Museum für Islamische Kunst - Ieoh Ming Pei

Stararchitektur im Morgenland

Am Golf von Katar errichtete der chinesisch-amerikanische Pritzker-Preisträger Ieoh Ming Pei einen spektakulären Museumsbau für Islamische Kunst.
Stararchitektur im Morgenland:das Museum für Islamische Kunst in Katar

Am Ende der Palmenallee: Der Haupteingang des Museums für Islamische Kunst

Vor gar nicht allzu langer Zeit, da bat Sheikh Hassan Bin Mohammed Al-Thani, der Emir von Katar, seinen Lieblingsarchitekten I. M. Pei, er solle ihm ein großartiges Museum für die Kunst des Mittleren Ostens bauen. Der Architekt aber lehnte ab. Er sei zu alt, sagte der 91-Jährige, und kenne sich kaum aus mit der Baukultur im Land des Herrschers. Doch der Scheich akzeptierte kein Nein und drängelte, bis sich der chinesisch-amerikanische Baumeister erweichen ließ. Unter einer Bedingung: Er würde das Museum nur auf einer eigens dafür aufgeschütteten Halbinsel bauen, damit es nicht im Schatten der Wolkenkratzer verblasst, die zu Dutzenden an der Küste Dohas in den Wüstenhimmel wachsen. Und so geschah es.

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Um sein Wissen über islamische Baukunst zu erweitern, reiste Ieoh Ming Pei, der Pritzker-Preisträger mit den runden schwarzen Brillengläsern, zu Moscheen in Córdoba und Syrien, zu Grenzfestungen in Tunesien und zur Mogul-Residenz Fatehpur Sikri in Indien. Die Inspiration für das Museum fand er in Kairo, im Innenhof der berühmten Ibn-Tulun-Moschee. Dort fesselten ihn die geometrischen Formen eines Brunnens für rituelle Waschungen aus dem 13. Jahrhundert. Pei, der in Harvard bei Walter Gropius studiert hat und mit dem Bau der gläsernen Louvre-Pyramide und dem Anbau des Deutschen Historischen Museums in Berlin bekannt wurde, übertrug die Grundformen des Brunnens, gestrafft und radikal modernisiert, auf das neue "Museum of Islamic Art". Die Eröffnung ist am 22. November.

Der pyramidenförmige Bau aus muschelfarbenem Kalkstein mit Bildungsflügel, Innenhof und Luxus-Restaurant ist mit rund 45 000 Quadratmetern der größte Museumskomplex für islamische Kunst der Welt. Wie eine riesenhafte Sandburg ragt er am Ende einer frisch aufgeschütteten Palmenallee empor, die das Museum mit dem Festland verbindet. Kein Ornament stört die strenge Gradlinigkeit. Allein die Sonne unterteilt die stufige Fassade in gleißend helle und schattige Flächen.

Eine Stahlkuppel, in der sich das Sonnenlicht tausendfach bricht

Im Innern des Gebäudes jedoch, im hohen Atrium, hat sich I. M. Pei zu orientalisch-dekorativen Details hinreißen lassen. Betonkassetten verzieren die gewölbten Decken, sternförmige Intarsien den Steinboden. Und die Treppen schwingen sich im weiten Bogen zur zweiten Etage empor, statt zackig die Stufenform des Gebäudes aufzunehmen. Gekrönt wird das fünfstöckige Gebäude von einem großen Quader mit vier Lichtschlitzen. Darin verbirgt Pei, von Außen nicht erkennbar, eine facettierte Stahlkuppel, in der sich hineinflutendes Sonnenlicht tausendfach bricht.

Auf der Nordseite des Gebäudes öffnet eine 45 Meter hohe Glaswand den Blick auf die Skyline von Doha. Doch kein einziger Sonnenstrahl schafft es bis in die Ausstellungsräume. Die Meisterwerke aus 13 Jahrhunderten werden in Vitrinen mit Kunstlicht ausgeleuchtet: ein Astrolabium aus Messing zur Berechnung der Gebetszeiten und der Himmelsrichtung von Mekka, datiert um 984 aus Iran oder Irak, ein Seidenteppich mit Schachbrettmuster aus dem 14. Jahrhundert, mit dem sich der Herrscher von Samarkand vermutlich beim Schachspiel vergnügte oder ein Smaragdamulett aus Indien von 1696.

Ein Fliegenwedel für 1,6 Millionen Dollar

Zusammengetragen hat die Museumsschätze Saud Al-Thani, ein Cousin des Emirs. Vor über zehn Jahren tauchte er in westlichen Auktionssälen auf und bot, anscheinend ohne Limit, für die Preziosen des Orients. Für einen Achat besetzten Fliegenwedel mit einem Schätzwert von 14 000 Dollar blätterte er 1,6 Millionen Dollar hin. Insgesamt soll der Spross des Emirats die märchenhafte Summe von zwei Milliarden Dollar aus dem Staatshaushalt ausgegeben haben – und das, obwohl ihn der Scheich eine Zeit lang unter Hausarrest stellte.

Leiterin des Prestigeprojekts ist Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani, die 25-jährige Tochter des Scheichs. Die Wüstenherrscherin will Doha zum kulturellen Zentrum des Nahen Ostens erheben. Als Direktor holte sie sich den Amerikaner Roger Mandle, ehemals Präsident der Rhode Island School of Design und Chefkurator der National Gallery of Art Washington DC.

Peis Museumsbau ist der erste von vier Museen zur islamischen Kulturgeschichte, die in Doha entstehen sollen, darunter auch die Erweiterung des Nationalmuseums von Architekt Jean Nouvel. Anders als seine Nachbarn Abu Dhabi und Dubai zahlt Katar keine Unsummen an Leihgebühren für die Kunst des Westens, einen zweiten Louvre oder eine Guggenheim-Filiale, sondern investiert in die eigene Kultur. I. M. Peis undogmatische, radikal moderne Museumsarchitektur, die alle Klischees vermeidet, ist dafür die ideale Bühne.

"Beyond Boundaries – Islamic Art Across Cultures"

Termin: ab 22. November 2008, Doha, Katar. Literatur: Philip Jodidio, "Museum of Islamic Art", Prestel Verlag, 240 Seiten, 200 Farbabbildungen, 39,95 Euro.
http://www.mia.org.qa/

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