Doppeltes Berlin - Welterbe

Mein Berlin, Dein Berlin

Zwei Kongresshallen, zwei Zoos, zwei Flughäfen: Die Berliner Initiative "Doppeltes Berlin" sammelt im Internet Material zu den doppelten Architekturen der Stadt und will den UNESCO-Weltkulturerbetitel für das einmalige Erbe der Teilung. art führte mit dem Initiator Tobias Hönig ein Email-Interview über das Projekt und seine Erfolgsaussichten.
Als Berlin zwei Städte war:Die zweifache Architektur des Kalten Kriegs

Die doppelte Kongresshalle: links das Haus der Kulturen der Welt HKW, rechts das Berliner Congress Center bcc

art: Herr Hönig, seit 1990 ist die Stadt Berlin das Symbol der deutschen Wiedervereinigung. Warum beschäftigen Sie sich mit Ihrem Projekt Doppeltes Berlin gerade mit dem Erbe der Teilung?

Tobias Hönig: Was wir als "Doppeltes Berlin" verstehen, sind die typologischen Doppelungen von Gebäuden auf beiden Seiten der geteilten Stadt. Diese Doppelung war bedingt durch die Teilung und gerichtet an die jeweilig eigene Vorstellung, wie an die Vorstellung des Anderen, am Ende miteinander kommunizierend. Nirgends wird das Verhältnis von Architektur und Vorstellung anschaulicher als in politisch, national, ethnisch, ideologisch oder religiös geteilten Territorien. Und wo Berlin weltweit das Symbol der deutschen Wiedervereinigung ist, war es zuvor das Symbol der deutschen Teilung und hinterließ uns dieses bauliche Erbe der Teilung, Teil unserer Identität. Mit der Entwicklung Berlins zu einer Weltmetropole, die sich an London, Paris und New York messen will, geht die Sichtbarkeit der beiden Vorstellungen, die der sich in Konkurrenz gegenüberstehenden Systeme, im Berliner Stadtraum zunehmend verloren. Diese Sichtbarkeiten zur Sensibilisierung der Kritikfähigkeit zu erhalten, ist Anlass unserer Auseinandersetzung mit dem "Doppelten Berlin".

Wie sind sie zu diesem Projekt gekommen?

Das Projekt "Initiative Weltkulturerbe Doppeltes Berlin" stammt aus dem Umfeld von Akademie c/o, einem Veranstaltungsformat, dass als Spin-Off des Studiengangs für Architektur- und Stadtforschung an der AdBK Nürnberg in Berlin in publikumsoffenen Seminaren die Frage nach der Raumproduktion der Berliner Republik stellt. Mit "Berliner Republik" ist eben jener Zeitraum seit 1990 gemeint, das wiedervereinigte Deutschland mit der Hauptstadt Berlin. Akademie c/o versucht dafür spezifische räumliche Phänomene zu erkennen und sie in der gemeinsamen Auseinandersetzung zu beschreiben und zu verstehen. Eine Tendenz, die sich bei dieser Auseinandersetzung abzeichnet, ist die Rückwärtsorientierung, der man sich in Berlin nicht entziehen kann, wenn man sich damit beschäftigt, wie wir uns als Gemeinschaft offenbar die Zukunft der Stadt vorstellen: Stadtschloss, Blockrand, Steinfassade, Bernd Albers' Pläne mittelalterlicher Rekonstruktion vom Schloss bis zum Bahnhof Alexanderplatz, generell der Umgang mit den Architekturen der Moderne.

Sie streben einen Weltkulturerbetitel für das Doppelte Berlin an. Wie begründen Sie ihre Initiative?

Städtebauliche Planung und Architekturen im Detail sind immer Ausdruck von Vorstellungen denen die Planung überhaupt entspringt, und das Objekt, die jeweilige Architektur, ist somit auch immer zugleich diese Vorstellung. Das ist es in unseren Augen auch, was Architekturen denkmalwürdig macht, weniger, dass sie als Gebäude an sich interessant sind. Diese Koppelung ist an den drei bisher aus Berlin auf der Weltkulturerbeliste geführten Denkmälern gut zu erkennen: Die Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin sind untrennbar mit der preußischen Monarchie verbunden, die Museumsinsel repräsentiert die Emanzipation des aufgeklärten Bürgertums, und die Siedlungen der Moderne stellen die wegweisenden Flaggschiffe des Sozialen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik dar.

Wie würde sich das Doppelte Berlin in diese Gruppe bestehender Berliner Weltkulturerbetitel einfügen?

Man kann die drei angesprochenen Berliner Welterbestätten durchaus als Chronologie zunehmender Inklusion immer breiterer Gesellschaftsschichten in die Gestaltung jener verstehen. Denkt man an das geteilte Berlin, überwiegt zunächst die Aufmerksamkeit für die Systemkonkurrenz, die in Berlin stellvertretend für die beiden dominierenden Blöcke der Welt im direkten Gegenüber ausgetragen wurde. Darüber darf man aber nicht vergessen, dass beide Systeme auch an einen unerschütterbaren Fortschrittsglauben gekoppelt waren. Man denke nur an Sputnik und die Mondlandung. Teil dieses Fortschrittsversprechens auf beiden Seiten war der Glaube daran, dass die Moderne das Leben Tag für Tag besser machen würde. Die Fassaden der Stalinallee mögen zunächst formal nicht sehr modern anmuten. Sieht man aber die Presseaufnahmen des Allgemeinen Deutschen Fotodienstes von den Kücheneinrichtungen des Hochhauses an der Weberwiese und der Stalinallee, sprechen diese dieselbe Sprache wie die Werbeanzeige der Firma Bosch auf der Rückseite des Katalogs zur Interbau im Hansaviertel.

Befürchten Sie nicht, dass Ihre Idee zu abstrakt für die Unesco-Kommission ist?

Nimmt man bereits vor 1945 errichtete Bauten, die ideologische Umdeutungen erfuhren, aus, sprechen wir vor allem von moderner Architektur. Hier stellt sich aus der Sache heraus die Frage nach Denkmalpraxis. Moderne Architektur ist eben keine Architektur, die per se konserviert werden muss, sondern eine, in der Umnutzung und Umgestaltung bereits angelegt sind. Denkt man an die so genannten Buffer-Zones, eines der Schutzinstrumente der UNESCO, großzügige Zonen um das Schutzobjekt herum die dieses vor allem visuell schützen sollen, würde das bedeuten, dass in der Umgebung der Bauten des Doppelten Berlin eben nur noch "modern" gebaut werden dürfte. Die Neubauten müssten für verschiedene Nutzungsarten offen sein und nicht unbedingt dem Gestaltungskanon der Ost- und West-Berliner Moderne entsprechen. Mittlerweile kann auf Erfahrungsschatz anderer Welterbestätten, die moderne Architektur schützen, zurückgegriffen werden. Das größte Verständigungbedürfnis ruft aber wohl die Tatsache hervor, dass das Doppelte Berlin neben einer ganzen Kette an Bauten überall im Stadtraum, vor allem Augenmerk auf den immateriellen Wert legt. Die Versammlung der Bauten macht klar, dass dies eben nicht an formalen Fragen verhandelbar ist, sondern es viel mehr darum geht, für wen, was und warum gebaut wurde. Immaterieller Wert und materielle Manifestation sind an sich in einem Denkmal untrennbar. Hier gilt es aber sicher, neue Wege zu gehen.

Mit dem Antrag auf Weltkulturerbe bei der Unesco übernimmt der antragstellende Staat traditionell die Verantwortung für den Erhalt der Stätte – wie könnte das in Ihrem Fall konkret funktionieren?

Bei den meisten der Bauten handelt es sich um öffentliche beziehungsweise Kulturbauten. Das heißt also um Orte der Versammlung an denen wir im Kommunikation miteinander treten können. Während z.B. die Kongresshalle im Tiergarten heute das "Haus der Kulturen der Welt" beheimatet, im Selbstverständnis "ein kosmopolitischer Ort für die zeitgenössischen Künste", treffen sich in der Kongresshalle am Alexanderplatz die heute Berlin Congress Center heißt "Germany's Leading Game Developers". Darüber kann man denken wie man will, aber erst wenn sich an diesen Orten niemand mehr treffen will, muss man sich wirklich Sorgen machen, und das Interagieren einer Gesellschaft mit sich selbst sollte keine Geldfrage sein.

Wie sieht es mit dem Wohnungsbau aus?

Bei den Wohnbauten an der Karl-Marx-Allee und im Hansaviertel und vor allen denen in den Großsiedlungen Berlins muss man dann noch einmal mit Nachdruck auf die Frage des "für wen, was und warum bauen" verweisen. Vom rein ökonomischen Standpunkt aus mag ein Erhalt aufwendig sein, aber den Wohnungsbau des Doppelten Berlin zusammen mit den Siedlungen der Berliner Moderne vor Augen, können wir es uns eigentlich gar nicht leisten, den Wohnungsmarkt alleine in die Hand marktorientierter Projektentwickler zu legen. So lassen sich auch hier die Kosten für den Erhalt der Gebäude nicht gegen ihre gesellschaftliche Relevanz aufrechnen.

Seit dem letzten Jahr sammeln Sie Informationen zum Doppelten Berlin auf einer Webseite. Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Vor der Arbeit im Initiativbüro während der Laufzeit der Ausstellung "Between Walls and Windows – Architektur und Ideologie" im Haus der Kulturen der Welt, die den Grundstock zur Webseite legte, gab es ja zunächst als Startschuss den Kongress zum Doppelten Berlin unter der Schirmherrschaft von Thomas Krüger. Krüger war kommissarisch letzter Oberbürgermeister Ost-Berlins und ist heute Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Er, wie auch alle anderen Redner, Jörg Haspel (Landeskonservator Berlin), die "Paten" der Doppelungen wie Thomas Martin (Chefdramaturg der Volksbühne) und Dietger Pforte (Vorstandsvorsitzender der Freien Volksbühne), um nur exemplarisch einige zu nennen, gaben dem Projekt so von Anfang an ihre Expertise mit auf den Weg. Vor allem Bruno Flierl, unumgänglich wenn es um Architektur- und Städtebau der DDR geht, hat dem Doppelten Berlin schon vor dem Kongress und bis jetzt Zeit und Denkleistung gewidmet. Er war oft Türöffner für Vera Tollmann, Martha Posthofen und mich, die das Initiativ-Büro betreuten, wenn es darum ging, über den Teil des Doppelten Berlins im ehemaligen Ost-Teil der Stadt zu sprechen. Gerade hier stießen wir immer wieder auf Zurückhaltung, die sich am Ende meist in lange und interessante Gespräche auflöste. Das Initiativbüro war generell ein großartiges Medium um das Doppelte Berlin im direkten Austausch zu diskutieren und ihm so tiefer auf den Grund zu gehen. Darum geht es am Ende auch. Das kann die Webseite natürlich nicht leisten, aber auch über sie tut sich wertvoller Austausch auf: Vorschläge neuer Paare, kritische Anmerkungen und wir sind immer noch jederzeit erreichbar. Man kann also sagen, wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz.

Haben Sie diesbezüglich noch Wünsche?

Neben unserer Initiative beschäftigen sich auch andere mit dem Doppelten Berlin. Ein Ergebnis unserer Arbeit ist es zum Beispiel, dass über nahezu alle Bestandteile des Doppelten Berlin schon ausführlich geforscht und geschrieben wurde. Unter dem Begriff Doppeltes Berlin wurden dieses Wissen bisher aber nicht zusammengetragen. Gabi Dolff-Bonekämper, die an der TU Berlin den Lehrstuhl für Denkmalpflege inne hat, hat aber schon vor einigen Jahren den Begriff von "Bau und Gegenbau" bezüglich der Stadtentwicklung im geteilten Berlin entwickelt, die Gedenkstätte Mauerpark widmet dem Phänomen mittlerweile in der zweiten Runde eine hervorragende Veranstaltungsreihe, und das Initiativbüro hat uns gelehrt, dass das Bewusstsein um das Doppelte Berlin in den Berlinern fest verankert ist und sie es noch verstehen, die Stadt darauf hin zu lesen. Was wir uns wünschen ist, dass diese Lesbarkeit erhalten bleibt und als eine Grundlage in den gemeinsamen Diskurs über künftige Stadtmodelle mit einfließt. Ein erster, großer und absolut feierwürdiger Schritt in diese Richtung wäre es, wenn Bürgerverein Hansaviertel, Hermann-Henselmann-Stiftung und der Förderverein Corbusierhaus mit ihrem in jahrelanger Arbeit vorbereiteten Antrag, Karl-Marx-Allee und Hansaviertel unter UNESCO-Weltkulturerbeschutz zu stellen, demnächst die nächste Hürde nehmen könnten.

Initiative Weltkulturerbe Doppeltes Berlin

Die Initiative wird getragen von den Architekten Tobias Hönig und Arno Brandlhuber, dem Architekturtheoretiker Christian Posthofen und der Kuratorin Vera Tollmann

http://www.doppeltes-berlin.de