Bischofsresidenz - Limburg

Jenseits der Skandalbegeisterung

Die Aufregung über die Kosten der Bischofsresidenz von Limburg verstellt den Blick auf die Qualität der Architektur, die Funktionsmoderne mit dem Denkmalschutz versöhnt.
Luther-Bock im Wolfspelz:Umstrittener Residenz-Bau in Limburg

Michael Frielinghaus (r), Architekt des Bischofssitzes von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst (l), führte im Dezember .2012 Besucher durch die Kapelle der bischöflichen Residenz in Limburg an der Lahn

Weihnachten 1993 stieg der Pegel des Rheins bei Bonn auf einen neuen Höchststand von 10,13 Meter. In Folge des dadurch ansteigenden Grundwassers lief eine Baustelle neben dem Langen Eugen voll Wasser, das Gebäude hob sich um bis zu 70 Zentimeter und sank dann leider nicht so zurück, wie es geplant war. Aus diesem kleinen Betonhüpfer wurde anschließend der größte Bauskandal der frühen Neunziger. Der so genannte "Schürmann-Bau" beschäftigte wochenlang die Schlagzeilen, zehn Jahre lang die Gerichte, und kostete am Ende 700 statt 73 Millionen Euro. Doch noch gründlicher ruiniert als die Fundamente des heutigen Gebäudes der "Deutschen Welle" war der Ruf des Architekten. Obwohl an dem Desaster völlig schuldlos, diente Joachim Schürmann – einer der bedeutendsten Architekten Deutschlands – durch die Verbindung seines Namens mit dem Flut-Katastrophe der Öffentlichkeit jahrelang als Watschenmann.

Dieses Schicksal wird Michael Frielinghaus wohl erspart bleiben, denn dazu steht bei dem Aufruhr rund um die Baukosten des Limburger Bischofssitzes St. Nikolaus ein anderer Name zu sehr im Vordergrund: Franz-Peter Tebartz-van Elst, Noch-Bischof zu Limburg, ist der aktuelle Lieblingsfeind aller Aufklärer vom Hörensagen. Er sei schuld an einer Kostenexplosion von angeblich drei auf angeblich 40 Millionen Euro, denn er sei ein Protzhansel und lügender Gernegroß, der seinen aufwendigen Lebensstil auf Kosten der Armen lebt und sich als Bischof benimmt wie ein russischer Ölkrimineller – darin sind sich im Moment alle Wortmelder so einig, wie es nach einer breiten Medien-Infektion mit den nötigen halbfertig recherchierten Zuspitzungen nur sein kann. Aber verflucht wird mit dem Pantalone eben auch sein Giovanni.

In der Boulevardpresse und seinem Echo in Volkes Stimme heißt das Residenzgebäude neben dem berühmten Dom nur noch "Protz-" oder "Prachtbau", aber auch die "FAZ" schreibt in ihrer Aufklärungskampagne von einem "monströsen Bunker mit zur Schau gestellter falscher Beschiedenheit". Ob in Kurz- oder Langform ist eigentlich ziemlich egal, in der Skandalbegeisterung von Medien und Publikum kann der Bau eines Verschwenders nur verschwenderisch sein. Und diese Gleichsetzung stigmatisiert die Architekten von Bauskandalen grundsätzlich als skrupellose, eitle und gierige Entwurfs-Schergen, denen das öffentliche Wohl schnurz ist. Das war bei Schürmann so, das traf den Architekten des Berliner Kanzleramts, Axel Schultes, als die Kosten aus dem Ruder liefen, und das nagt mit der Elbphilharmonie weiter schwer am guten Ansehen des Basler Büros Herzog & de Meuron.

Michael Frielinghaus ist nicht ganz so berühmt wie die Genannten, aber immerhin der Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA), einer Standesorganisation, deren einziges Ziel die Förderung der deutschen Baukultur ist. Man kann diesem Verein vielleicht vorwerfen, dass er manchmal ein bisschen zu sehr am ästhetischen Vorbild der Bauhaus-Moderne klebt, aber bestimmt nicht, dass er Hüter sultanesker Fantasien von Pomp und goldenen Wasserhähnen sei. Und wer sich einmal die Mühe gemacht hat, die Limburger Residenz genauer anzusehen, die Frielinghaus’ Büro BLFP entworfen und umgesetzt hat, dem bleibt vor der spartanischen Eleganz dieses nüchternen Komplexes das Wort "Protz" doch eher im Halse stecken. Die kühle Geometrie von spitzem Kapellendach, rechteckigem Peristyl und schmucklosen runden Säulen sieht so protestantisch streng aus, als sei Tebartz-van Elst ein Luther-Bock im Wolfspelz und plane heimlich die nächste Reformation.

Frielinghaus’ Entwurf steht klar in der Tradition von Karljosef Schattner, der als Leiter des Diözesanbauamtes in Eichstätt dem Katholizismus der Nachkriegszeit eine zur Einkehr mahnende, strenge Funktionsmoderne erfand – und der tatsächlich vor Frielinghaus beratender Architekt der Limburger für die Residenz gewesen ist. Im reduzierten Spiel mit Grundformen auf sehr beengtem Raum, mit dem schönen Hofraum und einer geglückten Umarmung denkmalgeschützer Altbauten an der Vorderfront ist den Architekten aus Friedberg im Taunus in Limburg ein absolut würdiges modernes Ensemble gelungen, das man schwerlich als Pomp bespucken kann – zumal, wenn man gleichzeitig in Florenz, Rom oder Venedig die katholische Selbstdarstellung in Kirchen und Palästen liebt, bei denen die Baukosten auch sehr selten in einer vernünftigen Relation zur Armenspeisung standen.

Dass das fertige Gebäude den Architekten durchaus zur Ehre gereicht (und der Kirche bestimmt auch bald wieder, wenn der Skandal-Bischof entsorgt worden ist), erklärt natürlich trotzdem noch nicht, warum dieses Gebäude soviel teurer wurde als geplant. Können wirklich die Sonderwünsche eines angeblich durchgedrehten Salon-Prälaten allein dafür verantwortlich sein, dass nun die Hälfte des Limburger Kirchenschatzes an Immobilien, Wertpapieren und Länderreien für die stolze Hütte an die Bank gegeben werden muß? Liest man die Dokumente zum Planungsverlauf, die die FAZ online gestellt hat, dann findet sich tatsächlich so manches Pöstchen in Bereichen wie "Ausstattung und Kunst", über deren Höhe man als gewöhnlicher Geschosswohnungsmieter staunen darf: 40 000 Euro für Gardinen zum Beispiel, 670 000 Euro für Möbel oder 230 000 Euro für Kunst in der Wohnung des Bischofs.

Andererseits herrscht die Doppelmoral, die dem Limburger Hirten wohl zu Recht vorgeworfen wird, auch beim Interpretieren so mancher Zahl durch Medien, die vermeintliche Fakten lieber etwas kontrastreicher darstellen. Die drei Millionen Euro, die als die ursprünglich "geplanten" Kosten des Gebäudes immer wieder zitiert werden, sind tatsächlich die Schätzung einer Voruntersuchung aus dem Jahr 2007 – vor dem Antritt des neuen Bischofs – durch den Frankfurter Architekten Christoph Mäckler und beziehen sich nur auf den Neubauteil des Ensembles. Inklusive Altbausanierung, Abbruch, Außenanlagen und anderem kommt auch Mäckler 2007 bereits auf 11 Millionen Euro ohne Planungskosten.

Nachfolger Karljosef Schattner hatte zum Amtsantritt von Franz-Peter Tebartz-van Elst einen unverbindlichen Kostenvoranschlag von 17 Millionen Euro geliefert, doch nachdem der Bischof Berater Schattner durch Baumeister Frielinghaus ersetzte, gab es 2010 die erste seriöse Durchplanung der Residenz nach den Vorgaben des Domherren, und da stand auf dem Papier bereits: 25 943 958 Euro und 51 Cent. Dies ist dann die Zahl, von der aus man entscheiden muss, ob eine Ausgabensteigerung von rund 18 Prozent auf 31 Millionen – wie es Stand heute auf der Quittung steht – eine "Kostenexplosion" zu nennen ist. Architekt Frielinghaus verwehrt sich dagegen mit einigem Recht. Und auch der Vorwurf an Tebartz-van Elst, stets die realen Kosten verschwiegen zu haben, entbehrt nicht einer gewissen Bigotterie angesichts einer öffentlichen Planungskultur, die ihre repäsentativen Gebäude in der Regel von den Parlamenten genehmigen lässt, indem sie die Endsumme vorher gnadenlos nach unten lügt.

Es ist also vermutlich doch nicht alles so einfach wie es ausgemalt ist in der öffentlichen Phantasie vom katholischen Striezel in der hessischen Randlage, der sich für einen Renaissance-Papst hält. Und selbst, wenn diese Einschätzung von Franz-Peter Tebartz-van Elst zutreffen sollte, muss man fairerweise sagen, dass er gerade tierisch Pech hat, dass sein neuer Vorgesetzter in Rom ein Vertreter des franziskanischen Ideals ist und die zeituntypische Auffassung vertritt, dass die Kirche Anderen Gutes tun sollte, nicht sich selbst. Sonst wäre die kleine Investition in gute Architektur vermutlich gar nicht so aufgefallen. Und Michael Frielinghaus hätte vielleicht auch erhalten, was sein Kollege Joachim Schürmann elf Jahre nach dem Hochwasser verdientermaßen für die Architektur des Schürmann-Baus in Empfang nehmen konnte: die Auszeichnung für gute Bauten, verliehen vom BDA.