Neues Museum - Berlin

Phoenix aus der Asche

Zu einem Nachbarschaftsbesuch auf die Museumsinsel hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel begeben und feierlich das Neue Museum eröffnet. Gut 60 Jahre lang ist Friedrich August Stülers Neues Museum eine Kriegsruine gewesen. Nach der Sanierung durch David Chipperfield wird es jetzt mit den Sammlungen der Ägyptischen Kunst und der Vor- und Frühgeschichte wiedereröffnet - ein aufregender Bau, der seine dramatische Geschichte nicht verleugnet.
Phoenix aus der Asche:Wiedereröffnung des Neuen Museums Berlin

Das Ägyptische Museum besitzt viele ausdrucksstarke Porträts, doch kein anderes ist so bekannt wie die farbig gefasste Büste der Königin Nofretete

Dem Besucher, so scheint es, bleibt keine Wahl: "Ägyptische Abteilung" steht über allen Türen, die vom prachtvollen Vestibül des Neuen Mu­seums in die Schauräume führen. Doch wer sich nach links wendet, stellt rasch fest, dass die Information veraltet ist: Er landet im Museum für Vor- und Frühgeschichte, das sich den Bau mit dem Ägyptischen Museum und Papyrussammlung teilt.

Tatsächlich ist die irreführende Schrift über 80 Jahre alt – nur eine von zahllosen Spuren der Geschichte in Berlins zweitältestem Ausstellungshaus. Dass der englische Architekt David Chipperfield sie bei der Sanierung allesamt konserviert hat, macht das Neue Museum zum uneinheitlichsten und umstrittensten, aber auch zum aufregendsten Ort auf der Museumsinsel. Am 17. Oktober wird es wiedereröffnet, gut eineinhalb Jahrhunderte nach seiner Einweihung 1855 und sieben Jahrzehnte nach der letzten Schließung. 1841 hatte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. das Haus beim Baumeister Friedrich August Stüler bestellt. Hinter dem Museum, das Karl Friedrich Schinkel elf Jahre zuvor für Gemälde und antike Skulpturen erbaut hatte, sollte es Platz bieten für die rasch wachsende Sammlung ägyptischer Funde, für die "vaterländischen Altertümer" aus heimischen Grabungen, für das Kupferstichkabinett und für den großen Bestand an Gipsabgüssen von Plastiken aller Epochen. Der dafür vorgesehene Platz machte es dem Architekten schwer – nicht nur, weil eine eiszeitliche Sumpfblase keine solide Gründung zuließ und den Bau später mehr als 30 Zentimeter absacken ließ. Stüler musste seinen Entwurf überdies Schinkels Altem Museum unterordnen, und auch zum Kupfergraben hin verstellte ein Werk sei­nes Lehrers den Blick auf den Neubau: der erst 1938 abgeris­sene Packhof.

Säulen- und Gewölbeformen wechseln von Saal zu Saal

So nahm sich Stüler bei der Außengestaltung zurück, machte dafür das Innere des Museums mit seinen beiden Lichthöfen zum Triumph von Technik und Bauschmuck. Hinter den schlichten klassizistischen Fassaden setzte er mithilfe der Firma Borsig neueste Mittel des Eisenbaus ein, die Gewölbe wiederum ließ er nach antikem Vorbild aus Tontöpfen mauern. Mit solchen Tricks hielt Stüler die Konstruktion leicht genug für den unsicheren Grund und konnte dank dünner Decken sogar ein Ausstellungsgeschoss mehr unterbringen als im fast gleich hohen Alten Museum. Die Räume wollte er "mit größtmöglicher Harmonie mit den aufzustellenden Gegenständen" gestalten: Er ließ Säulen- und Gewölbeformen von Saal zu Saal wechseln, bestellte Wandbilder von Rekonstruktionen ägyptischer, griechischer und römischer Bauwerke, verzierte die modernen Eisenträger mit historisierenden Zinkguss-Figuren und statisch überflüssigen Konsolen. Beim zentralen Treppenhaus mit offenem Dachstuhl und filigranen Geländern folgte er einem unverwirklichten Schinkel-Entwurf für ein Schloss auf der Athener Akropolis; der Maler Wilhelm von Kaulbach füllte die Wände mit einer eigenwillig deutschnationalen Deutung der Menschheitsgeschichte.

Ein Großteil dieser Pracht ging im Zweiten Weltkrieg unter, und auch den Fall der Mauer erlebte das Haus als einziges auf der Insel noch immer als Ruine. Nordwestflü-gel und Südkuppel fehlten ganz, die aus-gebrannte Treppenhalle bestand aus wenig mehr als nackten Wänden, und im Südwest­flügel konnte man vom zweiten Stock zwischen noch aufrecht stehenden Säulen hindurch bis ins Erdgeschoss schauen. Als Chipperfield mit seinem Büro Ende 1997 nach langen Wettbewerben den Zuschlag bekam, setzte er die Bau- und Instandsetzungskosten mit rund 233 Millionen Euro an; rund 200 Millionen Euro haben am Ende gereicht. Schon früh stand für ihn und seinen auf Denkmalsanierung spezialisierten Landsmann Julian Harrap fest: Die Jahrzehnte des Verfalls gehörten ebenso zur Biografie des Gebäudes wie frühere Umbau­ten, ihre Spuren galt es sichtbar zu halten.

Zerstörte Bauteile wurden aus historischen Ziegeln rekonstruiert

So bewahrten sie mit an Pedanterie grenzender Gründlichkeit alles, was noch vorhanden war, vom Mauerwerk über Reliefs und Gemälde bis zu originaler Wandfarbe und alten Beschriftungen. Raum für Raum sichteten die Architekten zunächst den Bestand und prüften, wie das Erhaltene jeweils am besten zur Geltung gebracht werden konnte. Nirgends wurde einfach mal übergestrichen, alles Flickwerk, etwa im Putz oder an Kapitellen, sollte erkennbar bleiben. Daher zeigt dieses Haus wie eine archäologische Fundstätte überall Spuren der Vergänglichkeit, und doch dürfte hier mehr Substanz der Erbauungszeit erhalten sein als irgendwo sonst auf der Insel. Andererseits galt die Regel: Was weg ist, ist weg. Größere Ergänzungen mussten sich zwar einfügen, aber in moderner Formsprache. Chipperfield ist nicht Stüler, und diesen Unterschied soll man sehen.

Die zerstörten Bauteile ließ er daher in ihren früheren Maßen neu errichten, doch mit vereinfachten Fassaden – aus historischen Ziegeln von Abbruchhäusern im märkischen Umland. Mit solchem Material wurde auch das erhaltene Mauerwerk geflickt; nur ein paar Sonderformate mussten eigens nachgebrannt werden, etwa für die oberen Wände des Treppenhauses. Deren ein­drucksvolles Streifenmuster hatte Stüler freilich bloß angelegt, um es wieder zu verdecken: Auf den liegend vermauerten roten Steinen hielt dank eingeritzter Wellen der Putz für die Wandmalerei gut, Hohlräume hinter den hochkant gestellten gelben Ziegeln ließen ihn rasch trocknen.

Wenig geglückt: Beton wirkt eher wie eine Pressspanplatte

Wo er innen Neues bauen musste, beschränkte sich Chipperfield auf wenige Materialien: Bronze für Durchgangsräume, dunkles Eichenholz etwa für die Verkleidung der Heizkörper, mit Marmorsplittern durchsetzten Beton. Der wirkt wunderbar edel, wenn er geschliffen ist; aufgeraut allerdings ähnelt er aus einiger Entfernung statt roh belassenem Naturstein eher einer Pressspanplatte. Auch darum wirken Chipperfields Einbauten in der Treppenhalle gewöhnungsbedürftig. Das Problem dieses Raums ist nicht der vernünftige Beschluss, keine Rekonstruktion der Kaulbach-Bilder zu versuchen, sondern die schiere Masse der riesigen Kunststeinplatten, die gerade in die­sem Haus unvermeidlich an ein Pharaonengrab denken lassen.

Ihre Dicke mag nötig sein, damit sie selber stehen, statt an den his­torischen Wänden hängen zu müssen, dennoch wünschte man sich hier etwas von der Leichtigkeit des ebenfalls grunderneuerten Ägyptischen Hofes. Dort hat Chip­perfield vom Keller bis zum Glasdach ein Geviert aus schlanken Stützen hochgezogen, die im oberen Geschoss eine Ausstellungsplattform tragen und darunter die an der Ostwand erhaltenen Ägypten-Veduten eindrucksvoll rahmen. Ähnlich geglückt sind die Südkuppel mit ihrem gleitenden Übergang zwischen Wand und Wölbung, die mit meditativer Strenge einen restlos zerstörten Stülerschen Prachtraum ersetzt, oder die funktionalen Schausäle im neu gebauten Nordwestflügel.

Kritik an Stüler: Sein Raumdekor verhindere eine Neuordnung der Bestände

In denen können die Ägyptologen einen Großteil ihrer herausragenden Sammlung zur Geltung bringen, ohne mit historischer Ausstattung konkurrieren zu müssen. Im fast vollständig erhaltenen Niobidensaal dagegen sowie unter der Nordkuppel, wo die Nofretete-Büste der Besucherscharen harrt, zeigen mythologische Szenen an den Wänden, dass dort ursprünglich andere Werke eingeplant waren. Schon früh wurde Stülers durchgeplanter Dekor als "Prokrustesbett" beschimpft, das jede Neuordnung der Bestände behinderte. Als in den zwanziger Jahren die ägyptische Sammlung das gesamte Erdgeschoss bekam, wurden darum manche Wandmalereien zerstört. Im Vaterländischen Saal hingegen verschwanden sie nur hinter Verschalungen – und haben dadurch Krieg und Wetter verblüffend gut überstanden. Spannender noch als die Darstellungen nach nordischen Mythen der Edda sind dort drei Lünetten an der Südseite. Sie zeigen Bestattungen der Stein- und der Eisenzeit, dazwischen ein bronzezeitliches Urnengrab: eine Verbildlichung des damals jungen Dreiperiodensystems vorgeschichtlicher Epochen. Hauseigene Objekte, die dafür als Vorlagen dienten, werden nun darunter ausgestellt.

Alles wirkt, als hätten es Unterwasserarchäologen vom Meeresgrund geborgen

Das Sammlungsgebiet des heutigen Museums für Vor- und Frühgeschichte reicht vom Neandertaler-Schädel und von Faustkeilen über Heinrich Schliemanns Troja-Funde, den bronzezeitlichen Berliner Goldhut und Funde aus den römischen Provinzen bis zu Objekten aus merowingi­scher und karolingischer Zeit. So kommen die Kustoden gut mit der Vielfalt der Säle zurecht, und mancherorts stellt sich gar eine überraschende neue Harmonie zwischen Raum und Inhalt ein. Im einstigen Ethnographischen Saal des Erdgeschosses sind Kapitelle und Kanneluren der Säulen bis auf die steinernen Schäfte abgewittert. Jetzt vereinheitlicht eine helle Schlämme Sandstein, Putzreste und das neu gemauerte Topfgewölbe zu einem geschlossenen, großartig archaischen Gesamtbild: Alles wirkt, als hätten es Unterwasserarchäologen vom Meeresgrund geborgen, und harmoniert dabei mit den Zeugnissen der frühen zyprischen Kultur in den Vitrinen.

Das Fundament für die "Archäologische Promenade " ist bereits gelegt

Den Modernen Saal darüber prägen hingegen kräftige Rot- und Erdtöne von Ziegeln, Kalksteinsäulen und dem ausnahmsweise rekonstruierten Terrazzoboden – hier und anderswo haben die Sanierer aus der Regel, nichts im alten Stil nachzuahmen, zugunsten des Raumeindrucks kein Dogma gemacht. Von den einst in diesem Saal gezeigten Abgüssen nach Renaissanceplastik steht Lorenzo Ghibertis Paradiestür vom Florentiner Baptisterium wieder an ihrem Platz, ein Relikt der Sammlungsgeschichte, das sich nicht gar zu fremd in die Ausstellung zur frühmittelalterlichen Christianisierung einfügt. Nicht ersetzt hat Chipperfield die zerstörte Brücke von der Südkuppel hinüber zum Alten Museum.

Das steht damit wie von Schinkel geplant als Solitär da, und den Sälen des Neuen Museums bleibt viel hastiger Durchgangsverkehr erspart. Dafür ist im Sockelgeschoss bereits ein Teilabschnitt jener "Archäologischen Promenade" eingerichtet, die das Haus einmal mit dem Alten Museum, dem Pergamonmuseum sowie einem neuen Eingangsgebäude für die ganze Insel verbinden soll. Dessen Fundamente bereitet Chipperfield bereits vor – auf jenem Grundstück am Kupfergraben, wo einst Schinkels Packhof gestanden hat. Im Neuen Museum wird die Fertigstellung schon jetzt herbeigesehnt, denn Massentourismus hat Stüler nicht eingeplant: Wenn jeder, der Nofretete besuchen möchte, hier einen Mantel abgibt, werden die Garderoben unter der Treppe rasch überquellen.

Neues Museum Berlin

Geöffnet ab 17. Oktober. Literatur: Neues Museum, Berlin, hrsg. von David Chipperfield, Verlag der Buchhandlung Walther König, zirka 29,80 Euro, erscheint voraussichtlich im Oktober; Das Neue Museum Berlin – Konservieren, Restaurieren, Weiterbauen im Welterbe, E. A. Seemann Verlag, 29,90 Euro; Neues Museum, mit Fotografien von Friederike von Rauch, Hatje Cantz Verlag, dt./engl., 29,80 Euro
http://www.neues-museum.de/