Wernshausen - Garnspinnerei

Tod eines Denkmals

Die Kammgarnspinnerei in Wernshausen steht unter Denkmalschutz, trotzdem haben die Abrissarbeiten bereits begonnen. Der Erhalt war der Gemeinde Schmalkalden zu teuer. Das von dem Thüringer Architekten Karl Behlert errichtete Gebäude aus den zwanziger Jahren soll jetzt einem Gewerbegebiet weichen.
Zweifelhafte Entscheidung:Denkmalgeschütztes Gebäude muss Gewerbegebiet weichen

Die Kammgarnspinnerei in Wernshausen stand bis vor kurzem noch an dieser Kreuzung. Jetzt ist das Gebäude schon fast abgerissen

Über dem Torbogen steht in großen Buchstaben "Kammgarnspinnerei an der Werra". Was einmal der wirtschaftliche Mittelpunkt einer ganzen Gemeinde war, ist nun zum Tode verurteilt. Die Abrissarbeiten des seit 2002 unter Denkmalschutz stehenden Industriebaus in Schmalkalden-Meiningen haben bereits begonnen.

"Wenn man sich von der Vergangenheit endgültig verabschiedet, kann es auch keine Zukunft geben", sagt Galerist und Kunsthistoriker Jörk Rothamel aus Erfurt über den Abriss der Kammgarnspinnerei. Das charmante Gebäude wurde 1920/22 von Karl Behlert als sein einziger Industriebau errichtet. Der 1870 in Meiningen geborene Architekt gehörte zu den meist beschäftigten Architekten in Thüringen und entwarf beispielsweise auch das Meininger Theater (1908 bis 1909) und das Rathaus in Breitungen (1927). Obwohl Behlert in der Zeit lebte, gehörte er nicht zu den sogenannten Bauhausarchitekten.

Den Abriss hat der ehemalige Bürgermeister von Wernshausen, Rainer Stoffel, genehmigen lassen. Wirtschaftliche Zwänge waren die Begründung. Mittlerweile gehört Wernshausen zu Schmalkalden. Die thüringische Stadt bezeichnet das als ein geerbtes Problem: Niemand weiß so richtig weiter, und keiner fühlt sich wirklich zuständig. Als das Thema auf den Tisch kam, standen zwei Alternativen zur Debatte. Entweder der Erhalt, der etwa 5,5 Millionen Euro kosten soll und das Finden einer dementsprechenden Nutzung oder der Rückbau, der etwa vier Millionen Euro kosten soll, um das Areal für ein Gewerbegebiet frei zu machen. Beide Möglichkeiten wären mit 1,2 Millionen subventioniert worden. Die Stadt entschied sich für die ethisch unschönere und wirtschaftlich vermeintlich bessere Lösung. "Wir haben über ein alternatives Nutzungskonzept nachgedacht. Räumlichkeiten für die Hochschule, Ateliers, ein Museum, aber die Gemeinde kann sich den Erhalt des Gebäudes nicht leisten. Es müsste alles komplett saniert werden, besonders der Dachstuhl ist betroffen", sagt Thomas Kaminski, Bürgermeister von Schmalkalden.

Fragt man bei der zuständigen Behörde nach, ob die Kammgarnspinnerei momentan eigentlich noch unter Denkmalschutz steht, bekommt man von Bärbel Oehring nur eine müde Antwort: "Ja, das Gebäude steht noch unter Denkmalschutz, aber wenn es abgerissen ist, dann halt nicht mehr".

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