte nicht zu knapp ausfallen, "soll doch das Humboldt-Forum mehr sein als ein gewöhnliches Museum, nämlich ein Ort des
kulturellen Dialoges." Doch dass da, wo jetzt Wiese ist, auch erstmal Wiese bleibt, stürzt niemanden in Depressionen: "Die grüne Wiese sollte deswegen nicht als Zeichen des Scheiterns gesehen werden, sondern als Chance noch einmal nachzudenken."

Dem "Charme der leeren Mitte" ist die Berliner "taz" längst erlegen. Die leere Mitte sei zeitgemäßer als der Versuch mit "auf alt gemachten Fassaden" gesellschaftliche Werte neu zu begründen schreibt Dirk Knipphals. Die Vorstellung, eine moderne Gesellschaft könnte eine reale Mitte haben findet Knipphals "ungefähr so unsinnig wie die Idee, man könnte gesellschaftliche Werte in Flaschen kaufen". Der Autor plädiert für die Bewahrung des Rasens über 2014 hinaus.

Doch dass die Wiese auch ein Problem darstellt, darauf weist Sebastian Preuss in der "Berliner Zeitung" hin. Zwar konnte der geschickt agierende Kulturstaatsminister Bernd Neumann sein Budget von rund 1,1 Milliarden Euro heil durch die Sparklausur am Wochenende bringen. Doch durch die Zurückstellung des Schlossprojektes, dessen Errichtung in die Zuständigkeit von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer fällt, ist auch Neumanns Ressort direkt betroffen. Die Verschiebung birgt Unklarheit für mehrere wichtige Bauprojekte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dessen oberster Dienstherr Naumann ist, etwa die "dringend nötige Sanierung der Neuen Nationalgalerie "
oder "die Verbesserung des unseligen Kulturforums". Das sind schließlich ganz reale Probleme.