Nezu Museum - Tokio

Respekt vor alten Traditionen

Museumsneubau des Architekten Kengo Kuma mit intimem Zen-Garten, Teepavillons und einer exquisiten Sammlung asiatischer Kunst in Tokio.
Hinter Bambusspalier:Neues Museum für die Sammlung Kaichiro Nezu

Das neue Nezu Museum – von außen gesehen

Läuft man auf der Verlängerung der berühmten Einkaufsmeile Omote Sando in Tokio ein paar Minuten nach Süden, so lässt der Trubel um die schicken Konsumtempel merklich nach. Im stilleren Teil des Aoyama-Distrikts eröffnete vor ein paar Wochen nach langer Schließung das neue Gebäude des Nezu Museums, ein Meisterwerk des Architekten Kengo Kuma.

Von der Straße her wirkt das Bauwerk hinter einem langen Bambusspalier eher unscheinbar und abweisend. Der Anblick wird von einer mächtigen Dachfläche aus grauen Ziegeln bestimmt, verlängert von dünnen Stahlblechen. "Das Gebäude ist nicht von der Stadt abgegrenzt. Vielmehr wird es durch das Bambusdickicht geöffnet", schreibt Kuma jedoch und: "Die Menschen laufen unter der niedrigen Traufe am Bambus entlang, wie in einer Passage zwischen der lebendigen Stadt und dem Wald der Schönen."

Tatsächlich versetzt bereits der Eingangsbereich die Besucher in die ebenso strenge wie inspirierende Situation eines Zen-Gartens. Reduktion und natürliche Materialien wie Naturstein, ein Band aus schwarzen Kieseln und eine Bambusverkleidung bilden den von einen vorkragenden Dach beschirmten Zugangsweg, der perfekt auf das Museum einstimmt. Denn hier sind nicht nur Schätze asiatischer Kunst versammelt, sondern hinter dem Museumsbau erstreckt sich ein intimer Garten von knapp 20 000 Quadratmetern, der als Erholungsort und Skulpturenpark gleichermaßen funktioniert.

Kumas schlichte, ebenso respektvoll wie innovativ an Traditionenen angelehnte Architektur bietet die perfekte Bühne für eine Sammlung, die der Industrielle Kaichiro Nezu (1860 bis 1940) angelegt hat. Sie besteht aus über 7000 Werken – Kalligrafie, Malerei, Skulptur, Keramik, Lackarbeiten, Bambusobjekten und Textilien. Weltberühmt ist eine Gruppe antiker chinesischer Bronzen, zu den Highlights der Sammlung zählt der mit Iris bemalte Wandschirm des japanischen Künstlers Ogata Korin (1658 bis 1716).

Leidenschaft für die japanische Teekultur

Im Inneren des Gebäudes schwindet der Eindruck einer Festung dann vollends, denn über drei Etagen hinweg lässt die großzügig gegliederte Glasfassade Licht an uralte Buddhastatuen und andere religiöse Artefakte. Das Nezu Museum feiert seine Wiedererstehung nach über drei Jahren Bauzeit mit einer Reihe von Sonderausstellungen – gerade eröffnete mit "Nezu Seizan" eine Präsentation, die die Leidenschaft des Museumsgründers für die japanische Teekultur illustriert. Diverse unverzichtbare Gerätschaften für die Teezeremonie, deren unschätzbarer Wert sich uneingeweihten Westlern oft kaum erschließt, kultivierten Japanern jedoch das Herz höher schlagen lässt, sind dort vereint: betagte Wasserbehälter, Spatel für den "Macha" genannten grünen Pulvertee, simple Kellen und allem voran unregelmäßig geformte, eigenwillig glasierte Teeschalen.

Angesichts dieser Vorlieben von Nezu Senior, der übrigens den Künstlernamen "Seizan" (Blauer Berg) annahm, verwundert es auch nicht, in der liebevoll angelegten Gartenoase im musealen Hinterland immer wieder auf kleine Teepavillons zu stoßen. Dort im Grünen zelebrierte Seizan exklusive Teegesellschaften zum Neujahrsfest und lud anlässlich der Eröffnung seiner Anlage im Jahre 1913 Experten und Kunstliebhaber zu einer legendären Gartenkritik-Sitzung ein. Die Nezu-Oase im Herzen eines der geschäftigsten Bezirke von Tokio verfügt nicht nur über zahlreiche, elegant verwitterte Steinskulpturen in den überraschendsten Winkeln und einen lauschigen Teich inklusive Bächlein, sondern formt auch ein natürlich wirkendes Tal, in dem man die Gedanken an die draußen brodelnde Millionenmetropole dann vollends hinter sich lässt.

Eine Art atmende Struktur

Kengo Kumas zeitgenössisches Teehaus, das Nezucafe, fügt sich hier wunderbar ein. Von vorn ebenerdig zu betreten, schwebt es seitlich fast wie eine Kanzel über dem künstlichen Tal. An drei Seiten bis zum Boden verglast, wird es zum Bestandteil der umgebenden Natur und entstpricht so dem Ideal der Teekultur, den Garten aus verschiedenen Perspektiven wie ein Kunstwerk wirken zu lassen – ein organischer Rahmen für das Ambiente, der auch bei größtem Besucherverkehr fragil und transparent wirkt. In seinem Inneren wurde eine Steinmauer und der Kamin der früheren Nezu-Residenz erhalten. Der gläserne Pavillon ist nicht das erste Bauwerk dieser Art, mit dem Kuma auftritt. Vielleicht aber ist es das "objekthafteste" Teehaus in dessen bisheriger Karriere.

Immerhin reüssierte der 1954 geborene Architekt mit Maximen wie "anti object archicture" oder "erasing architecture" und realisierte 2007 in diesem Geiste sein aufblasbares Teehaus im Garten des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt. Zwei Kunststoffmembranen aus dem neuartigen Tenara-Gewebe bildeten eine Art atmende Struktur, die in ihrem Inneren jedoch alle Elemente eines Teehauses wie Feuerstelle, niedrigem Zweiteingang und Tatamimatten vereinte. Noch radikaler näherte sich Kuma diesem Thema mit seinem "Floating Teahouse", das nur noch aus durchsichtigen Vorhängen besteht, die von einer Art Ballon gehalten werden. Insofern stellt das neue Nezu-Café eine überaus statische, fast konventionelle Lösung dar, die jedoch auf die Bedürfnisse des nahen Museums, auf dessen Bauweise und vor allem auf die umgebende Natur gekonnt reagiert.

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