New York - Architekturessay

Von Riesen und Ameisen

New York lebt vom Wandel. Nach 9/11 wurden kühne Pläne für die Zukunft geschmiedet. Doch während sich die Mächtigen noch über Geld und Größenordnungen streiten, verändert sich die Stadt, so wie sie es immer tat: Block für Block. Ein Architekturessay von Pulitzerpreisträger Justin Davidson mit Stadtansichten von Andreas Herzau.
Von Riesen und Ameisen:ein Essay von Pulitzerpreisträger Justin Davidson

Zukunftsvision: Plakatwand am "Ground Zero" in New York

Nachdem die Türme des World Trade Center eingestürzt waren, schien es eine Zeitlang so, als würde New York die ungeheure Zerstörung mit noch viel größeren Bauvorhaben beantworten wollen. Neue, von Daniel Libeskind ent­worfene Türme sollten sich aus den Trümmern erheben, glänzend und seltsam geformt, die sowohl der Schwerkraft als auch dem Terror trotzen sollten – und nebenbei den Ruf der Stadt als Hort konservativer Architektur endgültig widerlegen.

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Strecken Teaser

Später, so wurde uns gesagt, würden die Olympischen Spiele 2012 der Stadt Geld bringen und Ehrgeiz einhauchen. Stadien würden sich erheben, Wasserwege zum Leben erwachen, und ein fantastisches, vom radikalen kalifornischen Architekten Thom Mayne entworfenes Athletendorf würde einen seit langem bau­fälligen und verschmutzten Uferstreifen von Queens wiederbeleben. Doch es sollte alles ein wenig anders kommen. Libeskind wurde als brillanter Naivling zur Seite geschoben. Der Freedom Tower, jener von ihm erträumte Wolkenkratzer, dessen 541 Meter Höhe in Fuß gemessen (1776) dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung entsprach, wurde an den eher nüchternen Architekten David Childs übergeben, der mit einem im Vergleich zu Libeskind vernünftigeren Entwurf aufwartete. London schnappte sich die Olympi­schen Spiele, und Maynes fantastisches Uferdorf wurde in dem Ordner "Märchen" abgelegt. Aber die großen Träume waren noch nicht ausgeträumt.

Unter einem aktiven Bürgermeister Michael Bloomberg und seinem noch weiträumiger denkenden Stellvertreter Daniel Doctoroff wurden die Pläne immer umfassender. Auf einer viele Hektar großen Fläche mit Eisenbahnschienen in Brooklyn sollte eine neue Hochhaussiedlung entstehen, entworfen vom Architekt aller Architekten: Frank O. Gehry. Ein weiteres Schienenareal im Westen Manhattans stand bereit für den Bau von Bürogebäuden, Apartmenttürmen, begrünten Boulevards und offenen Rasenflächen. Nicht weit davon entfernt sollte die neue Pennsylvania Station entstehen und somit den Schaden ungeschehen machen, der durch den Abriss des alten, würdevollen Bahnhofsgebäudes im Jahr 1963 entstanden war – jenem Ereignis, das die Denkmalschutzbewegung in New York begründete.

Große Ideen sind New Yorks Markenzeichen

Bis vor Kurzem schien keines dieser Vorhaben gänzlich unrealistisch. Große Ideen sind nun mal New Yorks Markenzeichen. Selbst in Zeiten der Rezession generieren die Finanzmotoren der Stadt noch unvorstellbar große Geldmengen. Zudem rechnen Stadtvertreter im nächsten Vierteljahrhundert mit einem Zuwachs von einer Million weiterer New Yorker, was die Bevölkerungszahl auf über neun Millionen Einwohner anheben würde. Und selbst ohne Libeskind wird der Freedom Tower die Skyline von New York wieder auf Augenhöhe mit den in den Himmel schießenden Städten Asiens bringen.

Aber in New York verweist man große Ideen auch schnell ins Reich der Diskussion, wo die meisten verworfen werden und nur einige wenige sich mit der Geschwindigkeit tektonischer Platten auf ihre Realisierung zubewegen. Keine Regierungsbehörde ist heutzutage mächtig genug, im Alleingang den Bau einer Brücke anzuordnen, geschweige denn den Zauberstab zu schwingen und einen ganz neuen Stadtteil entstehen zu lassen. Stadtentwickler sind ehrgeizig, aber durch Vorschriften gebunden, und die Bürger dieser Stadt haben den Widerstand gegen bestimmte Projekte zu einer Kunstform erhoben. Die große architektonische Vision New Yorks ist zu einem Hirngespinst geworden, das in Zeitlupe abläuft. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt verändert, so wie sie dies immer tut: Block für Block, Grundstück für Grundstück. Während sich die Riesen zanken, haben die Ameisen ihren Hügel gebaut.

Wohnungsgrundrisse als Pornografie

Und es ist kein kleiner Hügel. Mehr als 76 000 neue Ge­bäude wurden seit 1993 errichtet, 44 000 wurden abgerissen und 83 000 weitere komplett saniert – Veränderungen, die in ihrer Geschwindigkeit an Zeitraffersequenzen aus Naturfilmen erinnern. Langjährige Enklaven der Mittelklasse wurden in Zufluchtsorte für Reiche umgewandelt. Andere Gegenden verwandelten sich von drogenzersetzten Slums in Stadtteile, in denen Massen von Kinderwagen Verkehrsstaus verursachen. Immobilien sind zu Objekten der Begierde geworden, Wohnungsgrundrisse zu einer Art Pornografie.

Dies ist eine Stadt, die weder auf Amnesie verzichten noch jemals seine Geschichte vergessen kann, und das ist der Grund, warum die schlauesten Architekten die Geister eines verschwundenen New Yorks in ihren neuen Werken einfangen. Herzog & de Meurons Graffiti-Tor, mit dem sie ihr neues Wohnhaus in der Bond Street schmückten, bezieht sich auf ein ehemals raues Viertel in Lower Manhattan, in dem die Wände jedoch schon seit Jahren nicht mehr besprüht werden. (Tatsäch­lich musste das Team, um an sein Roh­ma­terial für das am Computer generierte Muster zu gelangen, in Basel fotografieren, sodass die Graffiti letztendlich aus der Schweiz nach New York importiert wurden!) Diese Architekten sind intelligent genug zu verstehen, was Politiker nur schwer begreifen: New York will sich nicht in eine brandneue Megalopolis verwandeln – es will lediglich zu einer verbesserten Version der Stadt werden, die es einst war.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Essay in der aktuellen art-Ausgabe 10/2008.

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