Diller Scofidio + Renfro - Porträt

Im Treibhaus der Avantgarde

Die New Yorker Architekten Diller Scofidio + Renfro bauen nicht nur zauberhafte Häuser. Sie üben spielerisch Medienkritik und vermitteln zwischen privatem und öffentlichem Raum
Treibhaus der Avantgarde:Das New Yorker Architektenteam Diller Scofidio + Renfro

Nebelarchitektur: Das "Blur Building", eine begehbare Wassersprühwolke über dem Neuenburger See, entwarfen Diller + Scofidio 2002 für die Schweizerische Landesausstellung Expo.02

"Wir dachten schon, dass wir am besten nach Südamerika gehen und uns für den Rest unsres Lebens dort verkriechen", erinnert sich Ricardo Scofidio. Es war kurz vor der Eröffnung der Expo.02. Er hatte mit Elizabeth Diller – erst 2004 wurde der junge Charles Renfro zum dritten Partner des Büros – eine Ikone für die Schweizerische Landesausstellung entworfen.

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Strecken Teaser

Über dem Neuenburger See sollte eine künstliche Wolke schweben. Ein kompliziertes Gebilde aus Röhren und Stegen war mit 31 500 Düsen ausgestattet, die feine Nebel in die Luft sprühten. Das Wasser kam direkt aus dem See, und darin lag das Problem: "Kurz vor der Eröffnung gab es große Mengen von Plankton im Seewasser, das die Düsen verstopfte." Doch dann geschah das Wunder. Die Techniker fanden eine Lösung, und plötzlich wurde das Metallgestänge von einer weißen Nebelhülle umgeben, die sich bald zu einem undurchdringlichen Klumpen ballte, dann wieder in Schlieren auflöste, so dass man glaubte, eine Wolke zu sehen. "Es war früh am Morgen, als es endlich klappte; plötzlich hörten wir Schreie vom Ufer. Die Menschen, die gerade vorbeikamen, waren begeistert", erzählt der Architekt.

Die Pavillons, welche Architekten für Großausstellungen entwerfen, sind fast immer von begrenzter Dauer. Hier hatten es Fantasie und Ingenieurskunst jedoch geschafft, eines der fragilsten und flüchtigsten Gebilde der Natur nachzuahmen und obendrein eine Erfahrung zu ermöglichen, die nichts mit Hightech zu tun hat. "Man konnte in dieses weiße Glühen hineingehen und sich darin verlieren und auflösen. Das war wie eine Todeserfahrung", sagt Ricardo Scofidio. Er sitzt mit Elizabeth Diller im Auditorium des Institute of Contemporary Art (ICA) in Boston. Das im vergangenen Dezember eröffnete Gebäude steht unweit der Innenstadt direkt am Meer. Ringsum sollen Luxuswohnungen, Büros, Hotels und ein Jachthafen entstehen, wo derzeit noch die Pendler ihre Autos auf riesigen Parkplätzen abstellen. Der Blick schweift durch zwei voll verglaste Seiten auf die Bucht des Hafens und auf die Boote der Fischer. Das Gebäude ist der erste Museumsneubau in der Hauptstadt von Massachusetts seit zirka hundert Jahren und mit rund 6000 Quadratmetern Nutzfläche für die Bausumme von zirka 40 Millionen Dollar das bisher bedeutendste Bauprojekt, das die New Yorker Architekten realisiert haben.

Wie bei der Wolke gehen sie an die Grenze der technischen Möglichkeiten. Die oberste von vier Etagen, die in zwei jeweils frei unterteilbaren Hälften alle Ausstellungsräume mit insgesamt rund 1700 Quadratmetern aufnimmt, ragt ohne stützende Pfeiler zirka 25 Meter weit in Richtung Meer. Stahlseile in den Decken sorgen unter anderem
für Stabilität. Als riesiges Dach bietet es einem Platz Wetterschutz, der mit Treppe und Café als öffentlicher Raum gestaltet ist.

"Ein Museum ist für uns ein sozialer Ort, der etwas Einladendes und Demokratisches haben sollte. Wo das ICA steht, soll ein öffentlicher Hafenrundweg vorbeiführen. Das haben wir betont", sagt Elizabeth Diller. Dass sie sich 2001 im Wettbewerb unter anderem gegen Peter Zumthor durchsetzen konnten, hatte viel mit der experimentierfreudigen Haltung des ICA zu tun: "Wir wollten Architekten, die in den USA noch kein prominentes Gebäude realisiert haben. Das ICA unterstützt seit langem Künstler, die gerade erst bekannt werden", erzählte Jill Medvedow, die Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst, bei der Eröffnung. Ein Wagnis war die Nominierung für die Auftraggeber gleichwohl. Diller + Scofidio galten als intellektuell.

Der Beobachtete kann zum Beobachter werden

Beide waren eher in Theorien als auf Baustellen zu Hause. Sie hat eine Professur für Architektur an der Princeton University, er an der Cooper Union, der New Yorker Kultschule für Architektur. Ihr Büro am Cooper Square in Manhattan wurde als "Hothouse" für verrückte Ideen gehandelt. Sie erhielten zwar selbst vom hyperkritischen Niederländer Rem Koolhaas Beifall, realisiert hatten sie bisher aber nur einen größeren Gebäudekomplex: Im japanischen Gifu ordneten sie 105 Wohnungen in zueinander geringfügig abgewinkelten, leicht schwingenden Einheiten an.

Für beide ist Architektur eher eine "kulturelle Forschungsmethode", sich mit der Gegenwart auseinanderzusetzen, als eine Disziplin zum Häuserbauen, sagt Diller. Sie kamen denn auch auf Umwegen zur Architektur. Der 1935 geborene Ricardo Scofidio ist auch Musiker, die knapp 20 Jahre jüngere Elizabeth Diller wollte ursprünglich Filme machen. Kennen gelernt haben sie sich in den siebziger Jahren. Sie studierte bei ihm. Beide verliebten sich ineinander und wurden privat wie beruflich ein Paar. Ein gemeinsames Büro betreiben sie seit 1979. Anfangs in der privaten Wohnung, dann lange in einem labyrinthartigen Raum am Cooper Square. Das Büro sollte klein bleiben. Eher ein Labor, eine Hexenküche als ein Servicebetrieb für großformatige Architekturdienstleistungen sein. Gerade damit waren sie erfolgreich.

Als das Büro vor rund drei Jahren gebeten wurde, am Trafalgar Square in London eine Arbeit zum Verhältnis zwischen privat und öffentlich zu realisieren, schlugen sie vor, neben der Säule mit Admiral Nelson einen Fahrstuhl als ein Privatzimmer aufzubauen, das bis zur Spitze des Denkmals fährt und mit einer Videokamera ausgestattet ist. Am Gegengewicht sollte ein Bildschirm angebracht werden. Während Besucher sich hoch oben mit dem Admiral zum Tête-à-tête treffen, würden die Passanten unten auf dem Platz davon Live-Bilder sehen. Die Realisierung scheiterte, weil Sponsoren fehlten und weil der Stadtrat mangelnden Respekt vermutete.

Diller, Scofidio und Renfro amüsieren solche Reaktionen eher: Für sie lassen sich klare Trennlinien nicht mehr aufrechterhalten. Räume verändern fließend ihren Charakter, der Beobachtete kann zum Beobachter werden. Eine Struktur ist mal eher Kunst, mal eher Architektur. Der Architekt soll Formen für dieses Fließen finden. So haben Diller + Scofidio denn auch mit zwei anderen New Yorker Büros die "viewing platform" realisiert, von der Hunderttausende auf das Riesenloch von Ground Zero hinunterschauten.

Aber auch ohne Katastrophenkitzel ist das Leben auf der Bühne bei Diller Scofidio + Renfro mit Schwindelgefühlen verbunden. Aus der Unterseite des vorstehenden hohen Obergeschosses des ICA in Boston, das wie ein Dach wirkt, ragt wie ein übergroßer Fernseher ein Raum, der als Mediathek genutzt wird. Wer ihn betritt, blickt steil nach unten aufs Wasser. Ohne den Horizont des Himmels wird es zu einer Fläche, die so künstlich zu sein scheint wie die PC-Bildschirme, über die man hinwegschaut. Zugleich ist es, als könnte man im nächsten Augenblick hinabstürzen. Plötzlich ist diese Hightech-Architektur so unheimlich wie das Knusperhäuschen der Märchenhexe.

Gekürzte Fassung. Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen art-Ausgabe 1/2008.

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