Raumlabor-Berlin - Städtebau

Die Spur der Schelme

Die subversiven Anarchitekten von "Raumlabor-Berlin" zeigen Höchstform, wo andere abbauen: Stadtbrache, Plattenbau-Peripherie und Geisterdörfer inspirieren sie zu immer neuen Umwegen. Neueste Spielzone: der Flughafen Leipzig-Halle.
Die Spur der Schelme:Die subversiven Anarchitekten von "Raumlabor-Berlin"

"Moving Spaces" – Rauminstallation im Kunstraum München – Markus Bader für Raumlabor, Assistenz: Katrin Murbach

Toll, aber irritierend – das waren die frühen bis mittleren neunziger Jahre in Ostberlin: Spätere Bauhaus-Professorinnen sangen in antifaschistischen Punkbands, spätere Stargaleristen der neuen Mitte servierten Espresso im Auguststraßen-Café "Hackbarth's" und die heutige Kunstszenemeile Brunnenstraße verfügte sogar über
unterschiedliche Besetzer-Fraktionen.

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Strecken Teaser

In diesem bunten Milieu zwischen Ost und West, Mitte und Prenzlauer Berg und Subversion und Subvention sorgte irgendwann die öffentliche Besichtigung eines ehemaligen Fabrikgeländes für leichte Irritation: Statt an Stress waren die Initiatoren offensichtlich an Spaß interessiert, planten einen Salon und hatten anstelle von Agit-Rock, Parolen und "Scherben" vom Band musikalisches Live-Kabarett von "Michael Fieling mit Nüssen an Bord" mitgebracht.

In den folgenden Jahren gewinnt diese Mischform von Performance und Protest an vielfältigem Zulauf: Innenstadt-Aktivisten versuchen, der wachsenden Nulltoleranz-Politik ein Überraschungsmoment entgegenzusetzen, und einstige Hausbesetzer schaffen in Projekten wie der "Lychi" oder der "k77" kulturelle Freiräume jenseits von
Event-Kultur und Hauptstadtmarketing.

Wie ein Gespräch mit dem "darstellenden Architekten" Benjamin Förster-Baldenius, 40, zeigt, ist der verlängerte Sommer der Anarchie zumindest für ihn und seine Kollegen vom "Raumlabor-Berlin" noch lange nicht zu Ende: "Je weiter die Nutzung des öffentlichen Raumes eingeschränkt wird, desto mehr Anlass gibt es, sich damit kritisch auseinanderzusetzen und das auch öffentlich zu machen."

Wo Baden verboten ist, gründen sie den "Club der Nichtschwimmer"

Überhaupt ist das inzwischen neunköpfige Kollektiv mit Sitz in der Treptower Kunstfabrik am Flutgraben in riskanten Unternehmungen an den Grenzen des traditionellen Architekturbegriffs gut: Temporäre Events mit Happening-Charakter in neu interpretierten Raumsituationen zeichnen viele der inzwischen über 70 Projekte von Raumlabor Berlin aus, die jetzt auch in dem Band "Acting in Public" (Jovis Verlag) dokumentiert sind.

Dort, wo andere einen abrisswürdigen Plattenbau vermuten, entdecken die von Raumpionieren wie Archigram inspirierten Berliner Raumlaboranten einen BMX-Parcours und ein Jugendhotel. Wo Baden verboten ist, gründen sie einen "Club der Nichtschwimmer", und selbst in der Berliner Laubenverordnung entdecken sie ein Plätzchen für genehmigungsfreie Bauten von immerhin dreißig Kubikmeter füllenden "Raumskulpturen".

Kein Wunder also, dass auch das aktuelle, im Rahmen von "Theater der Welt 2008" stattfindende Projekt am Flughafen Leipzig/Halle durch Anleihen beim Absurden glänzt: Die Künstlergruppe Plan B schickt Besucher mit einem modifizierten Audio- und Video-Gepäcktrolley auf eine surreale Flughafentour, die Schein und Sein verschwimmen lässt, und Reste des anliegenden, teils bereits menschenleeren Dorfes werden von Jörg Lukas Matthaei zur Geisterbahn gemacht.

Dass Raumlabor-Berlin eines Tages ihren bisweilen pikaresken Humor verlieren, steht übrigens derzeit nicht zu befürchten: Die nächsten geplanten Projekte sind eine "gebaute Explosion" für den Steirischen Herbst in Graz und ein schwimmfähiges U-Boot aus Mannheimer Müll, das wahrscheinlich ebenfalls irritierend, aber toll wird.

"Raumlaborwelt"

Termine: bis 21. September, im "Resonanzraum" der Ausstellung "Vertrautes Terrain", ZKM, Karlsruhe; 19. Juni bis 6. Juli, Theater der Welt, Halle an der Saale; 3. Oktober bis 26. Oktober, Steirischer Herbst, Graz, Österreich. Publikation: "Acting in Public", Jovis Verlag, 192 Seiten, 28 Euro.
http://www.raumlabor-berlin.de/