Julius Shulman - Nachruf

Träume einer Epoche

Am 15. Juli starb der US-amerikanische Fotograf Julius Shulman im Alter von 98 Jahren. Mit eindrucksvollen Fotografien moderner Bauwerke avancierte er zur Ikone der Architekturfotografie.

Zu seinen Motiven gehörten die Klassiker der modernen Architektur: Frank Lloyd Wright, Pierre Koenig und Oscar Niemeyer hießen die Architekten. Deren Bauten verstand Shulman so in Szene zu setzen, dass seine Bilder selbst wieder zu Klassikern wurden.

Mit ihrer kühnen Schlichtheit knüpfen Shulmans Fotografien nahtlos an die Ideale der architektonischen Moderne an. Und doch geht ihnen jede Kälte ab. An seinen berühmtesten Bildern, den Aufnahmen des "Case Study House Program", ist beispielhaft abzulesen, wie es Shulman gelang, über die reine Dokumentation hinaus Orte der Sehnsucht zu inszenieren.

Als einer der ersten bezog er auch die Bewohner der Häuser in seine Fotografien ein: Alltagsskizzen mit menschlichen Modellen, denen gerade ihr artifizielles Arrangement einen verwunschenen Charakter verleiht. Der architektonische Raum wird szenenhaft lebendig, fast filmisch. Das scharfe Korn von Shulmans großformatiger Kamera verschafft den Bildern dabei fast surreale Züge. Tatsächlich gelang es ihm, die Träume und Hoffnungen der amerikanischen fünfziger und sechziger Jahre zu visualisieren und in Einzelbildern zu bannen.

Seinen auch in Deutschland hohen Bekanntheitsgrad verdankt er vor allem dem Verleger Benedikt Taschen, der, als Freund und Nachbar Shulmans in Los Angeles viele seiner Fotografien in aufwändig produzierten Bildbänden publizierte. Und auch wenn viele der Gebäude, die Shulman fotografierte, heute längst abgerissen und vergessen sind, seine Fotografien sind es nicht. Seine Bilder fehlen in keinem Lexikon der jüngeren Architekturgeschichte, sie zieren Jahreskalender und Kunstdrucke und seine Bücher stehen längst nicht nur in den Regalen von Architekturliebhabern. Die Welt hat am 15. Juli einen großen Bildermacher verloren.

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