Nationaloper Oslo - Norwegen

Neue Oper für Oslo

Jahrzehntelang wurde in Norwegen gestritten, ob sich das Land eine neue Oper leisten soll. Nun war es soweit: Am Samstag wurde der von Snøhetta gestaltete Neubau eröffnet. Mit dabei: Opernliebhaberin Angela Merkel. Mehrere Millionen Euro der Bausumme wurden für Kunst ausgegeben. Olafur Eliassons und Pae Whites Arbeiten stechen besonders hervor. Während der Island-Däne die tragenden Säulen, in denen sich auch die Toiletten befinden, mit einer filigranen Struktur umbaute, machte Pae White aus dem Bühnenvorhang einen umwerfenden Wandteppich. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf war bei der Eröffnung – und hat gelauscht, als sich Olafur Eliasson mit der norwegischen Königin Sonja über seine Arbeiten unterhielt.
Neue Oper für Oslo:art war auf der Eröffnung

Erinnert an Gletscher, Schnee und Eisberge: Die neue Oper in Oslo

Architektur-, Kunst- und Musikfans, die nach Oslo in die neue Oper pilgern, haben Aussichten auf ein surreales Erlebnis und werden sich wie zum Kulturereignis hingebeamt fühlen. Vom Flughafen Gardemoen kommend, geht es in die Stadt mit dem Schnellzug Flytoget, der in Design und Materialverwendung gewisse Ähnlichkeiten mit einem Stealth Bomber hat. Am Osloer Hauptbahnhof angekommen führt direkt neben dem Bahnsteig eine stählern rundum mit Metall verkleidete Brücke über die Straße hin zum Opernhaus. Geht man diese entlang, ist es anfangs ungemütlich düster, doch nach kurzer Zeit taucht – sozusagen am Ende des Tunnels – ein strahlendes Weiß auf: die neue Oper, verkleidet mit noblem Carrara-Marmor. Schneeweiß und mehr von Wasser als von Land umgeben, lässt das Gebäude an schwimmende Eisberge denken.

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Strecken Teaser

Abgesehen von den Bauwerken, die auf dem Weg vom Zug zur Brücke erspäht werden können, ist die Oper das erste, was der so Anreisende von Oslo sieht. Womöglich hat der Bauherr sich einiges dabei gedacht, die Leute quasi vor das Foyer zu beamen und an anderen öffentlichen Räumen vorbeizuleiten. Vermutlich wurde die Brücke nicht nur gebaut und mit Dach und Seitenwänden versehen, um die Besucher sicher und trocken über die Straße zu bringen und ihnen die neue Oper als ersten Oslo-Eindruck zu präsentieren.

Wer die norwegische Hauptstadt kennt, weiß, dass sich in unmittelbarer Nähe zu Bahnhof und Oper ein im skandinavischen Vergleich großes Drogen- und Rotlichtmilieu angesiedelt hat. Auch dem Dank Ölmilliarden so reichen Norwegen mit seinem recht gut ausgebautem Wohlfahrtsstaat ist es nicht gelungen, alle Bürger vor dem Absturz zu bewahren. Mit der geschlossenen Brücke allerdings wird verhindert, dass die Operngäste dieses Problem zu Gesicht bekommen.

Es geht mehr als nur ein paar Schritte über den weißen Marmor, bevor das Gebäude betreten werden kann. Viel verlockender, als direkt in das Foyer zu gehen ist, der Oper zunächst einmal aufs Dach zu steigen. Das Architekturbüro Snøhetta wollte den Bewohnern der Stadt Freiraum geben. So ist das Haus auch dann attraktiv, wenn innen keine Veranstaltung stattfindet und kann auch jenen etwas bieten, die sich für Musik weniger interessieren. Gleichzeitig wird jedem der norwegischen Steuerzahler, die den Bau mitfinanziert haben, etwas zurückgegeben – kostenlos. "Hier auf dem Dach ist nichts zu verkaufen", sagt Kjetil Trædal Thorsen, für das Projekt verantwortlicher Architekt bei Snøhetta, später in einem Vortrag.

"Nordeuropäer haben ein ganz anderes Verhältnis zum Licht"

Ganz in Schwarz gekleidet, steht er farblich im Kontrast zum Carrara-Marmor, der das Gebäude dominiert. Da es Assoziationen zu Eisbergen erweckt, passt – zumindest ästhetisch – nur zu gut, dass Monica Bonvicini plant, im Wasser vor der Oper eine Skulptur zu errichten, die eine dreidimensionale Interpretation von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Eismeer" sein soll. Bonvicinis Arbeit ist die einzige, die noch nicht fertig gestellt worden ist. Das neue Eismeer wird erst im kommenden Jahr platziert werden. Die anderen Kunstwerke sind bereits an oder in der Oper und wurden auf der Vernissage offiziell vorgestellt. Selbst die norwegische Königin Sonja ließ es sich nicht nehmen, nicht erst zur offiziellen Eröffnung am 12. April, sondern bereits ein paar Tage zuvor zur Vernissage zu erscheinen. Sie ist als Kunstliebhaberin bekannt und wird geschätzt, weil sie sich auch für zeitgenössische Kunst interessiert.

Der Andrang der Fotografen war am größten, als sich Königin Sonja mit Olafur Eliasson dessen Arbeit "The other wall" anschaute. Der Island-Däne hat drei das Dach tragenden Säulen mit einer weißen Hülle aus MDF, das in löchrigen geometrischen Mustern gehalten ist, umbaut und damit eine Art neuen Zuckerbäckerstil erfunden. Die Struktur wirkt so filigran, als sei sie aus Zuckerglasur. Umso weniger bewusst wird, dass die Säulen dahinter das Dach mittragen. "The other wall" wird von hinten mit grünen Birnen und von der Vorderseite mit in den Boden eingelassenen weißen LEDs beleuchtet. Königin und Künstler sprachen so leise miteinander, dass nicht zu hören war, mit welchen Worten Eliasson Königin Sonja sein Werk erläuterte. Zu art sagte er: "In Schauspiel und Oper bekommen die Leute zu sehen, was sie nicht im TV zu sehen bekommen: die wirklichen Menschen auf der Bühne, Körperlichkeit. Meine Idee war auch die Qualität des Besuchs zu unterstützen. Wer hier steht, erfährt die Dematerialisierung der tragenden Säulen. Durch meine Ummantelung scheint das Riesendach in der Luft zu hängen. Es ist quasi eine Antifernsehwand."

"Als Nordeuropäer haben wir ein ganz anderes Verhältnis zum Licht als Leute aus dem Süden", betont Eliasson immer wieder, so auch in dem Vortrag, den er vor geladenem Publikum zur Vernissage hielt. Ein Großteil der norwegischen Kunstwelt war erschienen – Kuratoren der großen Osloer Museen, Sammler, Kritiker und Künstler. Ihnen zeigte Eliasson Bilder von Menschen und Fußbällen, die auf Island in der Sonne stehen – obwohl mitten am Tage aufgenommen, steht die Sonne so tief, dass die Schatten erheblich länger sind als die Objekte, die die Schatten werfen. Auch die Lichtverhältnisse von "The other wall" ändern sich mit der Zeit. Im Inneren der Säulen, die Eliassons Arbeit ummanteln, sind die Toiletten untergebracht.

"Hier ist sie wieder, die skandinavische Ordnung"

Am anderen Ende des Foyers steht recht versteckt an der Fensterfront das Werk "Hyperouvertyr" von Linus Elmes und Ludvig Löfgren. Die beiden Schweden haben 13 Operouvertüren zu einem einzigen Stück gesampelt und während der Grundsteinlegung im September 2004 flüssigen Beton mit den Schallwellen des 1.42 Minuten-Stücks bespielt. Der Druck war so groß, dass der Beton Wellen schlug. "Hyperouvertyr" ist das Betonstück, das die Schallwellen visualisiert.

Während der Vernissage gab es im Foyer "lett servering" wie es auf Norwegisch heißt, einen kleinen Snack also. Sieben Häppchen wurden auf weißen Tellern angerichtet, die mit einer Gabel, die wegen der leichten Biegung einem Kinderlöffel ähnelte, mehr schlecht als recht gegessen werden konnten. "Sieben Gänge in zwanzig Minuten heißt das Essen", ruft Martin Bailey, ehemals Geschäftsführer des Auktionshauses Blomqvist und nun Marketingchef der Oper, im Vorbeigehen. So sollen die Opernfans in der Pause ein Sieben-Gänge-Menü essen können. Hier ist sie wieder, die skandinavische Ordnung.

Das Kunstwerk, das die Opernbesucher mit größter Spannung betrachten und dem sie die größte Aufmerksamkeit widmen werden, ist sicher jenes von Pae White. Zweifelsohne hat die Arbeit diese Aufmerksamkeit verdient, doch muss ehrlicherweise gesagt werden, dass die Besucher sich dem Werk der US-Amerikanerin deshalb besonders intensiv widmen werden, weil sie den Bühnenvorhang gestaltete. Die Hauptszene ist statt mit einem roten Samtvorhang, wie es klassischerweise üblich war, mit einem silbernen Stoffvorhang verhängt. White hat das Photo einer lichtempfindlichen Folie in den Baumwollvorhang gewebt. Es entsteht der Eindruck als hinge vorne ein riesiges Stück Aluminiumfolie, das zunächst leicht geknüllt und dann wieder auseinandergefaltet wurde.

Es ist schwer, jemanden zu finden, der von der neuen Oper nicht begeistert ist. Eivind Furnesvik, Besitzer der Galerie Standard, hat an dem Bau etwas auszusetzen. "Es ist etwas simpel, um norwegische Werte zu symbolisieren, das Gebäude einfach ans Wasser zu setzen. Da hätte ich mir mehr erhofft", sagt er. Snøhetta, so Furnesvik, sei sehr gut darin Wettbewerbe zu gewinnen, aber die anschließend realisierten Objekte seien oft enttäuschend.

Letzter Programmpunkt der Vernissage war ein gemeinsamer Rundgang über das Dach. Danach verließ die illustre Schar auf verschiedensten Wegen die Oper: Königin Sonja stieg in ihren dunkelgrünen amerikanischen Wagen, andere ins Taxi, wählten die sichtgeschützte Brücke oder wagten sich zu Fuß durchs Osloer Drogenviertel weg von der Insel der Seeligen. Wer beide – die hübsche und die unschöne – Seiten Oslos kennen lernen will, dem sei das in skandinavisch schlichtem Schick gehaltene Choice Hotel Børsparken empfohlen.

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