Hyperloop - Zukunftsvision

Ein Zug schneller als ein Flugzeug

Gebäude, die bis zu den Wolken reichen, ein Spaziergang auf dem Mond und der oft zitierte Traum vom Fliegen – all diese einstigen Utopien wurden Wirklichkeit. Stellt sich also die Frage, welche Träume von heute Science-Fiction bleiben und welche in naher Zukunft verwirklicht werden.
Mit Düsentrieb voran:Wenn Zukunftsutopien Wirklichkeit werden

Hyperloop Passagier-Transport-Kapsel, Rendering Design-Entwurf

Wer verstehen will, wie Immobilienblasen entstehen, liest sich am besten Anzeigen von Software-Herstellern durch. Dort stehen Versprechungen wie diese: "Mit der Rendering-Software … lassen sich mit wenigen Mausklicks aus 3D-Konstruktionen, die mit der CAD-Software … erstellt wurden, fotorealistische Darstellungen erzeugen."

Die Produktnamen sind austauschbar, der Effekt leider nicht: Mit wenigen Mausklicks wird aus der absurdesten Idee heute eine geile Optik. Und dort, wo Geld keine Rolle spielt, oder man nur mit dem Geld fremder Leute spekuliert, ist Sinnestäuschung das beste Argument für Aufträge – wenn nicht häufig das einzige. Die Prada-Architektur, die sich arabische Scheichs, chinesische Günstlinge, russische Bonzen und amerikanische Fondsmanager leisten, muss einfach nur besser aussehen als die Wirklichkeit. Und das leisten Renderings, versprochen!

Wie das Zweidimensionale eindimensionale Entscheidungen für das Dreidimensionale erzeugt, davon kann jeder Architekt, der in den Protzsphären seine Design-Träume verwirklichen möchte, reichlich Anekdoten erzählen. Hadi Teherani etwa, der unter anderem für den Geschmack der Arabischen Emirate Gebäude als Auster, Glitzergrotte und Eiswürfel fotorealisiert hat, versuchte es dort einmal mit einem streng rationalistischen Entwurf. Die Antwort des Scheichs war eindeutig: "Zu deutsch!" Und das bedeutete in diesem Fall auch: zu vernünftig. Denn Wirtschaftlichkeit und Funktionalität interessiert Menschen erstaunlich wenig, die sich alles leisten können. Und dann passiert schon einmal so ein kleines Malheur wie kürzlich in Benidorm, wo ein cooler Doppelturm mit fliegender Untertasse oben drauf bis zum Dach gebaut wurde, bevor jemandem auffiel, dass der Architekt den Aufzug falsch konzipiert hatte. Dabei wusste doch schon Flaubert: "Architekten sind alles Schwachköpfe. Sie vergessen immer die Treppen im Haus."

Allerdings muss man kein Geldverbrenner sein, um sich blenden zu lassen. Der Mensch ist ein Träumer und deswegen hyperempfänglich für tolle Versprechungen. Das zeigt aktuell die globale Begeisterung für den Hyperloop. Das von Elon Musk Mitte August vorgestellte Tunnelbahnprojekt überspringt gleich ein paar mögliche Entwicklungsstufen für Hochgeschwindigkeitszüge und präsentiert einen Vakuum-Jet in der Röhre, der die Distanz zwischen Los Angeles und San Francisco (380 Kilometer) in 35 Minuten und für 20 Dollar erledigen soll. Rund 1200 Stundenkilometer möchte das Zigarrengeschoss an der Spitze schaffen, auf der Strecke jedes Flugzeug überholen und dabei noch deutlich billiger zu bauen sein, als diese altmodischen Züge mit Rädern unten dran.

Musk, der bereits den Bezahldienst PayPal, den Elektrorenner Tesla und das Raumfahrtprojekt SpaceX wider alle Bedenkenträger zum Erfolg geführt hat, profitiert bei diesem Projekt von einem großen utopischen Bildschatz. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts der Metropolis-Virus um die Welt ging, entwerfen Visionäre Stadtgebirge, die von Zuggeschossen durchlöchert wurden. Zeichner von Sciene-Fiction-Comics und Set-Designer für Zukunfts-Filme ließen ihre Helden mit bizarren Gefährten längs blitzenden Magnetstrahlen oder durch hysterisch flackernde Wurmlochpassagen schießen. Realistischere Ideen zeigen grüne Zuggurken die durch riesige Seifenblasenpuster katapultiert werden oder Dosen groß wie ein Kühlturm, die ein Technostrohhalm durch den Erdmittelpunkt saugt.

Und schließlich fingen auch echte Ingenieure an, mit der Rohrpost für Eilige die Schweizer Berge in einen Termitenhügel zu verwandeln und mit Holzwurmkanälen für Röhrenzüge die USA anzunagen – jedenfalls gedanklich. Denn weil Ingenieure – im Gegensatz zu Investoren – haftbar gemacht werden, wenn mit ihren Erfindungen auch eine Menge Menschen kaputt gehen, haben die Praktiker bisher vor der unkalkulierbaren Problemhäufung bei Zugraketen kapituliert. Im Gegensatz zu Elon Musk, der es lieber noch ein bisschen schwieriger hat und seine erste Verbindung längs der St.-Andreas-Spalte bauen möchte, wo Erdbeben häufiger mal die Oberfläche kräuseln. Bei einem Bremsweg von mehreren Kilometern ist die Wahrscheinlichkeit also ziemlich hoch, das die Fahrt unerfreulich schnell im Freien oder einem unerwarteten Röhrenknoten endet.

Folgt man also Descartes, der in seinem berühmten Aufsatz "Methoden des richtigen Vernunftgebrauchs" gleich im ersten Satz schrieb: "Nichts in der Welt ist gleichmäßiger unter den Menschen verteilt als der gesunde Verstand!", dann müssten Hyperprojekte einer naiven Vergangenheit angehören. Denn die technischen und finanziellen Mühen der Ebene haben die allermeisten Einholungen von Utopien der letzten 150 Jahren in die ewige Warteschleife geschickt: Erinnert sei hier an den Transrapid, asiatische Wolkenstädte, die Besiedlung des Mondes, Teleportieren oder Idealstädte vom Reißbrett.

Aber was ist die gleichmäßigst verteilte Vernunft gegen die Macht der Bilder? Einmal in der Welt werden sie immer wieder hervorgeholt, aktualisiert und neu zur Agenda erklärt. Und weil sich das Hirn nur Dinge merken kann, die als Schock oder durch häufige Wiederholungen in die Speicher drängen, führt das ständig erneuerte Staunen über das scheinbar Unerreichbare dazu, dass wir Menschlein es umso trotziger haben wollen. Die perfekte Stadt etwa, die schon Platon wollte, wurde solange immer wieder neu gezeichnet und beschrieben, bis der Chinese sie endlich ins Niemandsland bauen ließ – von deutschen Architekten, die bei ihrer strahlenförmigen Sonnenstadt rund um einen künstlichen Scheibensee leider vergessen hatten, dass der Chinese sein Haus immer in Nord-Süd-Richtung will. Und weil das ein völlig anderes Stadtmuster ergibt als das hübsche deutsche Radialsystem, will der Chinese in der neuen Utopolis lieber doch nicht wohnen.

Aber nicht jede Utopie ist zwangsläufig die Verpackung für eine Ruine. Im kleineren Maßstab, also etwas näher an der Vernunft, sorgt die Kraft großer Entwürfe manchmal auch dafür, dass Projekte unfaßbar viele Krisen überstehen. Die Hamburger Elbphilharmonie etwa, die als Privatinitiative eines visionären Ehepaars begann, nahm nur dank des ikonografischen Entwurfs von Herzog & de Meuron finanzielle, technische und bürokratische Klippen von titanischem Ausmaß. Und in einem Zeitalter, wo Tempo als der schnellste Weg zum Glück gilt, haben vielleicht auch die Animationen von Elon Musk die Chance, die begeisterungsfähige Natur des Menschen genug zu reizen. Dazu müssen sie allerdings noch einen anderen Faktor besiegen. Die Vermessungen der Geschosskabinen sind so klein dimensioniert, dass die Fahrt nach San Francisco eher wie eine Marathonsitzung im Computertomographen wirkt. Gegen klaustrophobische Reflexe aber hat vermutlich auch die tollste Zeitersparnis keine realistische Chance. Bei echter Angst sind auch Renderings völlig machtlos.

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