Internationaler Strafgerichtshof - Ingenhoven Architekten

Bloss keine Stammheim-Funktionalität!

Das Düsseldorfer Büro Ingenhoven Architekten hat den Wettbewerb um das neue Gebäude des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag gewonnen. art sprach mit Christoph Ingenhoven darüber, wie sein Entwurf Gerechtigkeit architektonisch unterstützen möchte.
"Bloss keine Stammheim-Funktionalität!":das neue Gebäude des Strafgerichtshofs

Spektakulär in seiner Schlichtheit: der Wettbewerbssieger Ingenhoven Architekten aus Düsseldorf

Der prominente niederländische Architekt Wiel Arets erwies sich als schlechter Verlierer. Er hatte es bereits genau vor sich gesehen: Im Badeort Scheveningen bei Den Haag würden sich ab 2014 vier wuchtige Pyramiden aus den Nordseedünen erheben. Bei ihrem Anblick würde jeder sofort wissen: Das ist der neue Internationale Strafgerichtshof (ICC): "Den Haag verdient eine echte Ikone", entrüstet sich Arets, "ein unverwechselbares Bauwerk – und nicht wieder irgend so ein Bürogebäude!"

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Strecken Teaser

Der Seitenhieb gilt den beiden Konkurrenten aus Dänemark und Deutschland, die Arets Pyramiden auf den dritten Platz verwiesen – und zwar mit weitaus unauffälligeren Entwürfen: Schmidt Hammer Lassen/Bosch & Fjord aus Arhus landeten auf Platz 2 mit sieben streng geometrischen Quadern auf einem von Wasser umgebenen Fundament. Noch dezenter, geradezu zurückhaltend ist der Entwurf der Wettbewerbssieger Ingenhoven Architekten aus Düsseldorf ausgefallen. In diesem Jahr sorgten sie bereits mit der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg für Schlagzeilen, derzeit bauen sie in Stuttgart den neuen Hauptbahnhof.

Der Entwurf, den sie in Den Haag präsentierten, ist spektakulär in seiner Schlichtheit: ein extrem transparenter, flacher Komplex aus mehreren Gebäuden mit offenen Höfen, der sich mäandernd wie ein Fluss durch die Dünenlandschaft zu schlängeln scheint – leicht und elegant. Überspannt wird er von einem einzigen großen Glasdach, unter dem auch Bäume wachsen. Natur und Bauwerk verschmelzen. Die Gerichtssäle befinden sich in vier unauffällig gestalteten Kegelstümpfen, in die von oben das Licht fällt.

Gerechtigkeit – architektonisch unterstützt

"Dieser Preis ist eine große Ehre!", sagte Christoph Ingenhoven bei der Bekanntgabe der Sieger im Haager Stadthuis zu art. "Es geht ja schließlich nicht um irgendein Gebäude, das war eine ganz besondere Aufgabe!" Immerhin ist mit dem Internationalen Strafgerichtshof ein Menschheitstraum in Erfüllung gegangen: Nach Tausenden von Jahren der Straffreiheit müssen Generäle und Diktatoren in aller Welt damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn sie Kriegsverbrechen begehen – ein Meilenstein in der Geschichte des internationalen Rechts. Die Idee entstand schon nach dem blutigen deutsch-französischen Krieg 1871, doch es sollte noch zwei Weltkriege und weitere Völkermorde in Ruanda und Srebrenica dauern, bis die Welt aufwachte.

Die Geburtstunde des ICC schlug vor zehn Jahren: Mit den so genannten Römerverträgen bekam dieses Vertragsstaatengericht seine juristische Basis; seit 2002 ist es in einem provisorischen Hochhauskomplex im Süden von Den Haag untergebracht. Spätestens bis 2014 soll es nun auf dem 72 000 Quadratmeter großen Gelände der ehemaligen Alexanderkaserne im Norden der Stadt ein permanentes Dach über dem Kopf bekommen. "Hier will die Welt Gerechtigkeit walten lassen", sagt Ingenhoven. "Das galt es, architektonisch zu unterstützen." Deshalb hat sein Büro ganz bewusst bei diesem Wettbewerb mitgemacht: "Wir wollten mit dabei sein!" Fast 170 Konkurrenten hat er aus dem Feld geschlagen, darunter Schwergewichte wie Rem Koolhaas, David Chipperfield, Neutelings Riedijk, Moshe Safdie aus den USA, Kengo Kuma aus Tokio und auch den zweiten deutschen Mitstreiter Sauerbruch Hutton. Die meisten setzten so wie Wiel Arets auf Imposanz und Spektakel. Immerhin will sich Den Haag mit diesem Bauwerk weiter als Welthauptstadt für Frieden und Gerechtigkeit profilieren: Das Jugoslawientribunal hat hier bereits seinen Sitz, auch das Sondertribunal für Sierra Leone und nicht zu vergessen der altehrwürdige Internationale Gerichtshof, der aussschliesslich Streitfälle zwischen Staaten schlichtet – und zwar im Friedenspalast, bislang eine Ikone der Stadt.

"Bloß keine defensive Sicherheitsarchitektur"

Ist der Entwurf von Ingenhoven da nicht ein bisschen zu unauffällig ausgefallen? "Keineswegs", kontert der Architekt. "Das neue ICC-Gebäude darf keine Furcht einflössen, allerhöchstens Respekt. Es muss so wie die Richter seine Neutralität wahren und eine universelle Sprache sprechen." Ingenhoven spricht von "Form Follows Fairness": Also keine Sicherheitszäune, keine Bunker, keine Mauern: "Bloß keine defensive Sicherheitsarchitektur, bloß keine Stammheim-Funktionalität!" Damit überzeugte er auch die internationale Jury, in der neben dem Haager Bürgermeister, Vertretern des ICC und der niederländischen Reichsbaumeisterin Liesbeth van der Pol auch Architekten vertreten waren wie Julia Bolles-Wilson aus Münster oder der holländische Altmeister Herman Hertzberger. Werte des neuen Weltgerichtshofes wie Transparenz, Effizienz und Kommunikation würden sich in diesem Entwurf widerspiegeln. "Außerdem ist es ein Ort, an dem sich die Opfer der Täter wohl fühlen können", so Reichsbaumeisterin van der Pol.

Ob der Entwurf von Ingenhoven auch wirklich realisiert wird, bleibt zwar noch abzuwarten – in der allerletzten Runde wird eine ICC-Kommisson mit allen drei Siegern Kontakt aufnehmen, um über die angemessenste Baustrategie zu sprechen und über Geld. Die Totalkosten liegen bei 250 Millionen Euro. Eine Entscheidung wird im Januar erwartet. Aber Ingenhoven ist zuversichtlich: "Auch das wird uns gelingen."

Viele Niederländer allerdings dürften hoffen, dass doch noch Landsmann Wiel Arets das Rennen macht. Nicht umsonst kursieren bereits bissige Kommentare, die an die deutsche Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg erinnern. Kostprobe: "Jetzt sind die Deutschen wieder in den Dünen." Ingenhoven entlockt das nur ein Schulterzucken. "Gerade für einen Deutschen ist es eine ganz besonders große Ehre, einen unabhängigen, fairen Ort zu schaffen zur Ahndung der schwersten Verbrechen, die weltweit begangen werden!"