Iba Ade - Hamburg

Begeisterung statt Gezänk im Vorgarten

Was hat die internationale Bauausstellung in Willhelmsburg bewirkt? art-Autor Till Briegleb zieht Bilanz der IBA: trotz berechtigter Kritik beweist sich das Modell IBA als Weg zum Erfolg.
Erfolgsmodell IBA:Die IBA in Hamburg endet

Wilhelmsburg Mitte: Bauausstellung in der Bauausstellung

Die meisten Menschen finden Stadtplanung so interessant wie Zähneputzen. Bleiche Pläne mit Häuserreihen, gebürstet von bleichen Planungsgestalten mit einem Schaum aus antiseptischem Fachjargon, machen das zukünftige Lächeln der Städte oft so unsexy.

Dabei könnte Stadtentwicklung eine Mischung sein aus Roman, Inspiration und Gemeinschaftskunstwerk. Denn was wird durch Stadtplanung nicht alles vorentschieden? Welche Milieus entstehen oder bewahrt werden, welche Mängel verschwinden oder produktiv umgenutzt werden können, ob eine Gegend die menschlichen Bedürfnisse mit den richtigen Angeboten lebenswert macht. Bis hin zu persönlichen Lebensentwürfen greifen die Strukturideen der Planer auf das alltägliche Dasein der Zukunft vor. Kurz: Der städtische Gestaltwandel handelt im Kern von persönlicher Zufriedenheit und gelebtem Selbstbewusstsein.

Trotzdem entdecken Bürger die Dringlichkeit von Beteiligung meistens erst, wenn ein Projekt vor ihrer Nase entstehen soll – und dann geht es fast immer um Verhinderung: "Not in my backyard", nicht in meinem Vorgarten, heißt diese plötzliche Anteilnahme von Bürgern im Anti-Modus. Natürlich haben die "Nimbys", wie sie von Planern in herzlicher Abneigung genannt werden, in vielen Fällen berechtigte Teilinteressen. Aber das negative Image von Stadtentwicklung beruht – neben der Unfähigkeit von Fachleuten, die Schönheit ihrer Arbeit verständlich zu machen – vor allem auf diesem Gezänk im Vorgarten, über das die Medien so gerne berichten.

Die Internationalen Bauausstellungen versuchen seit den Neunzigern verstärkt, diese verfahrene Situation zwischen Behörden und Bedienten durch alternative Stadtplanungskonzepte in Begeisterung umzumünzen. Denn verkrochen in ihre Behördenflure, erreichte die Meister des Millimeter-Papiers irgendwann doch die Nachricht, dass eine gelungene Stadtplanung eine andere Haltung zur Bürgerbeteiligung braucht: dass man sie nicht nur dulden, sondern animieren muss. Die wendigen Beamten, die solche Prozesse anstießen, waren sich aber auch im Klaren, dass man für diese Veränderung besser einen neuen Club außerhalb der Amtsstuben aufmacht. Die Internationalen Bauaustellungen, deren aktuelle in Hamburg-Wilhelmsburg am 3. November zu Ende geht, sollen beweisen, dass Planung im Dialog die bessere Stadt erbringt. Ausgestattet mit viel Geld und Experten-Teams, die auf Konflikte mit der Bevölkerung möglichst nicht beleidigt reagieren, geführt mit gelockertem Baurechts-Geschirr und dem Auftrag zur Erneuerung stellen sich diese Parallelbehörden auf Zeit selbst ein paar Herkulesaufgaben.

Innovative Lösungsansätze für die Probleme der Zukunft zu finden, die internationale Aufmerksamkeit erregen können, so lautet die Kurzformel des IBA-Programms. Aber das musste für den sonderlichen Hamburger Stadtteil auf der Elbinsel natürlich etwas präzisiert werden. Komponiert aus Hafengebiet, Landwirtschaftsflächen, Wohninseln und breiten Verkehrswegen und geprägt von einer überwiegend nicht so reichen Bevölkerung mit babylonischer Sprachvielfalt erinnert man den Hamburger Süden eher in seiner Tradition der Katastrophen: von der Flut- über die Giftmüll- zur Bildungskatastrophe ist Wilhelmsburg eher mit negativen Schlagzeilen gestraft. Und das sollte durch die IBA anders werden.

Entwickelt aus einer Zukunftskonferenz mit den Bürgern vor Ort, wurden die drei IBA-Themen Umwelt, Bildung und Leben in Randzonen gewählt (die im IBA-Jargon allerdings "Kosmopolis", "Metrozonen" und "Stadt im Klimawandel" hießen). Tonnen ungelesenes Broschürenpapier wurde dazu bedruckt, aber eben auch zahlreiche Beteiligungsgremien und –formen initiiert. Schließlich konnten mit einem Investitionsvolumen von rund einer Milliarde Euro an öffentlichen und privaten Geldern ein paar Dutzend Projekte auf den Weg gebracht werden. Die Segnung als IBA-Projekt und eine kleine Anschubfinanzierung verdienten sie sich, indem sie mehrere Themen positiver Entwicklung behaupteten. "Multitalentiert" nannte man das, und meinte konkret etwa: Umbau einer ehemaligen Arbeitersiedlung energetisch prima, nachbarschaftlich nach den Wünschen der Bewohner und dazu auch noch proper anzuschauen. Oder Stromerzeugung mit Sonne und Wind als Hügelpark mit Aussicht, der auch noch den Giftmüll versiegelt.

Natürlich gibt es zahlreiche Resümees zu den sieben Jahre dauernden Bemühungen, Wilhelmsburg schöner, klüger und gesünder zu machen. Die Veranstalter des Teams von IBA-Chef Uli Hellweg (ein sprechender Name für einen Zukunftsplaner, könnte man meinen), sieht sich bestätigt. Große internationale Aufmerksamkeit, eine stattliche Anzahl neuer Bildungseinrichtungen und Hausprototypen für Cleverles, dazu Bausteine einer Energieversorgung, die den Stadtteil komplett konzernunabhängig machen soll, das sind amtliche Ansagen eines gelungenen Wandlungsprozesses. Und auch der sperrige Anglizismen-Sprech der IBA-Werbung hat letztlich nicht genug Menschen abgeschreckt, um von einem Desaster zu sprechen – wie bei der parallel stattfindenden Internationalen Gartenschau, die am Ende 37 Millionen Euro Defizit hinterlassen hat, weil die Leute einfach nicht kommen wollten. Tatsächlich sind die rund 400 000 Besuche, die während des Präsentationsjahres 2013 bei Bustouren und Führungen gezählt wurden, für eine städtische Randlage ein aufmunterndes Ergebnis.

Das Resümee kritischer Bewohner, die den Stadtteil durch die IBA mit der Gentrifizierung infiziert sehen und den Einfall der Teuermenschen und Immobilienhaie befürchten, dürfte trotz schwacher Faktenlage, die das belegen könnte, nicht so zuneigend ausfallen. Gleiches gilt wohl für die Nimbys, die jahrelang umsonst dagegen gekämpft haben, dass die Stadtautobahn, die Wilhelmsburg in der Mitte wie ein Römerwall durchschneidet, an die Bahntrasse verlegt wird, die den Stadtteil ein Stück weiter noch einmal filetiert. Und auch der gute Architekturgeschmack hat doch einiges zu nörgeln an den häufig einfallslos dekorierten Hauswürfeln, die dafür ökologisch Spitze sein sollen.

Den Charme von Wilhelmsburg als multitalentiertes Heimatreservat für Hafen, Kuhmilch, Migranten-Uno und Nischenkultur hat die IBA jedenfalls nicht zerstört. Und deswegen wird sie jetzt ganz offiziell als Erfolg bezeichnet und in Form einer Projektgesellschaft für den Süden Hamburgs weitergeführt. Gleichzeitig sprießen in Deutschland und seinen Nachbarländern diverse weitere IBA-Experiment aus dem Boden, die alle bis 2020 eigene Herkulesaufgaben bewältigen wollen. Das Modell Bauausstellung erlaubt es das sonst so strenge Baurecht zu lockern. Damit wird ein Raum für Experimente geschaffen: Heidelberg möchte sich zur neuen internationalen Wissensstadt entwickeln, Basel versucht sich im trinationalen Integrationsprojekt mit den deutschen und französischen Nachbargemeinden, und der Südzipfel von Holland, die Grafschaft Limburg, will mit der IBA Parkstad zeigen, dass Umbau einer schrumpfenden Region eine neue Kultur der Exzellenz erbringen kann.

Nur Berlin hat es mal wieder nicht hinbekommen. Nach jahrelangem Gremiengewinde um ein schlagkräftiges Thema für eine dritte Berlin-IBA (nach der Neubau-IBA 1954-57 und der Rekonstruktions-IBA 1979-87) hatte der Senat keine Millionen für das komische Leitthema "Draußenstadt wird Drinnenstadt" übrig und versenkte die Idee im Juni eher so nebenbei in den Haushaltsberatungen. Auch Lokalpolitiker können eben Nimbys sein: Internationale Bauaustellung? Nicht in meinem Vorgarten!