Franco Stella - Berliner Stadtschloss

Zweifelhafter Gewinner

Hätte Architekt Franco Stella überhaupt am Wettbewerb um den Neubau des Stadtschlosses teilnehmen dürfen? Kritiker bezweifeln das, doch das Verkehrsministerium ignoriert die Fragen. Brisante Recherchen von art-Korrespondent Kito Nedo und Zitty-Autor Daniel Boese geben Einblicke in Verfahrensfehler, Seilschaften und die Berliner "Planungsmafia".

Es ist nicht so leicht, Franco Stella zu finden. Der italienische Architekt, der das Stadtschloss wieder aufbauen soll, hat kein Büro in Berlin. Die Ausführungsplanung für den Bau des Stadtschlosses haben die Architekten Hillmer & Sattler und Albrecht übernommen, aber in ihrem Büro in der Sophienstraße verweist man bei der Frage nach Stella freundlich an das Bundesbauministerium, den Bauherren.

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Das Ministerium hilft schließlich mit Stellas Adresse und Telefonnummer in Italien aus – dort aber antwortet man, Stella weile in Berlin, Fragen bitte nur per E-Mail. Die Frage, wo genau das Büro von Franco Stella liegt und vor allem, wie groß es ist, würde wohl eigentlich nur Architektur-Nerds interessieren. Wenn, ja, wenn nicht am Wettbewerb für das Prestigeprojekt schlechthin, das Humboldt-Forum, nur Büros mit einer bestimmten Mindestgröße hätten teilnehmen dürfen. Unter Berliner Architekten raunt man dieser Tage, Franco Stella habe diese Anforderungen nicht erfüllt. Der Gewinner des Wettbewerbs für den Schlossneubau hätte also eigentlich gar nicht teilnehmen dürfen und schon gar nicht den Auftrag für den Bau erhalten dürfen.

Was genau wirft man Stella vor? Zwei Bedingungen der Ausschreibung soll er nicht erfüllt haben. Zum einen hätte er in den Jahren 2004 bis 2006 im Schnitt mindestens 300 000 Euro Umsatz aus Bau und Planung pro Jahr erwirtschaften müssen. Allerdings hat Stella nach der Fertigstellung der Messehallen von Padua 2002 kein Projekt mehr gebaut, weder in Architekturdatenbanken noch in der umfangreichen Berichterstattung nach seinem Wettbewerbsgewinn ist ein jüngeres Projekt verzeichnet. Wie der Architekturprofessor das Geld erarbeitet haben soll, ist also fraglich. Den Mindestumsatz musste er im Wettbewerb nur durch eine Unterschrift bestätigen, nicht aber nachweisen. Die zweite Bedingung war, dass er im gleichen Zeitraum mehr als drei fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt haben muss. Auf den Wettbewerbsbeiträgen von Stella aus den Jahren 2002 bis 2006 ist nur ein Mitarbeiter verzeichnet – was für das Büro eines Vollzeitprofessors an der Universität Genua auch durchaus normal wäre.

Zweifel an Stellas Teilnahmeberechtigung gehen weiter

Nun gehört neidisches Gerede unter Architekten zum Alltag. Die Zweifel an Stellas Teilnahmeberechtigung gehen aber weiter, sie haben bereits den Wettbewerbsausschuss der Architektenkammer Berlin beschäftigt. In der letzten Sitzung im Mai wurde diskutiert, ob der Ausschuss beim Verkehrsministerium auf eine Überprüfung von Stella dringen sollte, verzichtete aber darauf – dies könnten nur die Architekten tun, die am Wettbewerb teilgenommen hatten. Stella selbst hat auf eine Bitte des Magazins "Zitty" um Stellungnahme nicht geantwortet.

Mit Erstaunen las man im Wettbewerbsausschuss aber die Auskünfte des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung BBR über den Fall Stella. Das BBR hat für das Verkehrsministerium den Wettbewerb organisiert und die Bedingungen aufgestellt. Was die Einhaltung der Regeln betrifft, agierte das BBR aber ausgesprochen lax. In zwei Schreiben, die "Zitty" vorliegen, gibt das Amt Auskunft. Nach dem Hinweis auf die Zweifel begnügte sich das Amt mit dem Papiernachweis, ohne von Stella zusätzliche Dokumente zu fordern. Im zweiten Schreiben beruft man sich darauf, nun sei die Zeit für eine Rüge abgelaufen, der Zuschlag sei bereits erteilt.

Stella ist ein alter Freund von Senatsbaudirektor Hans Stimmann

Hierin liegt nun der eigentliche Skandal und die Peinlichkeit für Bauminister Tiefensee: Bei dem größten Architekturwettbewerb der Berliner Republik, einem Prestigeobjekt mit Baukosten von über 500 Millionen Euro lässt sich das Ministerium an der Nase herumführen. Die Frage, ob Stella die Kriterien von Mindestumsatz und Mitarbeiterzahl erfüllte, lassen sich nur durch eine Prüfung des Ministeriums klären. Es verzichtet aber einfach darauf, die Einhaltung von Kriterien zu überwachen. Eine Sprecherin des Ministeriums antwortete auf Rückfragen: "Im Rahmen der Vertragsverhandlungen ist vor Vertragsschluss geprüft worden, ob das Büro Stella ein dem Projekt angemessenes Planungsteam stellt. Das ist der Fall." Der Unterschied ist nur, dass für die Wettbewerbskriterien eben nicht entscheidend ist, wer am Ende im Team mit Stella das Schloss baut, sondern die Frage, wie groß Stellas Büro ist. Nun kommen also auch noch Fehler im Wettbewerbsverfahren zu der langen Geschichte des umstrittenen Stadtschlosses hinzu - nach der ewigen Debatte um den Sinn oder Unsinn des Baus einer "Schlossattrappe" und den jetzt schon absehbaren Kostensteigerungen, Experten rechnen mit einer Summe jenseits von 700 Millionen Euro. Den Architektenvertrag mit Stella schloss das Ministerium dennoch ab.

Die Fehler sind noch dazu völlig unnötig, das Ministerium hätte von Anfang an auf den beschränkten Wettbewerb verzichten können und ihn für alle Architekten öffnen können – der Landeswettbewerbsausschuss und das BBR hatten dies befürwortet. Aus Angst vor einer Flut von Bewerbungen und auf Druck einiger deutscher Großarchitekten entschied man sich im Ministerium aber dagegen. Dass Franco Stella als alter Freund von Senatsbaudirektor Hans Stimmann nun den Schlussstein unter dessen Vision einer historischen Rekonstruktion von Mitte setzt, verwundert da kaum noch. Insider sprechen dabei von einem Old-Boys-Netzwerk oder gar von "einer Art Planungsmafia".
Dabei wäre Klarheit über die simple Frage, wie viele Angestellten und Umsatz Franco Stella hatte, sehr einfach zu haben gewesen: In Italien muss der Gewinner eines Wettbewerbs innerhalb eines Monats nachweisen, dass er alle geforderten Kriterien erfüllt.