Ordos Art Museum - China

Vision in der Wüste

In der Inneren Mongolei, kilometerweit entfernt von der nächsten Stadt, ragt das neue "Ordos Art Museum" aus dem Sand. Noch steht der imposante Bau mitten im Nichts. Doch rings herum errichten internationale Architektenteams bis Ende 2009 die Wüstenmetropole "Ordos 100".
Vision in der Wüste:Die Wüstenmetropole "Ordos 100" von Ai Weiwei

Kunst im Nichts: "Wir können Ausstellungen unabhängig vom Publikumsgeschmack inszenieren", sagt der Berliner Galerist Alexander Ochs

In karger Steppenlandschaft, 80 Minuten Flugzeit von Peking entfernt, führt eine frisch planierte Piste an Dünen und Wüstengras vorbei, geradewegs auf ein nagelneues Museum zu. Seine spitzen Winkel und weit auskragenden Giebel zeichnen sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Der imposante Solitär ist das Privatprojekt von Cai Jiang, einem chinesischen Investor und Kunstsammler, der ein Millionenvermögen mit Milchkühen und Kohleabbau gemacht hat.

11374
Strecken Teaser

Der Milchmogul, mit kleinem Ziegenbart und großem Zigarrenkonsum, ließ sein Museum für zeitgenössische Kunst von der jungen Chinesin Xu Tiantian bauen, Leiterin des Architekturbüros DnA in Peking. Bauprojekte dieser Art sind vor allem in China, wo internationale Stararchitekten wie Zaha Hadid, Paul Andreu und Herzog & de Meuron die Metropolen mit Kulturbauten schmücken, nichts Besonderes – stünde das Museum nicht mitten im Nichts, kilometerweit entfernt von der nächsten Stadt. Dass erst ein Museum errichtet wird und dann die Stadt rundherum gebaut wird, das hat es auch in China noch nicht gegeben.

Mit dem scharfkantigen Bau in der Einöde hat sich der energiegeladene Sammler viel vorgenommen: Erstmals in China wird hier aktuelle chinesische Kunst aus der Sammlung von Cai Jiang mit westlicher Kunst konfrontiert. Beraten wird er von dem Berliner Galeristen Alexander Ochs und seiner Partnerin Tian Yuan. "Das Schöne ist, dass man hier noch echte Museumsarbeit leistet. Wir können Ausstellungen unabhängig vom Publikumsgeschmack inszenieren", sagt Ochs. Zur Einweihung kamen immerhin 600 geladenen Gäste, viele davon Kuratoren und Museumsleute, die aus ganz China eingeflogen wurden.

Jörg Immendorff meets Fang Lijun

Am Ende des breiten Treppenaufgangs in der luftigen Eingangshalle beginnt das Kunstexperiment: Eine Pietà von Stephan Balkenhol steht den Buddhafiguren von Chi Peng gegenüber. Wolfgang Laibs Schiff auf Stelzen beleuchten Sonnenstrahlen, die durch bodentiefe Glasscheiben fluten. Und die Bronzeskulptur eines Spaziergängers mit Affen von Jörg Immendorff marschiert auf den meterlangen, rot getupften Blütenfries von Wang Yin zu. Werke von Andy Warhol und Katharina Severding teilen sich die weißen Kuben und schlauchartigen Gänge mit Arbeiten von Fang Lijun und Yang Shaobin. Erstmals sind hier auch Feng Guodongs farbenfrohe, abstrakte Genreszenen öffentlich ausgestellt. Nach seinen Sammlerkriterien gefragt, antwortet Cai Jiang: "Solange es zeitgenössische Kunst ist, sammle ich sie. Ich habe keine besonderen Präferenzen."

Bezaubernd wirkt die Reispapierwelle von Zhu Jinshi unter einem hohen Bogendach. Sie passt zur Leichtigkeit, die der Bau ausstrahlt. Statt auf einem Sockel zu thronen, verjüngt sich das Mauerwerk nach unten und scheint über dem sandigen Boden zu schweben. Auch die unterschiedlichen Ebenen, die Ausblicke auf den stillen, künstlich angelegten See und die Geröllwüste, vermitteln Weite.

Geisterstadt mit Luxusvillen

Kaum zu glauben, dass die Sicht schon in wenigen Jahren verbaut sein wird. Denn wenn die erste Bauphase 2009 abgeschlossen ist, ragt aus der kargen Steppe Dschingis Khans, die im Sommer glüht und im Winter erstarrt, eine Metropole auf einer Fläche von über 155 Quadratkilometern aus dem Sand.

In der Zukunftsstadt mit dem programmatischen Namen "Jiangyuan Culture Creative Industrial Park" steht bereits ein Atelierdorf und eine Bibliothek in direkter Nachbarschaft des Museums – allerdings menschenleer. Daneben werden eine Konzerthalle, eine Universität, eine Hochschule für Medien, Architektur und Design, Theater, ein Rathaus, Spitzenhotels, Shopping Malls, Wohnhäuser und natürlich – eine Parteizentrale errichtet.

Und das ist längst nicht alles: Über 100 internationale Architekturbüros aus 29 Nationen, darunter keine Chinesen (!), arbeiten unter der Schirmherrschaft von Ai Weiwei an einem weiteren Mega-Projekt für "Ordos 100". Die Auswahl der Büros traf Herzog & de Meuron. Jede Firma entwirft eine 1000-Quadratmeter-Villa. Die einzigen Bauauflagen: Zimmer für Angestellte, Fitness-Räume und Schwimmbäder müssen vorhanden sein. Kein Wunder, ist doch die chinesische "Water engineerig Industry", die zum Teil Cai Jiang gehört, direkt an das Projekt gekoppelt. Cai Jiang, der übrigens als einfacher Milchbauer in dieser Gegend aufwuchs, was die ungewöhnliche Standortwahl erklärt, treibt nun mit seinem "Ordos Art Museum" die kulturelle Entwicklung des chinesischen Fantasialandes voran – und kann in etwa drei Jahren als Investor von Villen und Apartmentblocks die Baukosten wieder einstreichen.

Doch auch die Stadtverwaltung fördert die Ambitionen des Museumsmanns. Denn in der abgeschiedenen Region, die durch Kohle- und Kaschmirindustrie zu einer der reichsten Gegenden Chinas wurde, fehlte bisher jegliche kreative Industrie. Kunst und Kultur waren hier nicht vorgesehen. Jetzt haben immerhin schon die 1,5 Millionen Einwohner von Alt-Ordos die Möglichkeit, das Museum zwischen Kränen und Planierraupen zu besuchen. Für viele von ihnen ist der Besuch des Museums die erste Konfrontation mit westlicher – aber auch mit chinesischer Gegenwartskunst. Allein dafür lohnt es sich, die Wüste umzugraben.

Für Januar 2009 ist eine Ausstellung mongolischer Kunst in Planung.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet