Albert Speer - Interview

Als hätten wir die Moral gepachtet

Im Vorfeld der Olympischen Spiele ist eine Debatte über die westliche Architektur in China entbrannt. art sprach mit dem deutschen Stadtplaner Albert Speer über die Ethik des Bauens und die Rolle der Architektur im gesellschaftlichen Wandel.
Debatte über westliche Architektur in China:Speer, Koolhaas, Herzog & de Meuron

Der deutsche Stadtplaner Albert Speer legt besonderen Wert auf ökologisches und nachhaltiges Bauen

Albert Speer gehört zu den Befürwortern eines Engagements in China – solange es darum geht, nachhaltige ökologische Stadtentwicklung zu fördern. Er maße sich nicht an, "da als Retter der Welt aufzutreten". Jedoch sei es wichtig, ein von Diktatur beherrschtes Land nicht einfach sich selbst zu überlassen. "In Nigeria haben wir vielleicht auch deswegen mittlerweile eine Demokratie, weil sich genügend Leute lange genug vor Ort darum gekümmert haben", argumentiert Speer.

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Strecken Teaser

Er halte die Forderung, in China nicht zu bauen, für "eine typisch deutsche Anmaßung". Seine Arbeit entspreche vielmehr der eines "kleinen deutschen Dienstleisters". So fragt sich Speer: "Woher nehmen wir das Recht, irgendjemandem vorzuschreiben, was er soll, darf oder tun muss. Ich halte von dieser Form der Einmischung gar nichts, und das natürlich auch vor dem Hintergrund meiner Familiengeschichte und dem Wirken meines Vaters", Albert Speer senior (1905 bis 1981), der Minister für Rüstung und Kriegsproduktion im "Dritten Reich" war.

Speer behauptet, sein stadtplanerisches Engagement unterscheide sich deutlich von dem anderer großer Architekturbüros, die auch Aufträge zu Repräsentativbauten ausführten, wie das Olympiastadion von Herzog & de Meuron oder Rem Koolhaas’ CCTV-Tower für das Staatsfernsehen. Er gehöre nicht zu den Stararchitekten, die Symbolbauten in China errichten, und so Kommerz und staatliche Propaganda unterstützen. Beim CCTV-Tower symbolisiere die Architektur einen Machtanspruch. Abgesehen davon sei der Bau "unter ökologischer, energie- und materialsparender Perspektive alles andere als innovativ".

Auf Nachhaltigkeit legt Speer besonders großen Wert. Für die Viermillionenstadt Changchun hat er ein ökologisch durchdachtes Konzept entwickelt, das chinesische Traditionen berücksichtigt, etwa bei der "Organisation von Quartieren um einen zentralen Park herum" sowie dem "System von Ladenstraßen, die zu diesem Park führen". So sei das Innere des Quartiers nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. In diesem Punkt lobte Speer die Fortschrittlichkeit der Chinesen und ihre hohen Umweltstandards: "Was urbane und soziale Infrastruktur, was das Bildungswesen angeht, ist China heute mindestens zehn Jahre vor Russland." Gleichzeitig räumt Speer jedoch ein, dass die Erwartungen an eine Verbesserung der Menschenrechtslage, die seit Bekanntgabe des Austragungsorts der Olympischen Spiele 2008 an Peking herangetragen wurden, unerfüllt geblieben seien.

Das komplette Interview lesen Sie in der August-Ausgabe der art.

Regine Ehleiter

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