Le Corbusier - New York

Meister der Selbstinszenierung

Le Corbusiers Beziehung zu New York war wie die Hass-Liebe zu einer berühmten, machtvollen Geliebten, die ihn anzog und gleichzeitig in all ihrer Ignoranz abstieß. Und so brauchte es seine Zeit, bis der 1968 gestorbenen Architektur-Legende eine große Ausstellung in der Stadt gewidmet wurde.
Hass-Liebe:Radikale Stadtplanung

Gerichtsgebäude in Le Corbusiers Planstadt Chandigarh

Bereits bevor er einen Fuß in die City gesetzt hatte, verurteilte Le Corbusier New York als "gänzlich unharmonisch", als "Sturm, Tornado, eine Katastrophe".

Als er 1935 zum ersten Mal nach Manhattan kam, hielt der Architekt eine Pressekonferenz ab, in der er sogar das von den New Yorkern geliebte Empire State Building als mickrig abkanzelte. New Yorks Städteplanern und Bauherren unterstellte er, dass sie zu ängstlich seien, ihn zu engagieren. Manhattans Türme seien der Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes. In einer Kolumne in der "New York Times" führte der Schweizer seine Visionen für Manhattan aus: identische Gebäude, die nicht versuchen, miteinander zu konkurrieren und Highways, die bis zu den Eingangstüren führen. Le Corbusier traf sich mit einflussreichen New Yorkern, darunter Nelson Rockefeller. Zum Glück für die Stadt kam es nicht zu einer groß angelegten Zusammenarbeit – der Visionär reiste frustriert nach Paris zurück. Bei den Plänen für das Gebäude der United Nations musste er sich einige Jahre später die führende Rolle mit Oscar Niemeyer teilen. Gebaut wurde der Hauptsitz der UN von Wallace K. Harrison.

Auch mit dem Museum of Modern Art verlief es alles andere als harmonisch. Der unter dem Namen Charles Édouard Jeanneret geborene Architekt behauptete über Jahre, dass ihm das Museum Geld für ein Modell schuldete und fühlte sich nach einer klein gehaltenen Ausstellung 1935 als zu wenig gewürdigt. 1950 gestalteten sich die Verhandlungen über eine Ausstellung als so kompliziert, dass das Ganze abgeblasen wurde.

Mehr als 60 Jahre später erzählt Gast-Kurator Jean-Louis Cohen die eng mit der Kunst verbundene Geschichte des Architekten. Es beginnt mit Aquarellen und Zeichnungen, die der junge Le Corbusier, der 1900 Kunst in der Schweiz studiert hatte, auf seinen Reisen durch Italien, Griechenland, die Türkei oder Indien fertigte und setzt sich mit Modellen, seinen radikalen Entwürfen für Südamerika, Moskau oder Indien, wo er als sein einzig jemals realisiertes urbanes Großprojekt, ein komplettes Regierungsviertel, in die Wüste verpflanzte, und zahlreichen Gemälden fort. Le Corbusier wandte sich von den komplexen Abstraktionen des Kubismus ab, um sich puren geometrischen Formen zu widmen und verbrachte in späten Jahren mehr Zeit im Atelier als im Architekturbüro. Weil er sich nicht mehr mit langweiligen Städten beschäftigen wollte, so Le Corbusier, sondern mit dem kreativen Phänomen des Menschen und des Augenblickes.

Visionen & Selbstinszenierung

Le Corbusiers Pläne für das "Labor Paris", auf denen er das alte Paris abreißen wollte, führen die Visionen des Missionars der Moderne vor. Betonsiedlungen sollten eingebettet in Grünanlagen auf Stelzen stehen. Ein buntes Miteinander von Wohnraum und Arbeit, von Amüsement und Handel war bei Le Corbusier nicht vorgesehen. Ebenso wenig wie ein Nebeneinander von Alt und Neu. Also genau das, was heute unter einer harmonischen, lebenswerten Großstadt verstanden wird. Am liebsten hätte Le Corbusier all die alten, gewachsenen Städte mit ihren engen Gassen und Hinterhöfen abgerissen und durch funktionale, lichtdurchflutete Hochhausbauten für den neuen Menschen ersetzt. Tradition oder das Gefühl von Geborgenheit interessierten den Vordenker nicht.

So doziert der Meister, der sich als der erste Stararchitekt seiner Zunft mit aus dem Gesicht gekämmten Haaren, der runden Brille und der obligatorischen Fliege inszenierte, in all seiner Strenge in Video-Projektionen auf die Museums-Besucher hinab. Den Beginn und gleichzeitig den Abschluss dieser gelungenen Ausstellung bildet der Nachbau von Le Corbusiers bescheidener, streng funktionaler Ferienhütte an der Côte d’Azur, wo der Architekt sich gehen ließ und die Natur genoss. "Ich fühle mich so wohl hier, dass ich ohne Zweifel mein Leben hier beenden könnte", hat Le Corbusier über sein geliebtes Cap Martin gesagt. Im Sommer 1965 ertrank er im Alter von 78 Jahren, als er beim Schwimmen einen Herzinfarkt erlitt.

Wie das MoMA hatte die New Yorker Columbia University sogar bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde ihre Probleme mit dem Meister. Die Verhandlungen zogen sich hin. Le Corbusier stellte sich selbst als Mensch mit einfachen Bedürfnissen dar und beklagte gleichzeitig sein Schicksal als unterschätztes Genie. Bei der Zeremonie 1961 regnete es passend zum vorausgegangenen Drama, so Columbia-University-Professorin Mary McLeod. Und als Le Corbusier das Gebäude verließ, benutzte er die Doktor-Urkunde einfach als Regenhut.

Le Corbusier: An Atlas of Modern Landscapes

Museum of Modern Art
http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/1321

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