T. C. Boyle - Interview

Frank Lloyd Wright war ein Betrüger und Verführer

Der US-amerikanische Schriftsteller Thomas Coraghessan (T.C.) Boyle schildert in seinem neuen Roman "Die Frauen" das aufregende Leben des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. art sprach mit Boyle über sein Wright-Haus, radikale architektonische Ideen – und darüber, wie Wright die Ehefrauen seiner Auftraggeber verführte. Mit der Buchveröffentlichung bewies der populäre US-Autor übrigens gutes Timing: In diesem Jahr feiert Frank Lloyd Wrights berühmtestes Bauwerk, das Guggenheim Museum in New York, 50-jähriges Jubiläum.

Im Frühstücksraum des "Art'otels", einem Hotel auf der Fischerinsel in Berlin, vor dem ein roter Fiberglasbär Kopfstand macht, drinnen an den Wänden hängt Druckgrafik von A. R. Penck. Kaum ist das Aufnahmegerät an, poltert der amerikanische Schriftsteller auch schon los. Er mache sich Sorgen um das deutsche Bildungssystem oder doch zumindest um das äußere Erscheinungsbild unserer Schulen. Gegenüber dem Hotel steht ein deprimierender, schutziggrauer Funktionsbau aus den siebziger Jahren, an dem die Farbe blättert: die evangelische Schule Berlin-Zentrum.

T. C. Boyle: Als ich gestern abend ankam, dachte ich, es handelt sich um eine verlassene Fabrik. Das Gebäude sieht schrecklich aus. Vielleicht sollte ich mein Lesehonorar stiften und ein paar Eimer Farbe für die Schule kaufen. Es ist eine Schande zu sehen, wie Bildungseinrichtungen vernachlässigt werden. Das ist etwas, das ich aus Amerika kenne. Die ersten Dinge, die in der ökonomischen Krise vor die Hunde gehen, sind das Bildungssystem und die Umwelt – die zwei fundamentalsten Elemente unserer Gesellschaft. Dabei bin ich selbst das beste Beispiel für ein funktionierendes öffentliches Bildungssystem. Ich stamme aus der Arbeiterklasse und war der Erste in unserer Familie, der eine höhere Schule besuchte. Eine Privatschule hätten sich meine Eltern nie leisten können.

art: Sie haben eine steile Karriere gemacht: über 20 Buchveröffentlichungen, darunter Bestseller wie "Wassermusik", "Der Samurai von Savannah" und "Dr. Sex". Ihr neuestes Buch handelt von dem berühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Nun sind Sie weder Kunsthistoriker noch Architekturexperte. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Meine Frau und ich sind vor 15 Jahren in ein Haus von Frank Lloyd Wright gezogen, das so genannte Georg Stewart House in Kalifornien. Wir haben es restauriert, und so begann ich mich für den Architekten zu interessieren. Denn wir wollten es möglichst authentisch in Stand setzen. Als ich mir dann seine Lebensumstände näher anschaute, bemerkte ich, dass er zu den Menschentypen gehört, die mich als Romanfiguren interessieren, Leute wie der Sexforscher Dr. Kinsey ("Dr. Sex") oder John Kellogg, der Erfinder der Cornflakes ("Road to Wellville"). Es handelt sich um Guru-Figuren, mächtige, magnetisierende Menschen mit einer großen Anhängerschar.

Also interessierten Sie sich weniger für Wrights architektonische Errungenschaften als für seinen Charakter?

Auch die Architektur interessiert mich sehr, schon weil ich in einem seiner Häuser wohne. Er revolutionierte die Architektur, nicht nur in Amerika. In Japan baute er 1919 das Imperial Hotel, eines der wenigen Gebäude, dass das große Erdbeben von 1923 überstand. Sie können in meinem Buch viel über seine Karriere lernen, welche Häuser er baute, wie er Projekte realisierte und wie er dachte. Aber noch mehr erfährt man über seinen Einfluss auf die Leute um ihn herum.

Hatten Sie bei Ihrer Wohnungssuche denn ganz gezielt nach einem Haus von Frank Lloyd Wright gesucht?

Nein. Wir suchten einfach nur ein altes Haus, weil wir keine Lust hatten, in einem dieser neumodischen Schachteln aus Maschendraht und Stuck zu leben. Mein Frau hat es entdeckt, und sie wollte es unbedingt haben, so sehr, dass sie am Telefon weinte und flehte, ich müsste es mir sofort ansehen. Also fuhr ich hin und kaufte es gleich am nächsten Tag. Wer weiß, wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr verheiratet.

Wie alt ist das Haus?

Es wurde 1909 erbaut, hat also dieses Jahr 100. Geburtstag. Für euch Deutsche gilt das immer noch als fast neu. Aber für amerikanische Verhältnisse ist das uralt, besonders an der Westküste. Es war das erste Haus, das Wright in Kalifornien baute. Die Gegend in der Nähe von Santa Barbara wurde von reichen Industriellen aus dem mittleren Westen um 1890 herum besiedelt, die das Klima schätzten und dort riesige Anwesen bauten.

Viele von Frank Lloyd Wrights Häusern stehen heute unter Denkmalschutz und werden eher als Museen und Pilgerstätten betrachtet. Wie wohnt es sich in solch einem Architekturjuwel?

Wunderbar! Für mich ist es ein normales Haus. Auch wenn es für die damalige Zeit ein sehr radikales Design hatte. Es ist ein Haus im Präriestil, Wrights größter Innovation. Es ist ein antiviktorianisches Haus. Die viktorianischen Wohnhäuser jener Zeit dominierten den Bauplatz vertikal, sie protzten mit großartigen Eingängen, großen Eingangshallen, dramatischen Treppenaufgängen. Dahinter verbargen sich dann die ganzen kleinen Kammern. Frank Lloyd Wright baute die Antithese dazu. Er verwendete organisches Baumaterial, Holz und Stein aus der jeweiligen Gegend und passte das Haus horizontal in die Landschaft ein. Statt vieler geschlossener Räume haben seine Häuser einen offenen Grundriss. Wie in einem japanischen Haus kann man von einem Ende zum anderen sehen. Statt undurchsichtiger Wände gibt es viele Fenster, die sich alle nach außen öffnen lassen, so dass die Natur ins Haus kommt. Natur und Innnenraum sind eins, das ist eines seiner wichtigsten Prinzipien für die Präriehäuser. Alles ist um einen zentralen, großen Kamin herum geplant, so dass man zusammensitzen konnte und Eltern ihre Kinder im Blick hatten – das waren noch die Zeiten, bevor es Fernsehen und Videospiele gab.

Wright baute nicht nur Häuser, sondern meist entwarf er auch die komplette Einrichtung, vom Stuhl bis zur Deckenlampe. Ist davon in Ihrem Haus noch etwas zu sehen?

Alle Einbauten und Lampen sind noch original von ihm. Wir hatten Glück, denn wir sind erst die vierten Besitzer. Und keiner der Vorbesitzer hat etwas herausgerissen. Aber Möbel hat er keine für dieses Haus entworfen. Dazu hatte er wohl keine Zeit. Denn genau zu der Zeit, als er es plante, ließ er seine erste Frau Catherine (Kitty) und sechs Kinder im Stich und brannte mit seiner neuen Geliebten, Mamah Cheney, nach Deutschland durch. Sie tauchten übrigens in Berlin im Hotel Adlon unter. Dort vereinbarte er mit dem Verleger Ernst Wasmuth die Veröffentlichung seiner ersten Werkmonografie.

Frank Lloyd Wright gilt als einflussreicher Wegbereiter der Moderne. Architektur war für ihn mehr als gutes Handwerk, es war eine Weltanschauung. In seiner Autobiografie sagt er: Das wichtigste moderne Kunstwerk sei für ihn "ein schönes Stück Architektur oder einfacher: ein schöner Raum zum Leben". Würden Sie dem zustimmen?

Nein, ich denke natürlich, das sich die Moderne am besten durch einen guten Roman ausdrücken lässt. Als Wright das 1932 schrieb, reagierte er damit auf die neue Architekturbewegung rund um das Bauhaus, Ludwig Mies van der Rohe und den International Style, die ihn plötzlich als Mann von gestern dastehen ließ – als Architekt des 19. Jahrhunderts. Aber er erfand sich neu, entwickelte neue, innovative Techniken und radikale Ideen, etwa das Guggenheim Museum.

In Ihrem Buch geht es allerdings in erster Linie um Frank Lloyd Wrights Beziehung zu Frauen. Was war daran so spannend?

Mir scheint, dass er mit der Zeit nach immer kultivierteren, gebildeteren Frauen suchte. Seine erste Frau Kitty hatte keine höhere Schulbildung, sondern war ein einfaches Mädchen aus Wisconsin. Mamah, mit der er nach Deutschland flüchtete, sprach fließend Deutsch, war eine Feministin, intellektuell und sexuell viel interessanter als seine erste Frau. Als Mamah 1914 ermordet wurde, wandte er sich Miriam Noel zu, die intellektuell vielleicht nicht mehr zu bieten hatte, aber eine sehr glamouröse Erscheinung war. Sie hatte zehn Jahre in Paris gelebt und verkörperte den Stil und die Mode von Paris. Seine letzte Frau Olgivanna Lazovich Hinzenberg, die er 1924 kennen lernte, wiederum war viel jünger als er. Sie war diese attraktive, exotische Frau mit wichtigen Familienverbindungen zu den Adelskreisen Montenegros. Es wollte offenbar immer mehr haben.

T. C. Boyle über charismatische Männer und Musik

Heißt das, die eigentliche treibende Kraft hinter Frank Lloyd Wrights Genie waren seine Frauen?

Das glaube ich zumindest. Er war kein Frauenheld im klassischen Sinne. Er hatte sehr starke und lang anhaltende Beziehungen. Er brauchte eine starke Frau an seiner Seite, jemanden, der ihm etwas entgegensetzte. Wright verlangte Anbetung von allen Menschen um ihn herum. Aber von seinen Frauen gewinnt man den Eindruck, dass sie ihn nicht bedingungslos angehimmelt haben. Vielleicht Olgivanna zu Anfang, als sie noch jung war. Aber später wurde sie der alte, alles beherrschende Hausdrachen von Taliesin.

Aber erfüllt Wright mit seinem zyklischen Frauenwechsel nicht auch das klassische Klischee: Mann trennt sich von Frau und Kindern, um mit einer jüngeren, knackigeren Partnerin einen zweiten oder dritten Frühling zu erleben?

Wichtiger als das Alter war seine Anziehungskraft. Ist es nicht schon immer so gewesen, dass sich Frauen zu mächtigen, charismatischen Männern hingezogen fühlen? Nach den Fotos zu urteilen, sah Frank Lloyd Wright nicht besonders attraktiv aus, aber er hatte Charisma. Er war klein, doch er trat auf, als sei er der größte Mensch auf Erden. Auch wie er sich kleidete, erregte Aufsehen. Er zog sich an wie ein Ästhet des 19. Jahrhunderts mit schwarzem Cape, langem Schal und großem Hut. Das war Teil seines Images. Das setzte er übrigens auch ein, um Aufträge an Land zu ziehen. Er fuhr mit seinem schicken, offenen Automobil vor und kutschierte die Ehefrauen seiner Auftraggeber herum. Sie waren leztlich oft diejenigen, die ihre Gatten überredeten, diesem exzentrischen Architekten Geld für einen Neubau zu geben. Wright war ein Betrüger und Verführer. Nicht dass er mit diesen Frauen ins Bett gegangen wäre, aber er verführte sie, an seine Genialität zu glauben und sicherte sich damit Aufträge.

Als Architekt war Wright ungeheuer produktiv. Er baute über 500 Häuser, eine fast unvorstellbare Zahl, für einen einzigen Architekten.

Ja, aber er ist auch sehr alt geworden. Als er das Guggenheim Museum baute, war er 92 Jahre. Er muss eine unglaubliche Energie gehabt haben. Er arbeitete immer selbst auf dem Bau mit und war in jeder Phase physisch involviert.

In Ihren Buch schildern Sie ausführlich den Bau von Taliesin, seinem Landhaus in Spring Green in Wisconsin, in das er 1912 sein Büro von Chicago aufs Land verlegt. Das Haus hat eine bizarre Geschichte. 1914 wurde es von einem psychopatischen Hausangestellten niedergebrannt, Wrights zweite Frau, ihre zwei Kinder und vier weitere Menschen werden grausam ermordet. Statt den Ort des Unheils zu verlassen, baut er es innerhalb weniger Monate wieder auf. Später gerät es erneut in Brand, und wieder baut Wright es auf. Was hat ihn da getrieben?

Er war einfach unglaublich widerstandsfähig. Dieses Haus hatte er für Mamah gebaut, nachdem er durch den Ehebruch seine Karriere und seinen Ruf aufs Spiel gesetzt hatte. Er konnte also auch nach dem schrecklichen Unglück nicht mehr zurück. Aber mehr noch: Er baute nicht nur Taliesin wieder auf, sondern sechs Monate später hatte er ein sexuelles Verhältnis mit einer neuen Frau: Miriam Noel, einer glamourösen Lebedame und Gelegenheitskünstlerin. Da fragt man sich natürlich, ob Wright nicht einen sehr kalten, berechnenden Charakter hatte. Auf alle Fälle war er ein Control Freak, der seine Gefühle und seine Trauer wegpacken konnte, um mit seiner Arbeit weiterzukommen.

Was wurde aus Taliesin?

Heute ist es eine Art Museum. Es wird von einer Stiftung verwaltet, aber niemand wohnt dort. Das merkt man, wenn man es besichtigt. Es zerfällt langsam. Es ist eine extrem weitläufige Anlage. Frank Lloyd Wright hat sein ganzes Leben lang daran gebaut und immer wieder Erweiterungen geplant, hier einen Turm, da ein paar mehr Zimmer, es wurde niemals fertig, weil ihm als Architekt immer etwas Neues einfiel. Es wäre besser, wenn es immer noch bewohnt würde. Das ist das Problem mit vielen dieser Museumshäuser. Sie werden einfach nicht gut instand gehalten. Die University of Southern California (USC), an der ich unterrichte, besitzt auch eines von Wrights Häusern, das Freeman House. Es ist eines dieser innovativen Entwürfe mit Formbetonsteinen und rahmenlosen Glasfenstern an den Ecken. Es wurde der Universität gestiftet. Doch sie hat nicht genug Geld, es zu restaurieren. Beim letzten Erdbeben wurde es beschädigt und zerfällt jetzt langsam.

Das Guggenheim Museum, ein anderes berühmtes Frank-Lloyd-Wright-Gebäude, feiert im Mai 50-jähriges Jubiläum. Dafür wurde es gerade frisch renoviert. Auch bei diesem Bau gab es viele Dramen, unter anderem deshalb, weil Wright eigentlich Großstädte verabscheute und den Auftrag ursprünglich gar nicht annehmen wollte.

Diese Geschichte kommt in meinen Buch nicht vor. Aber es passt zu ihm. Er hatte eine Abneigung gegen urbane Verdichtung und träumte statt dessen von gartenstadtartigen Siedlungen. Bestimmt hätte er das Museum lieber direkt in den Central Park platziert. Ich selbst finde das Guggenheim Museum großartig.

Interessieren Sie sich für bildende Kunst?

Ein wenig, aber Musik und Literatur sind mir wichtiger. Wenn man in einem Frank-Lloyd-Wright-Haus lebt, hat man ohnehin keinen Platz, Bilder aufzuhängen, weil es zu viele Fenster gibt. Die Idee seiner Prärie-Häuser war, dass die Natur das Gemälde an der Wand ist. Für mich ist Musik die ranghöchste Kunstform. In ihr kann man sich am leichtesten verlieren und sein Unterbewusstsein öffnen. Und Literatur, zumindest so wie ich sie begreife, ist der Musik am nächsten. Auch sie muss einen Rhythmus haben, einen Beat und einen Fluss. Als Junge habe ich Saxophon und Klarinette gespielt, ich war gar nicht so schlecht. Später spielte ich als Drummer in einer Rock-n-Roll-Band und wurde sogar Lead-Sänger. Doch da hatte ich mich bereits fürs Schreiben entschieden. Und ich kann mich nur einer Sache wirklich gut widmen. Also habe ich das Musikmachen aufgegeben. Aber wenn ich schreibe, höre ich immer Musik, Jazz oder Klassik.

Wenn es um moderne Kunst Musik oder Literatur geht, war Amerika lange ein Vorbild. Doch das hat sich in den letzten Jahren geändert.

Kein Wunder, wir wurden die letzten acht Jahre von einem Diktator und einer Bande von Verbrechern regiert, die das Land in den Ruin getrieben haben, bis zum letzten Pfennig und bis zum Bankencrash. Warum sollte sich da jemand an uns ein Beispiel nehmen? Aber das wird sich jetzt vielleicht ändern.

Kultur- und Kunstförderung war kein wichtiges Ziel der Bush-Regierung. Wird sich das mit Barack Obama ändern?

Ja, wir werden unser Land zurückgewinnen. Kein Intellektueller, kein Künstler, der an der Ost- oder Westküste lebte, unterstützte Bush. Es waren die Ignoranten, die Bush gewählt haben. Er war ein Demagoge und nutzte Propaganda. Die Leute, die er am meisten verarschte, waren die, die ihn gewählt haben. Und das sind die, die heute die Rechnung bezahlen müssen.

Womit wir wieder beim Beginn unseres Gesprächs wären, nämlich den Kürzungen im Bildungsetat. Würden Sie es sich denn wünschen, dass die Regierung eine größere Rolle in Kulturpolitik spielt? In Washington gibt es ja jetzt Diskussionen, ob sich Amerika einen Kulturminister leisten soll.

Ich bin dafür, dass Museen und Kultureinrichtungen mehr gefördert werden. Und wir brauchen mehr Kunst- und Musikunterricht in Grundschulen. Aber ein Kulturministerium brauchen wir nicht. Das würde nur in mehr Bürokratie ausarten. Wie könnte irgendein Bürokrat entscheiden, was wir kulturell wollen? Kultur ist eine Bewegung, die niemand voraussagen kann. Die sorgt für sich selbst. Es passiert, was passiert.

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