IBA Hamburg - Stadtplanungs-Experiment

Zu viele Wege zum Ruhm

Die IBA in Hamburg ist als Prozess angelegt – dabei spielt die bildende Kunst eine wichtige Rolle
Kunst und Kultur für Wilhelmsburg:Ein kretatives Quartier soll wachsen

Asli Cavusoglu setzte auf zwei grüne Hügel im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg die Installation „Twin Peaks“

Noch vor wenigen Wochen ragten zwei grüne Gipfel über Wilhelmsburg auf, zwischen denen an klaren Abenden filmreif die Sonne unterging. Die Istanbuler Künstlerin Asli Cavusoglu hatte sie auf den Hügel der ehemaligen Sondermülldeponie Georgswerder gesetzt und damit ein subtiles Bild für das komplizierte Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum geschaffen. Die bei einem Hüpfburg-Hersteller in Auftrag gegebenen Kegel luden sowohl zur kontemplativen Betrachtung als auch zur spielerischen Nutzung ein. Die Art, wie sie die Deponie, auf der inzwischen Windkrafträder für ökologischen Strom sorgen, zum romantischen Ort verklärten, wirkte zugleich ironisch und ernst.

Von dort oben lässt sich ein Teil des rund 27 Quadratkilometer großen Präsentationsgebiets der Internationalen Bauaustellung IBA überblicken. Von Autobahnen zerfurcht, von Deichen und Hafenbecken eingegrenzt, erscheinen die Elbinsel Wilhelmsburg und die Veddel als parzellierter Flickenteppich. Industrielle Brachflächen und Idyllen wie der Spreehafen mit seinen Hausbooten, Hochhaussiedlungen und Windmühlen bilden ein eigenwilliges Ensemble, dessen malerischer Charme durch den Bau neuer Verkehrswege gefährdet ist. In diesem Niemandsland, durch das jeder fährt, der sich von Süden der Stadt nähert, wohnen immerhin 55 000 Menschen. 34,7 Prozent der Wilhelmsburger haben einen Migrationshintergrund, 31 Nationen leben hier zusammen.

Angesichts der extremen Gegensätze des Stadtteils , in dem 14 Prozent der Bevölkerung arbeitslos und 22 Prozent Kinder- und Jugendliche sind, verzichtet die IBA Hamburg im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen auf große Namen und gibt sich eher als Stadtplanungs-Experiment, denn als Architektur-Leistungsschau. Neben der HafenCity ist die Elbinsel nun das zweite große Stadtentwicklungs-Projekt der Stadt, die dafür180 Millionen Euro bereit stellt. Die IBA Hamburg ist als Prozess angelegt, der 2013 mit einem Präsentationsjahr abgeschlossen wird. Die Entwicklung einer multikulturellen Stadgesellschaft, Stärkung der besonderen Qualitäten einer städtisch diffusen Randzone und die baulichen Herausforderungen des Klimawandels sind die Leitthemen dieses Prozesses, der auf eine starke Bürgerbeteiligung setzt – dabei spielt auch die bildende Kunst eine wichtige Rolle.

Kreatives Großaufgebot

Von August bis Oktober klotzte der IBA Kunst- und Kultursommer mit einem kreativen Großaufgebot. Selbst professionelle Kulturrezipienten verloren da manchmal den Überblick. Aber immerhin – sie fanden den Weg auf die andere Seite des Flusses. Zum Beispiel um sich die “Elbphilharmonie” aus Schrott anzusehen, die Daniel Richter am Rande des Dockville-Festivals in den Elbsand gesetzt hatte, oder eines der sechs internationalen Projekte im Rahmen von “10° Kunst: Wilhelmsburger Freitag”, zu denen auch Cavusoglus “Twin Peaks” gehörten. IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg versteht das zeitlich begrenzte Angebot als“Initialzündung für dieKunst und Kulturlandschaft der Elbinsel.”.. Das Kunst- und Kulturengagement der IBA Hamburg werde definitiv weitergehen. Die IBA wolle “flächendeckende Anschubhilfe leisten, um der kulturellen Vielfalt der Elbinsel zu mehr Stärke zu verhelfen. Entsprechend dienen die Kunst- und Kulturprojekte nicht nur der Revitalisierung der Elbinsel, sondern leisten einen wesentlichen Beitrag zur Überführung des Potentials der kulturellen Vielfalt in eine kreative Ökonomie, an deren Ende ein elbinseltypisches kreatives Quartier steht”. Mit der Förderung vorhandener Strukturen wie dem Harburger Kunstverein und neuer Veranstaltungszentren wie der Halle 13, sowie der Planung von Ateliers will man diesem Ziel näherkommen. Unter den bereits gelaufenen Projekten des Kultursommers wird zurzeit Bilanz gezogen und dann entscheiden, welche davon weiter unterstützt werden.

Unterdessen fiel schon im September im Hamburger Senat eine Entscheidung, die so gar nicht zu einem kritischen und behutsam auslotenden Stadtentwicklungsprozess passt. Die gigantische Skulptur “Wings of Hope”, ursprünglich für den Platz vor dem neuen Auswanderer-Museum Ballinstadt gedacht, wird nun auf der anderen Seite des S-Bahnhofes Veddel gebaut. Zwar wurde der erste Entwurf der Hamburger Künstler Werner Schaarmann und Wulf Kirschner, eine Spirale mit einem in Richtung des New Yorker Ellis Island ausgerichteten Flügel inzwischen verkleinert und von “Auswanderer-Monument” zum “Migrations-Monument” umbenannt, dennoch könnte sie auf dem Wilhelmsburger Platz, wo sie schon im Juli 2008 eröffnet werden soll, sämtliche Dimensionen sprengen. Die auf 290 000 Euro angewachsenen Kosten, die 40 000 Euro höher liegen als der Jahresetat für Kunst im öffentlichen Raum, soll aus dem Sonderinvestitionsprogramm “Hamburg 2010” für soziale Brennpunkte finanziert werden. Die Frage ist, ob der Stadtteil ein solches Monument braucht.