Neue Architektur - Kopenhagen

Schöne neue nordische Architekturwelt

Dänemarks bekanntestes Museum widmet sich der Architektur der Region. Doch der Einstieg in das Thema bleibt für ein so renommiertes Museum allzu oberflächlich, so dass die Schau vor allem eins ist: ein PR-Coup für das Architekturgewerbe.

Architektur kann verändern. Der Haupteingang ins Louisiana, Dänemarks wohl bekanntestes Kunstmuseum, führt über einen kleinen, schlichten, um nicht zu sagen langweiligen Vorhof, der zusammen mit den umstehenden Gebäuden an einen alten Gutshof erinnert. Derzeit steht dort in der Mitte ein etliche Meter hoher Turm, zusammengesetzt aus Betonscheiben und Holzscheiten.

Die Versuchung ist groß, das Bauwerk zu ertasten. Dabei stellt sich heraus: Der Beton ist mit Holzresten vermischt, eine angenehme Haptik. Aus dem Vorhof, der ein uninteressanter leerer Platz war, ist ein erster Zugang zu den Möglichkeiten von Architektur geworden und zu den Parametern, die das Nordische bedeuten: Einfachheit und überwiegend natürliche Materialien. Ein guter Anfang für eine Ausstellung mit dem Titel "New Nordic Architecture & Identity". Drinnen geht es vielversprechend weiter: Kulturpersönlichkeiten aus der Region, die Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden sowie Grönland und Färöer Inseln umfasst, zeigen in kleinen Schaukästen, was für sie Nordisch ist.

Mal ist es Selbstbespiegelung, mal der in den meisten Ländern verbotene Tabak Snus, mal sind es die besonderen Materialien, mal Fotos, die den Winter zeigen sollen, aber doch vor allem Einsamkeit ausstrahlen. Doch spätestens nach fünf Kästen ist genug und das Nordische so in etwa umrissen. Louisiana aber macht weiter, reiht Schaukasten an Schaukasten. Ganz so als hätte auch noch jedem, der sich für eine nordische Kulturpersönlichkeit hält, die Möglichkeit gegeben werden müssen, einen dieser Kästen zu bespielen, bloß, um ja keinem auf die Füße zu treten. Claus Meyer, der Erfinder des Restaurants Noma, füllt einen Kasten mit Erde und erzählt von der Historie seiner Zutaten – tausend mal gehört und in der Kürze und diesem Zusammenhang kaum interessant.

Im ersten Ausstellungsraum wird der Komplex der Nordischen Botschaften in Berlin vorgestellt. In der deutschen Hauptstadt haben die fünf Länder ein gemeinsames Grundstück bezogen, das verschaffte Aufmerksamkeit und senkte, weil Konferenzräume, Kantine und dergleichen geteilt werden, die Kosten – nordisch pragmatisch. Der Raum ist dunkel und wird von großen Leinwänden dominiert. Darauf wird neben Brotherus "The Black Bay Sequence" unter anderem auch ein für Arte produzierter Film des Schleswig-Holsteiners Wilfried Hauke gezeigt. Er gibt einen schönen Überblick über die Diversität der nordeuropäischen Landschaft und Städte. Aber wo bleiben die hässlichen Seiten der Region? Die deprimierenden Vororte des Stockholmer Millionenprogramms, Reykjaviks Bauruinen oder vor Einöde strotzende dänische Fußgängerzonen. Der Film zeigt ein so selektives Nordeuropa als wäre er von der Tourismusförderung finanziert worden.

An den Wänden neben den Leinwänden finden sich Beispiele zum ersten Thema der Ausstellung: "Re-assessing the site-specific". Gezeigt werden gleich drei Kirchen (Årsta, Viikki, Kärsämäki), das neue Kunstmuseum im dänischen Sorø und ein Wissenschaftszentrum auf Svalbard, Nord-Nordnorwegen. Raum zwei ist hell erleuchtet. Es ist als ob man vom nordischen Winter in den Sommer übergeht – ein simpler, aber genialer Effekt.

Kritische Fragen werden nicht gestellt

Der zweite Teil trägt den Titel "Re-interpreting community" und gibt einen Einblick in einige der besten Bauten, die in letzter Zeit im Norden entstanden sind: die Bibliothek im norwegischen Vennesla (Helen & Hard), die zu einem nach Innen verlegten öffentlichen Platz geworden ist, oder das wunderschöne Studentenwohnheim Tietgenkollegiert von Lundgren & Tranberg in Kopenhagen. Wieder schafft die Ausstellungsarchitektur mit einem simplen Eingriff einen genialen Effekt: Ein Spiegel am Ende des Raumes lässt diesen nicht nur riesig wirken, sondern ermöglicht auch schon beim Betreten einen Überblick über die Objektfotos, die so angebracht sind, dass sie sonst erst von der anderen Seite des Raumes zu sehen wären.

Der abschließende Part heißt "Re-claiming public space", darin enthalten u.a. eine Installation von SLA aus Kopenhagen, die den Kinosaal des Museums so umgebaut haben, dass dieser an den dünenartigen Park erinnert, den SLA vorm Kopenhagener Sitz der Bank SEB gebaut hat. Hier werden auf Tablet-PCs etliche (Neu-)Gestaltungen öffentlicher Plätze vorgestellt, wobei sich ein spannendes Projekt ans nächste reiht. Ob Superkilen (BIG) in Kopenhagen oder Solbjerg Plads (SLA) in Frederiksberg – stets wird offenbar, wie Architektur eine Stadt zum Positiven verändern kann.

Ausgeklammert werden aber über die gesamte Ausstellung hinweg die Probleme. Architektur funktioniert eben nicht immer so wie erhofft und Stadtplanung ist auch Politik und also ein zähes Bohren dicker Bretter. Warum wird in Louisiana nicht ausführlich davon erzählt, wie ausgestorben Kopenhagens Vorzeigestadtteil Ørestad wirkt? Wieso werden die sozialen Probleme und Gewaltepisoden rund um Superkilen nicht erwähnt? Warum trägt die Ausstellung "Identität" im Titel, aber geht nicht auf den nationalen Symbolwert von Reykjaviks neuem Konzerthaus Harpa ein?

Weil Probleme nicht angesprochen und kritische Fragen nicht gestellt werden wirkt die Ausstellung leider letztlich wie ein PR-Coup der nordischen Architekturbranche. Denn wer würde nicht gerne einmal nur die positiven Seiten seiner Arbeiten in einem der bekanntesten Museen der Region zeigen?

New Nordic – Arkitektur & Identitet

Termin: bis 21.10.2012 im Louisiana Museum, Kopenhagen
http://www.louisiana.dk/dk