Erweiterung Moritzburg - Halle

Wieder lockt ein Museum mit neuer Architektur

Ein kühn aufgefaltetes Dach aus Aluminium rückt die Moritzburg in Halle in den Blick. Am letzten Wochenende öffnete das Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt zwei ebenso aufwändig wie elegant umgebaute Flügel für das Publikum – vorerst nur zum Kennenlernen der Architektur des Büros Nieto/Sobejano aus Madrid. Ab Dezember wird dann die Kunst der Moderne zu sehen sein, die in der Sammlung einen hervorragenden Platz einnimmt.
Erstrahlt in neuem Glanze:Neue Ausstellungsräume für Moritzburg

Das neue Dach der Moritzburg nach einem Entwurf des spanischen Architektenpaars Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano

Das Dach ist der Blickfang. Über dem trutzigen Festungsmauerwerk der Moritzburg in Halle – einst Zwingburg der Magdeburger Erzbischöfe gegen die Bürger der reichen Salz-Stadt – scheint es zu schweben und dabei in der Sonne zu glänzen oder mit dem wolkenverhangenen Himmel zu verschmelzen.

Über zwei Flügel erstreckt sich die Konstruktion, die mit ihren ausgestülpten und kantigen Formen ein ausdrucksstarkes Schauspiel abgibt und dennoch dem mehr als 500 Jahre alten Mauerwerk seine Würde lässt. Das traditionsreiche Museum im Baudenkmal hat jetzt einen Umbau fertiggestellt, mit dem es zwei Flügel für die Sammlung und für Ausstellungen hinzugewinnt. Doch bevor das Haus im Dezember seine neue Präsentation für die Besucher öffnet, gab es dem Publikum am letzten Feiertags-Wochenende die kurze Gelegenheit, die neue Architektur rein und leer in Augenschein zu nehmen.

Als vor fünf Jahren das Land Sachsen-Anhalt den Entschluss fasste, seinem namhaften Landeskunstmuseum und dessen Spektrum von der Renaissance bis zur Moderne den dringend benötigten Ausbau zu ermöglichen – unter maßgeblicher Beteiligung der EU –, stand aus Sicht des Denkmalschutzes eine ungemein heikle Aufgabe an. Zu erschließen war der Westflügel, der einzige noch als Ruine erhaltene, zum Himmel offene Teil der Anlage. Aber auch der Nordflügel sollte entkernt werden, was den Verlust einer Turnhalle aus der Gründerzeit bedeutete, die einst der Universität für ihren Sportunterricht diente.

Ausdrucksstark und poetisch

Doch nahezu einhellig war das Lob für die Preisträger des 2004 entschiedenen Wettbewerbs. Ausdrucksstark und poetisch, aber auch beziehungsreich erschien das Dach im Entwurf des Madrider Architektenpaars Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano: Über beide Flügel gelegt, bot es eine expressive Zutat zu der ohnehin vielgestaltigen Dachlandschaft der Burg mit ihren Umbauten aus mehreren Epochen. In seinen prismatisch gebrochenen Flächen spielte das Dach auch auf die in der Sammlung prominent vertretenen Gemälde Feiningers an, und damit auch auf dessen Aufenthalt in Halle Ende der Zwanziger Jahre.

"Für unseren Entwurf war es entscheidend, die Ruine zu respektieren." In dieser Aussage darf man die Architekten getrost beim Wort nehmen. Ihr nach außen sichtbarster Eingriff – das Dach – liegt beim Nordflügel auf einer hohen
Glasfuge, beim Westflügel auf einem schmalen Band. Im Hof ist ein ebenfalls in Aluminium verschaltes Portalgehäuse, durch das man ins Innere tritt, eher gewöhnungsbedürftig. Das Gebilde, das wie eine mehrfach eingeknickte Schachtel aussieht, konkurriert auch mit dem historischen Portal am Westflügel. Eine einfache Glastür genügte wohl aus klimatechnischen Gründen nicht, allerdings bringt es auch das gestalterische Leitmotiv vom Dach auf Augenhöhe.

Motive aus der "Halle"-Serie Lyonel Feiningers

Sparsam ausgestattet in Material und Form zeigen sich die neuen Innenräume. Schmale Leuchtbänder an den Decken, Brüstungen aus Glas mit polierten Edelstahlhandläufen, Stufen und Estrich in grauem Terrazzo – alles wirkt
harmonisch und unaufdringlich im Einklang. Im Erdgeschoss werden Kasse, Shop und ein Café Platz finden. Letzteres profitiert von den Ausblicken aus den verglasten ehemaligen Torbögen zum Graben einerseits und zum Hof andererseits. Überhaupt erlebt man atemberaubende Ausblicke. Die Glasfuge zeigt von der Empore im Nordflügel den Hof aus ungewohnter Perspektive, und von den wandhohen Fenstern aus dem Anbau am Westflügel öffnet sich ein Panoramablick über den Dom und die Marienkirche. Das sind auch die Motive aus der "Halle"-Serie Lyonel Feiningers, die in einem angrenzenden Saal hängen werden.

Nieto und Sobejano optimierten die Ausstellungsfläche, indem sie hohe Boxen in beide Flügel hängten und diese zweite Ebene über Emporen zugänglich machten. Die Boxen sind wie alle übrigen eingefügten Schauwände in
ungebrochenem Weiß gehalten. Die Wirkung von einem so grellen Weiß auf Gemälden von Expressionisten wird sich zeigen, die Absicht liegt jedoch erkennbar in der Beziehung zum historischen Mauerwerk: Es soll in seiner
Eigenständigkeit und Würde respektiert werden. Das gilt auch für die Räume selbst. Die einstige Ruine wirkt überdacht nicht etwa kleiner, sondern überhaupt erst raumhaltig. Unter der abgehängten Box auf der Eingangsseite
bleibt die Decke flach, im Mittelteil aber öffnet sich der Blick plötzlich auf die ausgestülpten kaminartigen Schächte, um im letzten Drittel wiederum unter der zweiten Box Halt zu finden. So entsteht ein Wechsel von Ballung und Sog, und auch in den Boxen selbst findet man sowohl in die Höhe aufschießende Decken als auch kabinettartige Verhältnisse – um so einer breiten Spanne von Kunst gerecht zu werden.

"Brücke"-Sammlung Hermann Gerlinger im Obergeschoss

Ein irritierender Faktor sind aber im Westflügel die Glasscheiben mit den darunter eingebauten Technikkästen (elegant verkleidet mit einem Edelstahldrahtgeflecht). Die Scheiben sind etwa auf Armeslänge vor die gotischen Fensteröffnungen gestellt und nicht in die Tiefe des Mauerwerks gerückt worden. Der ganze Sinn dieser einstigen Sitznischen geht damit verloren, und die Einbauten sehen aus wie leere Vitrinen, aus denen man die Tauben fernhalten muss.

Weil die Wände selbst kaum Platz zum Hängen von Bildern bieten, wird alles auf das Geschick ankommen, mit dem die Sammlung auf Stellwänden disponiert wird. Das ist eine echte Herausforderung angesichts der großen öffentlichen
Aufmerksamkeit, die gerade diesen Neubauten gelten wird: Im Westflügel wird im Erdgeschoss die Klassische Moderne nebst der "Brücke"-Sammlung Hermann Gerlinger einziehen – diese Dauerleihgabe war ein Anstoß unter mehreren für den Ausbau des Museums. Im Obergeschoss soll die Nachkriegsmoderne und die zeitgenössische Kunst einziehen. Im Nordflügel sind Wechselausstellungen vorgesehen, die zunächst mit einer Präsentation der Architekten eingeläutet werden, gefolgt von einem Blick auf Walter Gropius' nie gebaute Pläne für einer halleschen "Akropolis". Im Sommer will man mit Feiningers Werk aus der Zeit nach der Rückkehr nach Amerika auch auf breiteren Publikumszuspruch setzen.

Zur festlichen Eröffnung des Neubaus am 10. Dezember hat sogar Bundespräsident Horst Köhler sein Kommen zugesagt. Zwei Tage später wird dann jedermann Zutritt zu dem Museum haben, das unter beengten Verhältnissen lange genug gelitten hat.

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