Megastructure Reloaded - Berlin

Der dystopische Turm

Pop, Politik und Psychedelik – darum ging es in der Kultur der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Davon blieb auch die Architektur der "Megastrukturalisten" nicht unbeeinflusst. Eine Berliner Ausstellung lässt deren utopische Entwürfe nun von zeitgenössischen Künstlern interpretieren und beweist, dass sich prinzipiell jedes Gebäude mithilfe von drei Espressomaschinen, ein paar Lautsprechern und etwas Plastikfolie in einen Abenteuerspielplatz für Anspruchsvolle verwandeln lässt.
Pop, Politik und Psychedelik:Berliner Architektur-Schau Megastructure Reloaded

Constant Nieuwenhuys: "Gezicht op New Babylonische sectoren", 1971, Wasserfarbe und Bleistift auf Fotomontage

Gute Neuigkeiten für alle, die schon immer Schwierigkeiten hatten, "Poststrukturalismus" stolperfrei auszusprechen, dem überbordenden Gedanken- und Redefluss eines Slavoj Zizek zu folgen oder noch nie Lust hatten, Lacancan zu tanzen und Jacques Derrida dadaistisch finden: Wer in dieser Saison ganz vorn mitreden will, fährt auf der Stelle nach
Berlin-Mitte und redet von jetzt an nur noch über "Megastrukturalismus".

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Strecken Teaser

Der klingt zwar auch schwer beladen bis überfrachtet, präsentiert sich aber in Gestalt einer Architekturausstellung in den Gemäuern der Alten Münze am Molkemarkt mit einer spielerischen Leichtigkeit, die das nötige Gegengewicht zur Gedankenschwere eines nahezu esoterischen Sonderforschungsbereichs der Architekturgeschichte bildet.

Verhandelt werden in der von Sabrina van der Ley und Markus Richter kuratierten Ausstellung "Megastructure Reloaded" nämlich nicht nur die "visionären Stadtentwürfe der sechziger Jahre" – sie werden auch noch "reflektiert von zeitgenössischen Künstlern". Wie kommen die Kuratoren ausgerechnet jetzt, 40 Jahre nach dem letzten großen Hype um Pop, Psychedelik und Sozialismus, auf die Idee, einfach mal nachzuschauen, was von den bunten Archigram-Visionen für die Wirklichkeit taugt und ob sich zumindest gedanklich an Constant Nieuwenhuys wandernde Superstädte anbauen lässt?

Kurator Markus Richter erklärt: "Den Begriff kannten wir schon – als Idee. Aber ohne substanzielle Information dahinter. Aber ähnlich wie wir in der bildenden Kunst längst eine Wiederentdeckung der konzeptuellen und minimalistischen Positionen erleben können, gibt es ein Interesse an den Phänomenen der späten sechziger, frühen siebziger Jahre, was die Architektur und den Urbanismus betrifft." Ein Interesse, das übrigens seit den späten Neunziger Jahren auch von Francesca Ferguson, der heutigen Leiterin des Schweizerisches ArchitekturMuseums in Basel, kultiviert und popularisiert wurde – nicht zuletzt durch die Plattform "Urban Drift", die immer wieder hochkomplexe Spezialistenkurse mit Ästhetiken und Praxen des Berliner Nachtlebens kurzschloss und so zum Katalysator für einen neuen Umgang mit urbanen Bruchstellen wurde. Und an einer solchen befindet sich auch die Ausstellung – plant doch der Berliner Senat derzeit die komplette Neuerfindung eines angrenzenden Quartiers.

Alles scheint mit ein wenig Fantasie möglich

So stellt sich seltsamerweise im Jahr 2008 bereits kurz nach dem Betreten der Ausstellung durch einen improvisierten Weltraumschlauch im Innenhof das Berlingefühl von 1990 wieder ein: Offensichtlich war hier länger niemand mehr, alles scheint mit ein wenig Fantasie möglich: Beispielsweise die Errichtung eines aufblasbaren Küchenmonuments "Raumlabor" oder die Installation einer Airport City von Tomás Saraceno aus lauter plastikumhüllten Luftblasen. Franka Hörnschemeyers Installation "LaSound 908" lässt sich hingegen ohne Schwierigkeiten als poetischer Kommentar zur anderen, dystopischen Seite des Molochs an der Spree lesen: Ein verzwicktes Labyrinth, in dem die einzige fließende Lebensader vom Betrachter nur noch als Spiegelung wahrzunehmen ist.

Utopie und Dystope liegen auch in der untersuchten Zeit oft dicht nebeneinander, wie Markus Richter berichtet: "Die partzipatorischen Ideen, die in der Megastruktur drinsteckten – also die Vorstellung, eine Primärstruktur zu schaffen, die über den existierenden Städten und Landschaften schwebt und in die jeder nach Belieben Plug-Ins ohne Vorgaben eines allwissenden Architekten reinhängen kann und damit anders ist als alles, was die Idealstadt-Tradition bis dahin
vorgegeben hatte – lösten sich auf. Und zwar durch Kritik von links. Dabei heraus kam eine Entmaterialisierung von Architektur, ein Auseinanderfallen in Raum-Monaden und eine generelle Abkehr von der Idee des Städtebaus. Die Antwort darauf kam dann von einer noch linkeren Position, Gruppen wie Archizoom und Superstudio und vom frühen Rem Koolhaas mit seinem "Exodus". Wieder eine Megastruktur, aber eindeutig mit einem dystopischen Turn."

Ein Chor aus New Yorker Architekten

Drinnen wartet dann ein dystopischer Turm von Simon Dibbroe Möller, wie ihn sich sicher Rem Koolhaas und Stanley Kubrick gern ausgedacht hätten: Ein schwarzer Monolith aus Lautsprecherboxen, aus denen ein aus New Yorker Architekten bestehender Chor eine Melodie singt, die auf den Tönen F, A, C, A, D und E basiert. Eine Ecke weiter schwebt raumschiffartig Constants "New Babylon", inszeniert von Victor Nieuwenhuij und Maarthje Seyferth, als Projektion im Raum, ergänzt von Videos, die nachhaltig auf zeithistorische Parallelen zwischen Geschichte und Gegenwart verweisen. Nicht zu vergessen die Tresorräume im Keller, wo weitere weltraumtaugliche Entwürfe als Modelle und Schautafeln gleichermaßen faszinieren und irritieren – insbesondere wenn man an die real existierenden Lebensverhältnisse in den italienischen Vorstädten realisierten, für postindustrielle Verhältnisse untauglichen Großprojekte denkt.

Dennoch bleibt, abgeschmolzen auf einen alltagstauglichen Kern, den Pionieren von damals die Utopie erhalten. "Mich fasziniert an der städtischen Megastruktur die Möglichkeit, Dinge oder Ereignisse spontan einzufügen", erläutert der für die Ausstellungsarchitektur zuständige Londoner Architekt Dennis Crompton am Beispiel vor Ort – selbst in den schrecklichsten Räumen eines alten Produktionsgebäudes ließe sich mithilfe dreier Espressomaschinen noch etwas auf die Beine stellen. Was dem Besucher nach so viel vergangener Zukunft als überraschendstes Bild bleibt, ist jedoch ein ganz anderer, gar nicht geplanter Anblick. Aus einem Fenster und einer Not-Treppe haben die Macher nämlich kurzerhand einen schnellen Bürozugang geschaffen – wie man das in einer an Mitteln armen, aber an Ideen reichen Megastruktur wie der deutschen Hauptstadt in allen Angelegenheiten eben zu machen gelernt hat.

"Megastructure Reloaded"

Termin: bis 2. November, Ehemalige Staatliche Münze, Berlin.
http://www.megastructure-reloaded.org/