Architekturbiennale - Architecture Beyond Building

Die Gespenster aus dem Grab der Architektur

Die 11. Architekturbiennale will unter dem Motto "Architecture beyond Building" Experimente und Visionen vorstellen – und vermeidet nicht immer Klischees.
Gespenster aus dem Grab der Architektur:Biennale vermeidet nicht immer Klischees

An Te Liu: "Cloud", 2008

So vergrault man auch die wohlwollendsten Besucher: Inmitten des Biennale-Gartens, auf dem Weg zum deutschen Pavillon, liegt eine mannshohe gelbe Stahlröhre. Die Esten haben die Kulturidylle jäh mit Elementen einer Gaspipeline durchbrochen, um an das Projekt Nordstream zu erinnern, mit dem Gas übers Baltikum von Russland nach Deutschland geleitet werden soll.

Solche Transportinfrastrukturen verändern ganze Landschaften und den Alltag ihrer Bewohner. Wo es um Energie geht, stellen sich Machtfragen, wegen denen schon auch mal kriegerische Auseinandersetzungen geführt werden; Georgien, der Irak und Afghanistan sind da nur einige Beispiele unter vielen. Was kann Architektur in einer solchen Situation ausrichten? Sind Architekten da nicht bestenfalls Fassadenkosmetiker, die es erleichtern, sich in einer ungemütlichen Welt einzurichten, ohne ständig an ihre Bedrohungen zu denken?

Der Beitrag Estlands ist einer der griffigsten bei der 11. Architekturbiennale Venedig, und er überzeugt vielleicht gerade deshalb, weil er sich kaum um die Vorgaben schert, die Biennale-Leiter Aaron Betsky im Vorfeld ausgegeben hat. Der langjährige Direktor des Niederländischen Architekturinstituts NAI in Rotterdam, der seit 2006 das Cincinnati Art Museum leitet, wollte unter dem Motto "Out There – Architecture Beyond Building" Architektur-Experimente und "Visionen anderer Welten" anregen. Nach der Präsentation der Megacities und ihrer Probleme bei der Architekturbiennale 2006 sollten die Architekten dieses Jahr vom konkreten Projekt ein paar Schritte zurücktreten.

Die Fantasie darf an die Macht

"Bauten sind das Grab der Architektur", dekretierte Betsky. Die Teilnehmer der Biennale sollten die Köpfe lüften und ein wenig träumen. Statt im Schweiß über Traufhöhen, Ausnutzungsziffern, verstopfte Straßen und beinharte Generalunternehmer zu brüten, durfte die Fantasie an die Macht. Die Freiheit des Spiels, wenn nicht gar ein Hauch von Utopie lag in der Luft. Man dachte an all die futuristischen Konzepte von Architekten wie Archigram aus den 1960er Jahren, zumal Betsky selbstsicher genug war, seine Ausstellung in eine "andere Tradition von Architektur" einzureihen.

Die Freiheit von der Fron am Konkreten führte nun allerdings in den seltensten Fällen zu überzeugenden Beiträgen. Mit dem futuristischen Appeal lebte auch der alte Technikglaube an die unendlichen Möglichkeiten des Homo Faber wieder auf. Die Rotterdamer Architekten von MVRDV, die in Deutschland bekannt wurden, als sie bei der Expo Hannover eine Landschaft wie eine Tortenschnitte zu einem Haus aufschichteten, um Platz zu gewinnen, lassen auf einer Animation die Häuser kreuz und quer in den Himmel schießen, solange sie es nur erlauben, ihre "Skycars" daran anzudocken. Funktionalismus feiert fröhliche Urstände. Das gilt zumeist auch da, wo die Auswirkungen des Internets auf Städteplanung und Architektur untersucht werden.

Die Bedürfnisse von Mensch und Natur sind das zentrale Thema

Droog Design und Christian Bunyan und Jennifer Skupin vom Büro Kesselskramer tüfteln ein System aus, um die rasant wachsende Zahl von Singles in unseren Städten miteinander zu vernetzen. Und Guallart Architekten aus Barcelona haben für ihr "Hyperhabitat" einen ganzen Raum mit in transparenten Kunststoff gefrästen Alltagsobjekten und Computern verdrahtet. Alles steht miteinander in Verbindung. Jeder Stuhl kann angesteuert werden und hat bis zu zehn verschiedene Referenzen. Wenn man den Maßstab wechselt, symbolisiert er sogar ein Theater. Wer will, kann von jedem Objekt im Raum Bilder über die Wände sausen lassen und die Welt symbolisch verändern. Da ist es kein Wunder, dass Big Brother um die Ecke lauert. Das afroamerikanisch-deutsche Duo Erik Adigard und Chris Salter von M-A-D ordnet die Besucher sofort in eine Pixel-Überwachungswand ein.

Neben dem Technikglauben zeitigt Betskys Aufruf vor allem eine Ambivalenz aus harmlosen Bildern und detailversessenen Präsentationen. Ökologie, die Bedürfnisse von Mensch und Natur, sind das zentrale Thema dieser Architekturbiennale. Das machen die Wiener Coop Himmelb(l)au deutlich, indem sie uns unter eine Haube treten und zwei Griffe anpacken lassen. Sofort wird unser Herzschlag zum gewaltigen Sound, den Farbabfolgen auf Screens begleiten. Dass Bauen mit dem Körper zu tun hat, ist für den gewaltigen Aufwand vielleicht eine bescheidene Einsicht. Am ernüchterndsten sind drei riesige biogrüne Würfel, die der Italiener Massimiliano Fuksas in die lange Halle des alten Arsenale gestellt hat: Drei kümmerliche Animationen scheinen daraus hervor. Wir schauen dem Alltag einer Familie zu, am Ende bildet das, was sie konsumiert hat, einen riesigen Abfallberg.

Der deutsche Beitrag vermeidet Plattheiten wie Detailwust

Auf der anderen Seite des Spektrums lassen Architekten wie Ecologicstudio oder Avatar Architettura Fotos, Texte, Pläne, Slogans und Renderings in solcher Fülle über Wände und Boden wuchern, dass selbst der wohlmeinendste Besucher das Interesse verliert. In der Flut an technischen Details geht das zentrale Argument verloren. Chaotische Materialschlachten inszenieren Künstler wie Thomas Hirschhorn und Jonathan Meese besser.

Vielleicht ist es kein Zufall dass der Zusammenarbeit von Ai Weiwei und Herzog & de Meuron hier ein weit überzeugenderes Bild für die gegenwärtige Situation gelingt. Sie haben von chinesischen Facharbeitern eine Struktur aus Bambusstangen errichten lassen, die fragil und doch bestimmt den Hauptsaal des italienischen Pavillons besetzt. Als eigenes Bild, das nichts erklären will, das aus eigener Kraft Bestand hat und, wenn schon, Fragen aufwirft, statt Antworten zu suggerieren. Es ist die gelassenste, stimmigste Arbeit dieser Biennale, irgendwo zwischen Skulptur, Installation, Gerüst und Bauten, traditionsgesättigt und doch völlig abstrakt. Besser hätte man die Floskel von einer visionären Architektur nicht in eine Gestalt umsetzen können.

Der deutsche Beitrag hält sich in der Mitte und vermeidet klug ebenso Plattheiten wie Detailwust. Nach zwei Biennalen zu Umbauten und Peripherie versammeln die Generalkommissare Friedrich von Borries und Matthias Böttger 20 von "100 Projekten für eine bessere Zukunft", die im Katalog (Verlag Hatje Cantz) vorgestellt werden, unter der sachlichen Headline "Updating Germany". Eine massive Lichtdusche mit Hochleistungsscheinwerfern von Siegrun Appelt am Eingang dient als Schleuse. Hernach trifft man auf Entwürfe, Experimente, auch realisierte Bauten, die an dem Ort, für den sie gedacht sind, einen Beitrag zu einer zukünftigen Architektur der Nachhaltigkeit und des Gleichgewichts leisten.

Ökologie auch hier, aber gut deutsch geerdet

Ökologie also auch hier. Aber gut deutsch geerdet. Strategien möglicher Anpassungen werden besichtigt. Das wärmeisolierte Fachwerkhaus Lorsch, das 2007 ausgezeichnet wurde, kommt ebenso vor wie ein mit Titandioxid beschichtetes Fassadenornament, das Stickoxide umwandelt und die Luftqualität verbessert. Dass nicht gleich gut aussehen muss, was nach vorne weist, nimmt Matthias Böttger in Kauf: "Wir zeigen keine best practice Ausstellung, sondern kleine Schritte an vielen Orten." Weil das alles sehr labil ist, hängen die Objekte an riesigen Mobile-Armen, und die Text-Bild-Erläuterungen liegen wie Schutttafeln in Häufchen am Boden. Das Paradies ist eben nicht so einfach zu haben. Die 50 Apfelbäume von Ton Matton stehen einzeln in Plastikeimern und werden mit Nährlösungen und künstlichem Licht gepäppelt.

Der Garten ist übrigens vom stimmungsvollen filigranen Beitrag im japanischen Pavillon bis zum Kontrast aus Gemüse- und Designgarten von Gustafson Porter Architekten am Ende des Parcours ein Sehnsuchtsort, den viele gerne aufgreifen. "Lasst uns ein Apfelbäumchen pflanzen" hatte Brecht einmal als Zeichen der Hoffnung gefordert.

11. Architekturbiennale

Termin: bis 23. November, Venedig.
http://www.labiennale.org/en/architecture/