Jean Nouvel - L'Ile Seguin Paris

Ein bisschen Utopie

François Pinault wollte auf dieser Insel ein Privatmuseum für zeitgenössische Kunst bauen: Schließlich wird Jean Nouvel die Neugestaltung der auf der Seine liegende "Île Seguin" bestimmen. Das architektonische Experiment soll bis 2015 Gestalt annehmen.
Neue Pariser Kunst- und Ökostadt:Jean Nouvel baut eine Kunstinsel bei Paris

Derzeit arbeiten mehrere Architektenbüros an dem Bauplan der Seineinsel Seguin. Allerdings wird es noch Monate dauern, bis das Bebauungsprojekt auf dem Papier seine definitive Gestalt angenommen hat

Ein graues, staubiges, nur spärlich bewachsenes Niemandsland: Seit dem Abriss der ehemaligen Renault-Werke 2005 wartet die zwei Kilometer von Paris entfernt in Boulogne-Billancourt liegende Ile Seguin darauf, dass die Politik über ihr Schicksal bestimmt. Alle bisherigen Projekte sind im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen. Erst seit letztem Montag kennt man den Namen des künftigen Architekten der Ile Seguin: Der Pritzker-Preisträger Jean Nouvel wird das Bebauungsprojekt koordinieren, das die Insel bis 2015 zu einer futuristischen Kunst- und Ökostadt machen soll.

Eine "Insel der Künste" soll aus dem vier Hektar großen Betonfundament werden. Vorgesehen sind eine Kunststiftung, eine Ausstellungshalle, Privatgalerien, zahlreiche Ateliers und Residenzen für Künstler, Konzertsäle für klassische Musik und Musicals sowie ein Multiplexkino und ein Zentrum für digitale Kunst. Bis zu einem gewissen Grad übernimmt Jean Nouvel die Vision des Milliardärs und Sammlers François Pinault, der 2005 dort ein Privatmuseum für zeitgenössische Kunst bauen wollte. Allerdings scheiterte das damalige Projekt wegen Verwaltungsstaus und politischer Unstimmigkeiten. Das "Kristallschiff" von Tadao Ando entstand nie – stattdessen entschied sich Pinault für den Palazzo Grassi in Venedig.

Symbolort der Arbeiterbewegung

Die Ile Seguin soll jedoch trotz des ehrgeizigen künstlerischen Programms kein kultureller Elfenbeinturm werden – wie im Projekt von Pinault wird die Kunst in die Stadt integriert. Nach den Plänen von Jean Nouvel werden Geschäfte, Studentenwohnheime und öffentliche Räume sie zu einem humanistischen, von Pluralismus geprägten Ort machen. So sollen an diesem Ort auch die verschiedenen Schichten der Gesellschaft vertreten werden, schließlich ist der ehemalige Standort der Renault-Werke ein Symbol für die Geschichte der französischen Arbeiterbewegungen – was auch seine architektonische Entsprechung in dem Projekt finden soll.

Matthieu Poitevin vom Architektenbüro ARM arbeitet seit Jahren an der Gestaltung der künftigen Ile Seguin. Sein Entwurf wurde 2004 ausgewählt und dann aufgrund einer Kursänderung in der Bebauungspolitik aufgegeben. Jetzt gehört er zu dem Team, das mit Jean Nouvel arbeiten wird. Sein Konzept ist eine Kunstgalerie unter freiem Himmel: "Wir möchten eine Promenade errichten, die ansteigend über die ganze Insel verläuft und auf der man allmählich Kunstwerke und Installationen entdecken kann." Dies entspreche dem Geist der französischen Hauptstadt: "Eine Stadt im Anstieg, in der man sich unaufhörlich nach oben bewegt." Auf dem Dach der Insel soll eine zweite Stadt gebaut werden. Von der obersten Ebene wird ein eindrücksvoller Ausblick auf die Pariser Monumente möglich sein.

Ein Laboratorium für die Neugestaltung der Stadt Paris

Seit einiger Zeit ist es ein Credo für Jean Nouvel geworden, die Natur in die Stadt zu integrieren. Ein "spektakulärer" Garten, vom Landschaftsarchitekten Michel Devignes entworfen, soll das Zentrum der Insel bilden. Diesen wird man dank eines mobilen Glasdachs in ein Treibhaus umwandeln können. Schon bedauern die Grünen von Boulogne-Billancourt, dass nicht die ganze Île Seguin zu einem großen Park umgebaut wird. Schließlich besiedeln derzeit seltene Tierarten die seit vier Jahren sich selbst überlassene Insel. Ihre Vertreibung ist dennoch der Preis für den Bau einer Ökostadt, in der die Umsetzbarkeit moderner technischer Innovationen erprobt werden soll. Solarzellenfelder, Windräder, ein Wasserkraftwerk sowie die Nutzung der Erdwärme werden eine relativ autonome Energieversorgung ermöglichen.

Welches Gesicht die Ile Seguin letztendlich 2015 bekommt, darüber kann man heute nur spekulieren, wie Matthieu Poitevin betont. In diesem Stadium der Planungsphase gehört noch ein bisschen Utopie dazu. "Die Insel ist ein vollkommen einzigartiger Ort, ideal geeignet, um mit neuen Formen zu experimentieren." So versteht auch Jean Nouvel diese Baustelle: als Laboratorium seiner Pläne für die künftige Neugestaltung der Stadt Paris.

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