Rem Koolhaas - Architektur-Biennale

Stararchitekten müssen draussen bleiben

Rem Koolhaas stellte in Berlin sein Programm für die Architektur-Biennale: Er will die Moderne untersuchen. Und alle müssen mitmachen – Länderpavillons inklusive.
Ein ganzer Saal fürs Klo:Forschung statt Glamour bei der Venedig-Biennale

Die Moderne als große Gleichmachermaschine, das wird Thema von Rem Koolhaas bei der 14. Architektur-Biennale

In der totalen Transparenz unser Tage gibt es nur noch einen Ort, der von Beobachtung fast völlig verschont bleibt.

Das ist nicht die Spitze des Mount Everest, nicht der St. Andreas Graben und auch nicht der Besprechungsraum des Weißen Hauses. Dieser Ort ist die Toilette – jedenfalls so lange, wie man nicht sein Tablet mitnimmt. Doch dieser letzte Hort des Privaten verliert nun auch seine Freiheit, unerforscht zu bleiben. Rem Koolhaas, der General-Kurator der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig, will das letzte Geheimnis der Menschheit lüften: Wie steht es eigentlich um unser Leben an dem Ort, zu dem auch Rem Koolhaas zu Fuß geht.

Ein ganzer Saal des zentralen Ausstellungsgebäudes in den Giardini ist ab dem 7. Juni für sechs Monate dem Klo in der Moderne gewidmet, wie Koolhaas bei der Vorstellung seiner Pläne in der italienischen Botschaft in Berlin am Mittwoch offenbarte. Hier gab er erstmals dezidiert Auskunft über sein Biennale-Thema "Fundamentals". Und für die Architektur ist die Toilette eben so fundamental wie es das Dach und die Fenster sind, und deswegen zählt der letzte Fluchtort des gestressten Menschen zu den 15 architektonischen Grundbausteinen wie Treppe, Wand oder Decke, die Koolhaas in einzelnen Kapitelsälen historisch untersuchen lässt.

Aber die Toilette steht darüber hinaus auch symbolisch für die große Spülung, die Koolhaas der Geschichte der Architekturbiennalen seit 1980 unterzieht. Wie es jeder von dem griesgrämigen niederländischen Theoretiker und Querdenker erwartet hat, zieht Koolhaas alles durchs Abflußrohr, was dem größten Architekturevent der Welt den Ruf eines immer beliebigeren Schaulaufens für Sekt-Nasen und Großtuer beschert hat.

Zunächst bleiben Stararchitekten und ihre Entwürfe so konsequent ausgesperrt wie Stil- und Zeitgeistdiskussionen – nicht mal Koolhaas-Schüler wie Zaha Hadid dürfen heuer schaumschlagen. Das gilt auch für die Länderpavillons, die das erste Mal in der Geschichte der Biennale allesamt ihre Programme mit dem Leitthema abstimmen werden – und frei von jedem Namedropping sind. Spektakel und Sensationen, mit denen man zuletzt immer mehr Touristen und junge Damen angelockt hat, die hier inhaltlich desinteressiert ihre Prada-Garderobe vorzeigten, sucht man ebenfalls vergeblich. Statt dessen wird geforscht. Und zwar kompromisslos.

"Absorbing Modernity 1914-2014" lautet das Prüfungsthema für alle Beteiligten dieser 14. Architekturbiennale, denn Koolhaas hat sich ausbedungen, dass wirklich alle inklusive der 65 Länderbeiträge sich einem Auftrag verpflichten: die vergangenen 100 Jahre auf den Wandel der Moderne und die dafür verantwortlichen Einflüsse zu untersuchen. Er selbst entwickelt die beiden Hauptausstellungen – einmal längs der 15 Grundpfeiler menschlicher Behausungen im italienischen Zentralpavillon, und zum anderen im Arsenale in einer Betrachtung Italiens, ein Land, das Koolhaas in seinen Erscheinungen und Widersprüchen für exemplarisch hält, um den Kreuzweg der Moderne zu illustrieren.

Wissen will Koolhaas von seinen Ausstellungsseminaren zum Beispiel, warum es vor 100 Jahren noch nationale Architekturmerkmale gab und heute nur noch eine austauschbare Weltarchitektur, welchen Einfluss technische Erfindungen wie Klimaanlage, Fahrstuhl und Mobiltelefon für die Entwicklung von Gebäuden besitzen, wie das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis der Menschen ihre Raumorganisation beeinflusst, und: wie die Weltgeschichte aussähe, wenn niemand den Balkon zum Herabpredigen und Abnehmen von Aufmärschen erfunden hätte (womit der finster dreinblickende Mann kurz seinen Humor durchscheinen ließ).

Weil die Beiträge zu den früheren Biennalen von Koolhaas’ Büro Office for Metropolitan Architecture (OMA) immer zum Besten und Fundiertesten gehörten, was dieser Flohzirkus für Baukünstler zu bieten hatte, darf man erwarten, dass auch diese Biennale nicht so asketisch auftritt wie der Erfinder des Konzepts es als Person pflegt. Aber ob eine Ausstellung von der Größe, dass man sie in drei Tagen kaum bewältigen kann, wirklich mit einem singulären Thema und dem aufrichtigen Ernst von Forschungsarchitekten (deren Namen man noch nie vorher gehört hat) ein Erfolg wird, das dürfte Biennale-Direktor Paolo Baratta noch einige Sorgen bereiten – auch wenn er auf der Pressekonferenz tapfer den Freudigen mimte über "Rems großartigen Ansatz".

Immerhin führt Rem Koolhaas ganzheitlicher Erkenntnisdrang dazu, dass die anderen Abteilungen der Venedig Biennale – Film, Tanz, Theater und Musik – ihm Performatives zum Thema zutragen. Ein umfangreiches Filmprogramm über die Darstellung der Architekturmoderne im italienischen Film wird so beispielweise die Ausstellung zur Archäologie der Moderne im Arsenale begleiten. Die Aufmerksamkeitsdauer von Besuchern mit der ständigen Angst, etwas zu verpassen, dürfte hier allerdings auch nur Schnipselkost rechtfertigen. Und dieses Verhalten zählt leider zu den Fundamentals auch der ernsthaftesten Biennale-Kultur: Unter der Masse der Eindrücke und Ereignisse leidet immer das Zeitlimit konzentrierter Beschäftigung.

Hoffentlich wird also Rem Koolhaas' Forschungs-Biennale nicht aus anderen Gründen als die seiner Vorgänger ein großer Erregungszustand, vor dem man zur Erholung nur auf die Toilette fliehen kann. Zumal das Angebot an WCs auf den Biennale-Geländen seit jeher chronisch knapp ist. Aber diesmal gibts ja noch einen ganzen Gabinetti-Saal extra.

Fundamentals

7.6. bis 23.11.
http://www.labiennale.org/en/architecture/