Stadtschloss Berlin - Debatte

Die Chance ist vertan

Franco Stella wird das Humboldt-Forum am Berliner Schlossplatz bauen. Einstimmig entschied sich die Jury für den Entwurf des wenig bekannten italienischen Architekten. Er hielt sich brav an die bis zuletzt umstrittenen Vorgaben, wonach für den Jahrhundertbau drei Barockfassaden des alten Berliner Stadtschlosses sowie die große Kuppel rekonstruiert werden sollen. Doch jetzt soll der Entwurf bereits überarbeitet werden, damit er den Kostenrahmen von 552 Millionen Euro nicht sprengt. art befragte Architektur-Experten und Fach-Journalisten, wie sie Stellas Siegerentwurf beurteilen.
Expertenstreit:art-Umfrage zum Stadtschloss Berlin

Schlüterhof: 1. Preis des internationalen Wettbewerbs, Wiedererrichtung des Berliner Schlosses – Bau des Humboldt-Forums im Schlossareal Berlin

Hanno Rauterberg, Architekturexperte der Wochenzeitung "Die Zeit"

Eines zumindest hat Franco Stella mit seinem Entwurf für den Schlossplatz erreicht: Selbst die größten Skeptiker des Wiederaufbaus werden plötzlich weich und wünschen sich, man möge doch bitte nicht nur die drei Barockfassaden und die Kuppel rekonstruieren, nein, alles, alle Höfe, alle Renaissance-Türmchen und Mittelaltermauern des Ursprungsbaus sollte wiederauferstehen!

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Strecken Teaser

Stellas pseudo-moderne Zutaten sind von einer derart monströsen Eintönigkeit, sind derart steril und unerbittlich zerrastert, dass noch die letzten Anhänger der Gegenwartsarchitektur gar nicht anders
können, als zu Nostalgikern zu konvertieren. Dieser Entwurf huldigt den ausgekühlten Ideen des italienischen Rationalismus, alles soll aufgehen in Stringenz und Logik. Und doch kündet der Bau nur von gedanklicher Enge, und räumlich eng wird er ebenfalls. Allein die Passage, die er von Nord nach Süd durchs Forum ziehen will, ist nichts als ein Korridor, kein Aufenthalts-, sondern ein Durchgangsraum. Und einen gemeinsames Entree, die versprochene Agora, fehlt ebenfalls. Es gibt keinen Raum, der alle drei künftigen Nutzer verbinden und für die Besucher erschließen würde. Und so ist das Humboldt-Forum vor allem ein Monument der Ängstlichkeit. Es flüchtet sich in eine Pseudo-Geschichte; die Gegenwart ist ihm herzlich egal.

Wolf D. Prix, Kopf des österreichischen Architekturbüros Himmelb(l)au

Mit dieser Aktion – der Wiederherstellung eines Stadtschlosses – überholt Berlin die Stadt Wien als Hauptstadt der Spießigkeit. Keine Gesellschaft der historischen Epochen, deren dreidimensionalen Ausdruck wir so schätzen, wäre auf die Idee gekommen, Altvordere auf diese Weise zu kopieren. Gerade in Deutschland mit seinen traditions- und denkmalbewußten Architekten gäbe es genügend Ressourcen die bei entsprechender Aufforderung bereit wären, eine Neuinterpretation von Form und Inhalt für den Bauplatz zu entwerfen. Übertragen auf heute ist die Vorgangsweise zur Schaffung einer leeren Kopie des Stadtschlosses so, als würde man Herzchirurgen dazu anhalten, ihre Operationen mit der Operationstechnik und Werkzeug des 18. Jahrhunderts durchzuführen. Geschichte in Kopie wiederherzustellen ohne sie zu leben, ist wie ein Anruf um Sex vorzutäuschen: Telefonsex.

Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien

War es ein Fehler der DDR, die Reste des Stadtschlosses zu demolieren? Aus Sicht der damaligen Ideologie nicht. War es ein Fehler, den Palast der Republik abzureißen? Auf jeden Fall. Eine andauern­de Zwischennutzung hätte ein lebendiges Signal gesetzt. Mit merkwürdigen Argumenten siegte die Rekonstruktion: "Erst das Ensemble kann eine Vorstellung von dem letztlich fatalen imperialen Auftreten Deutschlands in der Welt vermitteln", bekannte sich selbst Werner Spies in einem Interview dazu. Nicht der einstigen Größe Preußens, seines fatalen Schattens sollte also gedacht werden. Das bewältigt der Siegerentwurf hervorragend. Es war eine einstimmige Entscheidung der Jury. Damit hat niemand gerechnet, nicht einmal der Sieger Franco Stella aus Vicenza. Noch kennt man ihn nicht, nicht seine Bauten. Man sieht nur, dass er auf hohem Niveau dem italienischen Razionalismo von Aldo Rossi verpflichtet ist. Stellas architektonische Sprache kondensiert die Regeln des Baus, bringt deren Essenz zur Wirkung. Jeder freche Kontrapunkt wäre ein zeitgeistiger Witz geblieben. Stellas Projekt hat Würde und Gelassenheit, auch magisch erhabene Räume. Ein Musterbeispiel dafür, wie heutige Architektur mit der Geschichte ins Gespräch kommt. Mögen die Nutzungen der Idee folgen.

Bernard Hulsman, Architekturkritiker des niederländischen "NRC Handelsblad"

Wenn Architektur eine Kunst ist, dann ist sie eine "konzeptuelle" Kunst. Architektur ist immer ein Entwurf der von anderen ausgeführt wird. Deshalb ist es in der Architektur möglich, einen Entwurf nach dem Tode des Architekten zu bauen oder nach der Zerstörung des Gebäudes wiederauszuführen ohne dem ursprünglichen Entwurf Unrecht zu tun. Ein zerstörter Rembrandt ist für immer verloren, einen abgebrochenen Bau von Mies van der Rohe aber kann man wieder genau so aufbauen und bewundern. Darum ist es in der Architektur auch möglich, historische Fehler wiederherzustellen. Der Abriss des Berliner Stadtschlosses nach dem zweiten Weltkrieg war ein historischer Fehler oder sogar ein Verbrechen. Dieser Fehler wird jetzt mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses korrigiert. Wenn das Schloss nach dem Kriege nicht abgerissen worden wäre, hätte es im Laufe der Zeit einige oder sogar viele bauliche Veränderungen erfahren, um die Anforderungen des 20. und 21. Jahrhundert zu erfüllen. Deshalb ist der Siegerentwurf des italienischen Architektenbüros Franco Stella nicht eine exakte Kopie des Schlosses wie es in 1940 war, sondern er umfasst zahlreiche zeitgenössische modern-klassizistische Elemente und Erweiterungen, die das neue Stadtschloss ein wahrhaftes Gebäude des 21. Jahrhundert sein lassen. Das neue Stadtschloss wird keine Rückkehr in die Geschichte sein, sondern Spuren der Geschichte zeigen.

Niklas Maak, Autor der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Erst einmal dachte man ja, da hat ein Italiener den Auftrag für das Schloss gewonnen, das ist schon mal eine gute Nachricht, die Italiener haben ja so viele bedeutende Barockbauwerke, dass sie nicht, wie die armen Preußen, ernsthaft glauben müssen, es habe sich beim Berliner Schloss wirklich um einen international bedeutenden Bau dieser Epoche gehandelt. Aber dann dieser Entwurf – vorn alt, hinten, als Trost für die Modernisten, ein monumentalisiertes Ikearegal: Der Bauzwitter ist wie die Scherzblätter, auf deren einer Seite "Was auf der anderen Seite steht, ist falsch" und auf der anderen Seite "Was auf der anderen Seite steht, ist richtig" zu lesen ist. Aber was immer man von Fassadendetails halten mag – das wirkliche Problem liegt woanders. Das "Humboldtforum" im Schloss sollte ein Ort werden, an dem die außereuropäische Welt, die Welt der mythischen, rätselhaften Dinge so gezeigt wird wie noch nie zuvor. Dieser ehrgeizige Plan, das geben die Fachleute von den Ethnologischen Sammlungen wie Viola König offen zu, hätte aber eine ganz andere, gewagte, moderne Architektur verlangt. Für die gab es nie einen Wettbewerb – und keine Chance für Architekten unserer Zeit, zu zeigen, was möglich wäre. Die Chance, mit dem Humboldtforum einem neuen Erkenntnis- und Begegnungsort für das 21. Jahrhundert eine Form zu geben, ist vertan, und so droht das Schloss zum gebauten Untoten zu werden, einem Architekturzombie in der Berliner Mitte, dessen Rücken zeigt, wie hohl die Front ist.

Philip Ursprung ist Professor für Moderne und zeitgenössische Kunst an der Universität Zürich:

Die aufregendste Stadt der Welt, eine von historischer Bedeutung getränkter Ort, ein vom Bundestag garantiertes Budget, ein Jahrzehnt theoretischer Debatten – und nun das! Während die Architektur rund um den Globus aufblüht, soll das Gesicht der Berliner Republik ein Januskopf werden: ein Faksimile des Schlosses auf der einen, ein ins Leere führendes Treppenhaus auf der anderen Seite. Wenn dieses Phantom realisiert wird, ist die Chance für einen demokratisch legitimierten architektonischen Wurf verspielt. Gewiss, die Bauherrschaft ist komplex, das Programm ist diffus, und die ikonographischen Vorgaben (vorne Preußischer Themenpark, hinten Ostalgie) sind unbeholfen. Aber es greift zu kurz, dem Gesetzgeber alleine die Schuld für die Misere in die Schuhe zu schieben. Die Westberliner Architekten selber versuchen seit dem Fall der Mauer, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Unter dem Banner der "kritischen Rekonstruktion" verdrängen sie die Realität der sozialistischen und der kapitalistischen Urbanisierung gleichermassen und ersetzen sie durch Klischees einer intakten Vorkriegswelt. Die Angst vor dem Lauf der Geschichte und die Angst vor dem offenen Raum – "Agoraphobie" – prägen das frühere Ost-Berlin. Den Politikern mag dies gelegen kommen. Aber der Architektur bleibt bald nichts anderes übrig, als das Weite zu suchen.