Museum M+ - Hongkong

Schlichtheit als Wahrzeichen im Hochhaus-Chaos

Herzog & de Meuron haben den prestigeträchtigen Wettbewerb für das Museum M+ gewonnen, mit dem Hongkong sich auf die Landkarte globaler Museumstouristen setzen will.
Skulpturale Inszenierung:Herzog & de Meuron gewinnt Wettbewerb für Museumsbau

Siegerentwurf von Herzog & de Meuron: "Day Scene", Sicht auf das M+ von Hong Kong Island

Die klassische Moderne trifft auf das Wolkenkratzer-Chaos Asiens, Berlin und Hongkong treten miteinander in Dialog: Diesen Eindruck erweckt zumindest der Entwurf für das neue Museum M+ in Hongkong, mit dem Herzog & de Meuron den Wettbewerb um das Prestige-Projekt für sich entschieden haben.

Vor die Hochhaus-Kulisse von West-Kowloon, direkt am Victoria Harbour, wollen die Basler Architekten ein Gebäude setzen, das an ein auf dem Kopf liegendes T erinnert. Das horizontale Element weckt Assoziationen an die Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin, die dünne Scheibe, die darauf steht, wirkt wie eine riesige Leinwand, die von den Bauten hinter ihr die dritte Dimension aufnimmt, ohne direkt mit ihnen zu wetteifern.

Mit dieser signifikanten Figur haben die Basler Architekten einen erstklassigen Wettbewerb für sich entschieden. Die sechs Büros, die zur Teilnahme eingeladen waren – SANAA, Shigeru Ban und Toyo Ito aus Japan, Renzo Piano, Snøhetta und Herzog & de Meuron aus Europa –, zählen allesamt zur Weltspitze. Wenn man Darstellungen der übrigen Entwürfe anschaut, fällt auf, dass keiner von ihnen sich so stringent auf die Skyline dahinter und auf die exponierte Lage am Wasser bezieht wie derjenige der Basler. Ihre einfache Form, ihr Spiel mit Horizontale und Vertikale hebt sich fast skulptural von dem Ort ab und prägt sich ein wie eine Inszenierung aus einem Film.

Die Assoziation mit dem Kino ist von den Architekten ebenso gewollt wie die mit den klaren Formen der Moderne. "Wir versuchen, möglichst einfache Gebäude zu entwerfen, auch wenn das nicht immer heißen muss, dass sie rechtwinklige Grundformen haben", sagt Jacques Herzog. Immerhin haben er und Pierre de Meuron die Schweizer Kiste erfunden, die den westlichen Museumsbau lange Zeit geprägt haben. "Wir wollen kein Branding und kein globales Einerlei, sondern wir suchen nach einer spezifischen Architektur für jeden Ort", fährt Herzog fort. Die Schlichtheit der Form erschien einfach die beste Möglichkeit, an dem prominenten Ort direkt gegenüber Hongkong Island ein Zeichen zu setzen, das durchaus das Zeug zur Ikone hat. Von dem Durcheinander der asiatischen Metropole hebt sich der geplante Museumsbau wohlwollend ab. Er strahlt einen europäischen Glauben an die Kraft von Ordnung aus und gewinnt seine Energie aus dieser Verdichtung auf eine Form, die man visuell sofort versteht, egal ob man auf der gegenüberliegenden Seite oder direkt davor steht. Und er verbindet Leichtigkeit mit der Eleganz der Schlichtheit.

Das ist umso überraschender, wenn die Architekten erzählen, dass sie ihren Entwurf ganz aus dem Untergrund entwickelt haben. Dort durchschneidet nämlich die U-Bahn zum Flughafen das Gelände. "Das war zunächst ein Hindernis. Wir haben es aber schnell als Chance begriffen, dem Haus einen eigenen Charakter zu geben", sagt Herzog. Jedes große Museum möchte heute seine "industrial spaces" haben. Die lassen sich nicht gut neu fabrizieren. In der Tate Modern hat man sie in den Kavernen der ehemaligen Öltanks gefunden. Für das M+ gruben die Architekten einen Teil der U-Bahn-Stollen aus und legten einen rohen Ausstellungsraum direkt daneben, an den sich ein großer Dark Space für Videoarbeiten anschmiegen soll. "Wir haben eine archäologische Haltung eingenommen", sagt Herzog. Sie gehört gewissermaßen zur DNA der Basler Architekten. Bereits in jungen Jahren haben sie sich mit der Sichtbarmachung eines verdeckten Bachs unterm Basler Marktplatz und mit der Freilegung der römischen Schutzmauer beschäftigt. Die Wühlarbeit, das Rohe und die Schwere der Erde, setzen dem luftig-leichten Gebäude einen Ankerpunkt, den der Besucher zuerst zu Gesicht bekommt. Schwerkraft und ihre Überwindung, zwei uralte Themen der Architektur, finden sich hier fast körperlich erlebbar formuliert.

Der Entwurf für das neue Museum ist aber vor allem von innen heraus, nach den vielfältigen Nutzungsanforderungen entwickelt. Das M+ will nämlich nicht einfach ein weiteres Museum sein. Direktor Lars Nittve plant hier ein Haus für alle Medien, die unsere Bildwelt erzeugen. Von der klassischen Zeichnung und Malerei über Skulptur, Performance und Installation bis zu Video und Film sollen einerseits alle Genres der bildenden Kunst, daneben aber auch Mode, Design und Architektur und alle populären Bildgattungen zuhause sein und miteinander in Kontakt gebracht werden. Die Sammlung Sigg mit ihren phänomenalen Beständen zur chinesischen Gegenwartskunst hat sich das Haus ja bereits gesichert. Für das vielfältige Programm steht eine Fläche zur Verfügung, wie das MoMA New York sie hat. 562 Millionen Franken darf das Haus kosten.

Herzog & de Meuron haben all ihre Erfahrung als Museumsbauer eingebracht und stellen dem Museum, das den Ehrgeiz hat, zum wichtigsten und größten Ausstellungshaus Asiens für zeitgenössische Bildkultur zu werden, eine Vielfalt von Räumen zur Verfügung. Das Erdgeschoss ist als offene Fläche konzipiert, die Passanten einlädt, sich hier zu treffen und – geschützt vor Sonne und Regen – zu verweilen. Umfangen wird diese Plaza von einer Glaswand, die eher Membran als Trennung gegenüber außen ist. Strukturiert ist sie durch vier verschiedene Nutzungen, die eigene räumliche Ausformulierungen haben. Gleich am landseitigen Eingang liegen Ticketing und Wechselausstellungsräume einander gegenüber. Wer Blockbuster sehen will, muss nicht lange suchen, sondern kann einfach hineinanspazieren. Zum Wasser hin sind Auditorium und eine multimediale Bibliothek untergebracht. Diese Kerne tragen das Obergeschoss mit seinen eher klassischen White Cubes, die sich bis hin zur Zweigeschossigkeit durch verschiedene Maßstäbe und Belichtungsarbeiten voneinander unterscheiden. Eine runde Öffnung nach oben, wie man sie inzwischen von der neuen Messehalle in Basel kennt, erlaubt vom Foyer und vom Obergeschoss aus einen Blick in den Himmel, ein diagonaler Schlitz lässt die Besucher nach unten, in den "rough space", schauen. Vertikale Verbindungen, wie innere Treppen in den einzelnen Bereichen, vermitteln auch an anderen Stellen zwischen den Geschossen und helfen mit, das Haus möglichst durchlässig zu machen. Die Augen und Körper werden ständig in Bewegung gehalten.

Diese Beweglichkeit und die Inszenierung der Wahrnehmung kennzeichnen den Entwurf bereits von außen. In dem aufragenden Trakt sollen die Räume für Verwaltung und Kunstvermittlung untergebracht werden, und er soll an den Sonnenblenden mit LED-Bändern ausgerüstet werden, die es erlauben, ihn als Screen zu bespielen. Hier könnte das Museum für sich werben und auch Aufträge an Künstler vergeben. Die filmische Erfahrung der Stadt, die Herzog & de Meuron als Kennzeichen unserer Zeit sehen, erhält hier fast ihr eigenes Wahrzeichen. Mit diesem Projekt käme Hongkong seiner Absicht, zu der Kulturmetropole für den asiatischen Raum zu werden, ein entscheidendes Stück näher. Die Art Basel hat man ja schon hergeholt.

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