Weltraumarchitektur - Boston

Mutter Erde lacht

Im amerikanischen Boston vereint ein Wettbewerb die fantastischen und die pragmatischen Stränge der Weltraumarchitektur. Er zeigt auch, was die Zukunftsvisionen der Architekten über die Gegenwart verraten.
Mutter Erde lacht:Architektur-Wettbewerb sucht Leben auf dem Mond

"Moon Capital" von Mengni Zhang, ein modulares System um eine stadtähnliche Infrastruktur auf der Mondoberfläche zu errichten

Weltraumarchitektur hat zwei völlig unterschiedliche Spielarten: eine phantastische und eine pragmatische. Während die Fiktionen für ein Leben im All seit Jahrhunderten die wildesten ästhetischen Objekte erträumen, sieht die realisierte Raumfahrttechnik doch häufig aus wie lieblos zusammengeleimter Elektroschrott. Im amerikanischen Boston hat nun ein privater Architekturwettbewerb in Zusammenarbeit mit der NASA und Google für eine Metropole auf dem Mond beide Stränge vereint und Entwürfe für zwei Aufgaben eingeholt: "Let’s get serious" und "Let’s have fun". Gewonnen hat ein eher ingenieurtechnischer Beitrag zur Stromgewinnung, aber der Überblick über das, was sich die pragmatischen Phantasten aus aller Welt für das Jahr 2069 ausgedacht haben, ergibt das Bild einer lebenswerten Großstadt in lebensfeindlicher Umgebung.

Da gibt es 100 Jahre nach der ersten Mondlandung ein Stadion für neue Mondsportarten bei verringerter Schwerkraft inklusive einem sechsten Mondring im Olympia-Symbol. Agrikultur in rotierenden Röhren, roten Blasen und unterirdischen Domen soll nicht nur die Mondsüchtigen verpflegen, sondern das ganze Welthungerproblem lösen. Im Lunar Resort, das Touristen nach dreitägiger Anreise buchen können, stehen Eames-Lounge-Chairs und Damen im roten Abendkleid rum, während durch die Panoramafenster Mutter Erde lacht. Und 98 Jahre, nachdem der Austronaut Alan Shepard zwei Golfbälle über den Erdtrabanten geschlagen hat, soll auch eine 36-Loch-Golfanlage hier entstehen, die allerdings berechnen muss, dass schon Shepards Bälle – geschlagen im Mondanzug – mehrere Meilen flogen.

Auch die Hochhäuser, die eine kreisrunde Kraterstadt ergeben, sind von der kleinmütigen Gravitation auf der Erde befreit und wachsen locker über einen Kilometer in den Himmel. Und schließlich darf auch ein Friedhof nicht fehlen. Der rumänische Architekt Raluce Buzdugan hat ihn als Lichtdom entworfen, allerdings anders als Leni Riefenstahls Vorbild von 1936 nicht erst in Vorsehung vieler Toten. Unter jedem Flakscheinwerfer liegt hier eine Urne, und alle Leichen strahlen zusammen in einem fetten Lichtstrahl ins All (jedenfalls wenn es nach Raluce Buzdugan geht, denn wenn es nach der Physik geht, sieht man im luftleeren Raum mangels Reflektoren gar kein Licht).

Inspiriert ist diese "spacige" Architektur natürlich vornehmlich von berühmten Science-Fiction-Produkten, teilweise sogar ausdrücklich als Zitat. Die Aufzugskapseln im Lunar-Stadion sind aus dem ersten Virtual-Reality-Spielfilm "Tron", die Landwirtschaftskapseln erinnern an die Menschen-Farmen in "Matrix", und die Idee, die Gravitation der Erde durch die Zentrifugalkräfte eines rotierenden Rings herzustellen, ist spätestens seit Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum" ein bekanntes Motiv.

Aber auch vom praktischen Gesichtspunkt ist der Plan, Mondkolonien zu gründen, nicht so wahnsinnig neu. Bereits 1638 hatte der Bischof John Wilkins Vorschläge für eine neue Welt auf dem Mond gemacht. Danach träumten sich vor allem Literaten auf das Parallelgestirn, aber seit den fünfziger Jahren gibt es auch konkrete Entwürfe für eine selbstversorgende Mondgemeinde. Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke hatte 1952 eine Kuppelstadt, die entfernte Ähnlichkeit mit der Hagia Sofia aufwies, erdacht, deren Zweck es sein sollte, vermutete Bodenschätze dem Mond zu entreißen. Danach faszinierte das Lunar Housing diverse Illustratoren bis in die sechziger Jahre, als die Mondreise nicht mehr Münchhausen vorbehalten war. In den achtziger Jahren mit den aufkommenden Weltuntergangsängsten wurden Monddörfer als Fluchtorte gestaltet, die sich an Buckminster Fullers utopischen Einraumwohnungen orientierten. Selbst der deutsche Werbefreak und "ARTonaut" Charles Wilp, der seine Zeichnungen im Spacelab mitfliegen ließ und Kunstwerke aus abgestürzten Raketen baute, hatte mal einen Presseclub auf dem Mond entworfen, den die NASA für ihr Lunar-Marketing benützen sollte.

Doch die neuen Versuche – wiewohl sie kaum den Status von Gedankenspielen verlassen werden – unterscheiden sich von allen Vorgängerlösungen im Grad der Realisierbarkeit doch deutlich. Auch wenn viele der neuen Mondarchitekten in ihren Animationen zeigen, dass sie von Physik keine Ahnung haben (etwa wenn die einander zugewandten Seiten von Mond und Erde beide voll im Licht der Sonne strahlen), sind die technischen Optionen laut Jurymeinung doch ausreichend begründet, dass Lunar-City prinzipiell möglich scheint.

Woran der Mann im Mond trotzdem scheitern wird? Am fehlenden Nutzen, also am Geld. Nicht zuletzt, weil keiner mehr Gold, Käse oder Spice auf dem Staubklumpen vermutet, ist der Saturn-Fahrplan zum Mond seit Jahrzehnten eingestellt. Die spektakulären Entwürfe dürften daran nichts ändern. Und trotzdem kann es sein, dass sie noch vor 2069 gebaut werden. Allerdings nicht auf dem Mond, sondern in China.

MOON CAPITAL Competition 2010


http://www.shiftboston.org/