Raumtaktik - Architektur-Biennale

Keine "Müsli-Architektur

Sie sind Architekten, die nicht bauen. Statt dessen suchen sie Ideen für eine bessere Zukunft. Friedrich von Borries und Matthias Böttger vom Berliner Büro "Raumtaktik" sind die Kuratoren des deutschen Pavillons bei der Architektur-Biennale in Venedig, die am Sonntag (14. September) eröffnet wird.
Keine "Müsli-Architektur":Porträt über die Kuratoren des deutschen Pavillons

Die Berliner Raumtaktiker: Friedrich von Borries (link) und Matthias Böttger (rechts).

Friedrich von Borries und Matthias Böttger, beide Jahrgang 1974, sind die jüngsten deutschen Architekten, die je für das prestigereiche Projekt der Architektur-Biennale ausgewählt wurden. Ökologie steht im Mittelpunkt ihres Beitrags. Die zentrale Frage: Wie kann die Welt Schritt für Schritt verbessert werden?

Unter dem Titel "Updating Germany" sollen im deutschen Pavillon 20 Ideen und Entwürfe gezeigt werden – pädagogisch, aber auch unterhaltsam und optimistisch. "Eigentlich ist Nachhaltigkeit ein toller Begriff", findet Böttger. Es gelte, das Label wieder mit Inhalt zu füllen. Welche Architekten in ihrem Pavillon vertreten sind, soll bis zur Eröffnung eine Überraschung bleiben. 500 000 Euro stiftete das Bundesbauministerium für das Projekt.

Was Borries und Böttger schon verraten: Bei der Gestaltung des Pavillons spielen die Themen Gleichgewicht und Balance eine Rolle. Zu den Ideen, die man dort kennen lernen kann, gehören ein Chip zum Stromsparen im Haushalt oder ein Plan, wie man mit Photosynthese Strom für eine ganze Stadt gewinnen könnte. Auch die "Skysails", große Segel, die am Himmel vor Frachter gespannt werden, werden dort präsentiert.

Wie verändern sich schrumpfende Städte?

In den Wochen vor der Biennale steht das Telefon im Kreuzberger Büro der Architekten nicht still. In einer Industrie-Etage tüfteln die "Raumtaktiker" und ihr Team über den Details und wie die 20 Projekte nach Venedig gebracht werden. In einer Atmosphäre, wie sie typisch ist für die Berliner Kreativszene: In der Kantine gibt es Apfel-Paprika-Limonade und Lounge-Ecken, freitags wird gemeinsam beim Yoga entspannt. Böttger und Borries kommen im T-Shirt und lässigen Hemd zur Arbeit, beide tragen Designerbrillen aus Leichtmetall und das Haar etwas verwuschelt.

"Agentur für räumliche Aufklärung und Intervention" heißt ihr Büro im Untertitel. Das ist ernst gemeint. Was können Computerspiele und Völkerball für den öffentlichen Raum bedeuten? Was steckt hinter dem urbanen Marketing von Nike? Wie verändern sich schrumpfende Städte? Das sind die Fragen, für die sich die "Raumtaktiker" interessieren,
auch auf spielerische Weise. Für die Ausstellung "Shrinking Cities" haben sie zum Beispiel ein Brettspiel entworfen, bei dem man sich als Bürgermeister versucht.

Immer wieder überschreitet das Duo in seiner Forschung die Grenzen der Architektur: Borries veröffentlichte dieses Jahr ein viel beachtetes Buch über den Indianerkult in der DDR. Die "Raumtaktiker" waren mit ihren Arbeiten bereits bei der Architekturbiennale Rotterdam, im Jüdischen Museum Berlin und beim Berliner Festival Designmai zu sehen. Seit 2007 teilen sich Borries und Böttger, die zusammen in Karlsruhe studierten, eine Gastprofessur für Kunst und öffentlichen Raum an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste.

Patentlösungen bieten sie nicht, sondern Spekulationen

Beide wissen, dass ökologische Architektur ein deutsches Steckenpferd ist. Aber sie wollen weder "Müsli-Architektur" noch wie die Auto-Ingenieure "Vorsprung durch Technik" zeigen. Auch Patentlösungen bieten sie nicht, sondern Spekulationen, Optionen und Möglichkeiten. "Das ist vielleicht undeutsch, sich das anzugucken, was sein könnte", meint Borries, der bei der Frage nach dem "Deutschen" im Pavillon die Augenbraue lüpft.

Zur Ausstellung sollen ein Theorieband und ein Katalog mit 100 Projekten erscheinen. Die Architektur-Schau in Venedig (bis 23. November), die im Wechsel mit der Kunst-Biennale stattfindet, trägt diesmal den Titel "Da draußen: Architektur jenseits des Bauens". Speziell für die Ausstellung entwickeln Architekten aus aller Welt Installationen, Entwürfe auf Video und Papier sowie utopische Szenarien. Sie sollen die große Frage des Biennale-Kurators Aaron Betsky beantworten: "Wie können wir durch Architektur die moderne Welt zu unserem Zuhause machen?" Dazu scheint das Konzept der "Raumtaktiker" zu passen wie ein Puzzle-Teil.

Caroline Bock, dpa

"11. Architektur-Biennale"

Termin: 14. September bis 23. November, Venedig, Italien.
http://www.labiennale.org/en/architecture/

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