Berliner Staatsoper - Grundsatzdebatte

Furor der Vernichtung?

Barockes Schmuckkästchen oder kalter Nutzbau: Die Töne im Streit um den Umbau der Staatsoper Unter den Linden werden immer schriller. Der Plan, den Zuschauerraum des 1742 eröffneten Theaters abzureißen und durch einen modernen Saal zu ersetzen, hat wie schon beim Stadtschloss oder der Museumsinsel eine neue Grundsatzdebatte über Geschichte und Architektur in Berlin ausgelöst. Ob die Staatsoper im Inneren weiter wie zu Friedrichs Zeiten aussehen soll oder einen zeitgenössischen Theatersaal bekommt, muss bis Mitte Juli geklärt werden.
Barocksaal oder Multiplexkino:Heftiger Streit um Berlins Staatsoper

Nach dem Roth-Entwurf wird der Zuschauerraum völlig neu gestaltet und alle Spuren von Barock und Rokoko einbüßen

Der preisgekrönte Entwurf des Architekten Klaus Roth, der eine radikale Erneuerung des Saales mit einem deutlichen Gefälle im Parkett vorsieht, erhitzt die Gemüter. Der Unternehmer Peter Dussmann, Vorsitzender des Fördervereins der Staatsoper, hat bereits schweres Geschütz aufgefahren: Falls der Roth-Entwurf in die Tat umgesetzt wird, will der Verein die zugesagten 30 Millionen Euro für die auf 260 Millionen Euro veranschlagte Renovierung zurücknehmen.
Der Chef des einflussreichen Freundeskreises strebt notfalls ein Volksbegehren an, um ein "Multiplexkino" mit seinem "abstrakten Nachkriegsfunktionalismus" zu verhindern.

Dabei ist die von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaute "Königliche Hofoper" in ihrer mehr als 250-jährigen Geschichte immer wieder verändert worden. Schon 1788 erweiterte Carl Gotthard Langhans, der Baumeister des Brandenburger Tors, den Zuschauerraum; weitere Wandlungen bis in die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts folgten. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg baute der Architekt Richard Paulick von 1951 bis 1955 das Haus nach historischem Vorbild wieder auf. Wer heute durch das Eingangsportal geht, erlebt eine Collage unterschiedlicher Architekturstile, die der Schüler von Walter Gropius behutsam zu einem Gesamtkunstwerk vereinte.

Die Umbaupläne entzweien Traditionalisten und Modernisierer. Die Staatsoper müsse in ihrer historischen Gestalt als Unikat in der Theaterlandschaft erhalten werden, argumentieren die einen. Opernfans aus aller Welt kämen wegen des historischen Saales nach Berlin, mit der Deutschen Oper im Westen habe Berlin schon ein modernes Haus. Für
ehemalige DDR-Bürger ist die Radikalsanierung im Inneren ein weiterer Angriff auf die realsozialistische Architektur, wie bereits beim Abriss des Palastes der Republik und anderen Gebäuden der Berliner Innenstadt geschehen.

Die Anhänger einer grundlegenden Erneuerung wollen vor allem die Mängel bei der Akustik und die Sichtbehinderung auf einem Viertel der rund 1350 Plätze beheben. Der Roth-Entwurf schaffe mehr Raum für den Eingang und Garderoben, mit der Erhöhung der Decke werde das Raumvolumen erweitert und so die Akustik den Maßstäben eines
international renommierten Hauses gerecht. Stukkatur, Kristall und Gipsfiguren seien ohnehin nur Nachahmungen, ein Tribut an den konservativen Geist der 1950er Jahre. Auch Generalmusikdirektor Daniel Barenboim hat sich für den Roth-Entwurf ausgesprochen.

Der Dirigent will vor allem optimale Bedingungen für die Auftritte des Orchesters und die Opernaufführungen. Es gehe vor allem darum, "den Geist" eines demokratischen Hauses zu bewahren. Der Publizist Friedrich Dieckmann sieht dagegen hinter den radikalen Renovierungsbestrebungen "den Furor der Vernichtung" am Werk. Mit den gleichen Argumenten könnte man den Wiener Musikvereinssaal und das Burgtheater abreißen und neu bauen.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz hat sich unterdessen für den zweitplatzierte Wettbewerbsentwurf ausgesprochen, der im Großen und Ganzen die aktuelle Gestalt des Saales bewahrt. Das Düsseldorfer Büro HPP Hentrich-Petschnigg & Partner will nur geringe Eingriffe vornehmen, die Decke ein wenig anheben, die Logen rechts und links vom Orchestergraben etwas zurückversetzen und das Parkett nur leicht ansteigen lassen. Das letzte Wort wird hier wie so oft Berlins Regierender Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit haben. Der SPD-Politiker hält sich bisher mit seiner Meinung bedeckt.

Esteban Engel, dpa

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