Ornament 2008 - Basel

Oh, Ornamente!

Ornamente sind das Vokabular der Fassaden-Erzählung: Sie ziehen Aufmerksamkeit auf sich, lösen Erinnerungen und Assoziationen aus, appellieren an frühere Sinneseindrücke und können so Identität schaffen. Die Kunsthistorikerin Uta Caspary promoviert in Berlin zu Ornamenten in der Gegenwartsarchitektur – und besuchte die Ausstellung "Ornament neu aufgelegt" im Basler Architekturmuseum. Ein Essay zur Geschichte und Zukunft des schönen Schmucks.
Oh, Ornamente!:Zeitgenössische Architektur und der Schmuck am Bau

J. Mayer H. Architekten, "Danfoss Universe", Nordborg, Dänemark, 2007

Im schummrigen Halbdunkel erhebt sich eine kunstvoll verdrehte Ziegelsteinwand, glänzen in Acryl eingeschlossene Bronzespäne, verfängt sich der Blick in feinen floralen Verästelungen aus Stahl, baumelt gar eine riesige Rocaille-Plastik von der Decke – die aktuelle Ausstellung "Ornament neu aufgelegt" im Schweizerischen Architekturmuseum (S AM) in Basel gleicht einer modernen Wunderkammer.

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Es ist die erste rein architekturbezogene Ausstellung über das Phänomen des Ornaments heute, dessen Wiederaufleben in den letzten 20 Jahren vor allem in Fachkreisen Staub aufgewirbelt hat. Für eine Architekturausstellung ungewöhnlich, kommen die Kuratoren, SAM-Direktorin Francesca Ferguson und Architekt Oliver Domeisen aus London, ganz ohne Planzeichnungen oder Grundrisse aus. Dank vieler 1:1-Modelle von Fassadenausschnitten oder Bauteilen wird die technische und formalästhetische Bandbreite des gegenwärtigen Ornaments haptisch erlebbar.

Das reale Pendant der Ziegelwand umgibt das 2006/07 erbaute Weingut Gantenbein in Fläsch (Graubünden) und entpuppt sich als eine am Computer programmierte Wand, entwickelt in Gramazio & Kohlers Labor für Digitale Fabrikation an der ETH Zürich: Nicht von Maurer-, sondern von Roboterarmen wurden die Steine so elegant in sich verdreht übereinander geschichtet. Dabei entsteht ein wechselndes Lichtspiel, das an die sinnliche Wirkung ornamental durchbrochener Wände in der islamischen Architektur erinnert. Der Gesamteindruck, weniger der Einzelaspekt, ist bildhaft-ornamental, evoziert aus der Ferne sogar das Bild von Weintrauben und verweist somit direkt auf die Gebäudefunktion. So veranschaulicht das Schweizer Weingut genau den Balanceakt, der den Reiz des heutigen Ornaments ausmacht: Modernste, technomediale Finesse erhält ein Gegengewicht in der Rückbindung an lokale oder auch ferne, "exotische" Ornamenttraditionen, kühl-rationale Kalkulation wird von geheimnisvollem Zauber kontrastiert.

Technische Experimentierfreude im Verbund mit Schönheit und Sinnlichkeit nähern das Ornament der Bestimmung, die ihm John Ruskin bereits 1853 in "The Stones of Venice" zuschrieb, nämlich schlicht und doch nicht leichterdings, die Menschen "glücklich zu machen". Schönheit via Ornament ist heute, so verdeutlichen andere Beispiele in Basel, keine glatte, idealisierte Schönheit, sondern eine gebrochene, bisweilen deformierte Schönheit, die aus umgewerteten Industrieabfällen, bewusst eingesetzten Witterungsspuren oder Zufallsprozessen hervorgehen kann.

Struktur und Material werden zur ornamentalen Einheit

Über lokalhistorische Bezüge können Ornamente die Identifikation mit dem Bauwerk oder der Region fördern. Bei der Sanierung eines Gründerzeithauses in Berlin etwa gelang den Münchner Architekten Hild und K 1999 ein Brückenschlag in die spezifische Ortshistorie: Das Wohnhaus war ursprünglich reich ornamentiert, wurde jedoch in den 1950er Jahren radikal entstuckt. Hild und K ließen nun die Originalzeichnung des Fassadendekors von 1893 stark vergrößert in den neuen Putz einritzen. Die dabei entstandene Reliefzeichnung in ihrer zeitgemäßen Abstrahierung und poetischen Licht-Schatten-Wirkung ist moderner Laserschnitt-Technik zu verdanken. Indem der Griff in die Requisitenkiste des Ornamentschatzes mit dem technologischen Experiment einhergeht, wird das Ornament zur Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Die Basler Panoramaschau betont somit weniger den Bruch, sondern vielmehr die zeitgemäß transformierte Fortführung einer historisch verankerten Ornament-Auffassung: Ornamente sind seit jeher eine Form von Sprache in der Architektur, sie sind das Vokabular der Fassaden-Erzählung. Als genuin ornamentale Stilregeln gelten Repetition, Rhythmus, Serialität sowie eine möglichst flächendeckende Anwendung. Die Beispiele im S AM – allesamt aus den letzten zehn Jahren und aus Europa, Japan und den USA – zeigen, dass die derzeitige Entwicklung immer weniger auf eine ornamentale Bespielung der Fläche abzielt, wie sie noch Anfang der 1990er Jahre vor allem durch die Technik des Siebdrucks sehr verbreitet war. Vielmehr bemühen sich heutige Architekten zunehmend, Struktur und Material zu einer ornamentalen Einheit zu verbinden, womit sie wiederum an historische Vorgänger, etwa die gotische Maßwerk-Architektur, anknüpfen.

Ornamente lösen Erinnerungen und Assoziationen aus

Jedoch hängt die Renaissance des architektonischen Ornaments nicht nur mit einer neuen Offenheit gegenüber der Architekturgeschichte zusammen, sondern auch damit, dass die globalisierte Welt immer unübersichtlicher, immer überladener mit Bildern und Informationen wird. Besonders im urbanen Umfeld benötigt der Mensch als "Unterschiedswesen" (Georg Simmel) zur Orientierung wieder klar erkennbare Identifikationspunkte. Ornamentale Gebäude dienen als Signifikanten im Wahrnehmungsprozess: Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, lösen Erinnerungen und Assoziationen aus, appellieren an frühere Sinneseindrücke, können so Identität schaffen oder festigen. Gerade durch die ständige Innovation von Entwurfs- und Herstellungweisen, insbesondere die Möglichkeiten individueller Maßanfertigung, kommen Ornamente auch dem heutigen Bedürfnis nach Einmaligkeit, nach Individualisierung entgegen. Das Ornament ist in der zeitgenössischen Architektur keineswegs eine Massenerscheinung; kaum findet es sich inmitten der Glas-Stahl-Beton-Auftürmungen der Großstädte, etwa im Berliner Regierungsviertel, in La Défense, Paris, oder der City of London. Es ist ein Randphänomen, ein im Stadtraum wohl dosiertes, absichtsvolles Aus-der-Reihe-Tanzen.

Den größten Experimentalraum bieten derzeit Medienfassaden, die oft als Hybride aus ornamentaler Formensprache, Bild, Schrift und digitaler Kunst ausgebildet sind. In Córdoba wird bis 2011 nach Plänen von "realities:united" und Nieto Sobejano Arquitectos eine Medienfassade für ein neues Medienkunstzentrum am Flussufer entstehen. Schon im Miniatur-Modell zieht sie in ihren Bann: Die mit wabenartigen Vertiefungen modulierte Betonwand wird in Anlehnung an die lokale maurische Ornamentik tagsüber als sinnlich-taktile Ornamentfläche mit wechselnden Licht-Effekten faszinieren. Nachts werden dank indirekter Hinterleuchtung abstrakte Muster oder Personen in tänzerischer Bewegung auf der Fassade erscheinen.

Medienfassaden als Erlebnisarchitektur

Immer häufiger integrieren Medienfassaden auch eine interaktive Komponente: Die dynamischen, elektronischen Zeichen oder Bilder auf der Screen-Fassade können via komplexer Computerschaltsysteme, Internet oder einfach per Handy ausgewählt und gesteuert werden. Der Stadtraum wird spontan, spielerisch und meist nur temporär von der Bevölkerung mit gestaltet.

Ornamente verstärken so auch die generelle Tendenz heutiger Architektur zum Ereignishaften oder Theatralen, die von der Wirtschafts-, Tourismus- und Kulturbranche gleichermaßen gefördert wird. Mittels Ornamenten wird die Oberfläche zu einem optischen Geräusch, das leise oder laut, gefällig oder störend sein kann. So ist es nicht verwunderlich, dass ornamentale Experimente nicht nur Begeisterung hervorrufen, sondern auch die alte Skepsis wiederaufleben lassen, die sich seit der Moderne durch den Ornamentdiskurs zieht. Der verbreitete Vorbehalt, das Ornament sei beliebig applizierte Zutat, "schmückendes Beiwerk" ohne Sinn und Funktion, wird allerdings durch die heute zusehends enge Anbindung an die Struktur entkräftet. Stoff für "neu aufgelegte" Kritik bietet dafür die prekäre Allianz der kommunikativen Aufgabe des Ornaments mit kommerziellen Interessen, die sich etwa im weltweiten Boom von Flagship-Stores offenbart, denen Star-Architekten ornamentale Gewänder verpassen – Citroën in Paris, Louis Vuitton in New York, Prada oder Chanel in Tokyo. Das Ornament hänge am Gängelband eines "mentalen Kapitalismus" (Georg Franck), sei instrumentalisierte Schönheit ohne tieferen Sinn, diene lediglich der Markenidentität, dem Branding.

Wie die Basler Wunderkammer vor Augen führt, ist das Ornament in der Gegenwartsarchitektur jedoch weder sinn- noch funktionslos. Als Kultursymbol und als Form der Kommunikation kann es zu einer Versinnlichung und visuellen Belebung der gebauten Welt beitragen, konkrete oder verschlüsselte Botschaften vermitteln und Grenzen auflösen – Grenzen zwischen Konstruktion und Oberfläche, zwischen Außen und Innen, zwischen elitär und populär, zwischen Zeiten und Kulturen. Im Ornament treffen sich somit gleichermaßen die Lebensanbindung und die Lebensfülle der Architektur.

"Ornament Neu Aufgelegt / Re-Sampling Ornament"

Termin: bis 21. September, Schweizerischer Architekturmuseum, Basel. Katalog: S AM N° 05, Ornament neu aufgelegt. Schweizerisches Architekturmuseum, Oliver Domeisen (Hg.), dt/en
Christoph Merian Verlag 2008, 12 Euro
http://www.sam-basel.org/