Hafenstädte - Architektur- konferenz

Neuer Glanz für Hafenstädte

Der Umbau von Hafenarealen ist eine der beliebtesten Aufgaben von Architekten und Stadtplanern. Doch nicht immer gelingt es mit der Neugestaltung, Leben in die riesigen Flächen zu bringen. Auf der Konferenz "Reinventing Harbour Cities" am 25. April und 10. Mai in der isländischen Hauptstadt Reykjavík diskutierte eine Reihe internationaler Experten – darunter Olafur Eliasson und Jürgen Bruns-Berentelg – wie die Gebiete am Wasser am besten umgestaltet werden. Großes Vorbild: die HafenCity Hamburg.
Keine Kastrierung:Experten diskutierten über die Zukunft der Hafenstädte

Musik für die HafenCity: Das neue Hamburger Konzerthaus "Elbphilharmonie"

Die Kastrierung der Hafenstädte – auf den ersten Blick ist es nichts anderes, was in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu sehen ist. Denn im Zuge der wirtschaftlichen Umstrukturierung werden die eigentlichen Häfen der Hafenstädte ihrer Funktion beraubt: Der Containerumschlag wird aus der Stadt ausgelagert, Fähren durch Flugzeuge ersetzt, Werften überleben die Konkurrenz mit Fernost nicht. In der Folge werden riesige Areale in bester Innenstadtlage nutzlos. Aber Kastrierung bedeutet natürlich nie das Ende. Für die Städte heißt es nämlich: Sie bekommen die Chance in attraktiver Lage – nämlich am Wasser und zugleich zentrumsnah – zu wachsen.

Hamburg und Reykjavík sind zwei der Städte, die gerade erst dabei sind, diese Gebiete zu entwickeln. Beide haben sich entschlossen, der Kultur dabei viel Raum einzuräumen – in Reykjavik baut Henning Larsen mit Unterstützung von Olafur Eliasson das Konzerthaus, in Hamburg Herzog & de Meuron die Elbphilharmonie. Um die Entwicklung der Hafengebiete zu diskutieren hatte Christian Schoen, der aus Deutschland stammende Chef des Center for Icelandic Art (CIA) zur Konferenz "Reinventing Harbour Cities – Urban Planing and Art in Public Space" am 25. April und 10. Mai nach Reykjavík geladen.

Dort erläuterte Eliasson noch einmal wie das Licht ihn als isländischen Künstler präge. Für das Konzerthaus der isländischen Hauptstadt hat er deshalb eine Wandbeschichtung entworfen, die erst durch die Sonneneinstrahlung richtig zur Geltung kommt. Zweifelsohne spannend, vom isländischen Publikum musste er sich aber den Vorwurf gefallen lassen, an einem Projekt mitzuarbeiten, dass den Bürgern von Reykjavík Licht und vor allem die Sicht nimmt. Wegen des riesigen Konzerthauses, das direkt am Wasser entsteht, ist fortan nämlich der Blick von der Innenstadt auf das Meer und die dahinter liegenden Berge stark eingeschränkt.

Überhaupt kann die isländische Hauptstadt leider vor allem als Negativbeispiel herhalten. Ein kleiner Rundgang zu Fuß durch die Stadt lässt den Eindruck entstehen, Stadtplanung sei im Isländischen ein Fremdwort. Zwar sind die einzelnen Projekte wie das Konzerthaus, das jetzt entsteht, das Rathaus oder das Nordische Haus, entworfenen von dem Finnen Alvar Aalto, durchaus gelungen, aber die Einbindung in die Stadt ist mangelhaft. Kaum etwas, das wirklich erkennen lässt, dass die Projekte speziell für den Ort gebaut worden sind, an dem sie stehen. Der große Platz vor dem Rathaus ist nicht etwa Treffpunkt, sondern nur Parkplatz. Das Nordische Haus, in dem die Konferenz stattfand und das auch sonst als Kulturhaus dient, liegt am Rande der Stadt auf einer Brachfläche. Um diese zu erreichen geht man vom Zentrum aus eine Viertelstunde, einen großen Teil davon über eine stark befahrene Straße, einen großen Parkplatz und eben Brachland. Kein Leben, nirgends rund um das Kulturhaus.

"Horizontales statt vertikales Einkaufen"

Nicht wenige Isländer fürchten, dass die Gegend um das Konzerthaus ähnlich enden könnte. "Wichtig ist dafür zu sorgen, dass in den neuen Gebieten Leben herrscht", sagt Jürgen Bruns-Berentelg, Geschäftsführer der Hamburger HafenCity GmbH. "Horizontales statt vertikales Einkaufen", schlägt er als eine simple, aber zu selten beachtete Maßnahme vor. Soll heißen, statt eines großen Einkaufszentrums, in dem die Leute auf mehreren Etagen einkaufen, sich aber ständig in einem Gebäude bewegen, sollen die Geschäfte horizontal auf einer Ebene über ein größeres Gebiet verteilt werden. So, wie es in klassischen Einkaufszonen mit vielen Boutiquen üblich ist. Mit seiner Präsentation gelang es Bruns-Berentelg dann wieder, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass in Hamburg mit der HafenCity in den kommenden Jahren ein besonders gelungener Plan realisiert wird.

Louise Mielonen Grassov von Gehl Architekten aus Kopenhagen korrigierte in ihrem Vortrag das weit verbreitete Vorurteil, dass Kopenhagen durchgängig eine besonders gelungene Hafenmeile hat. Ein großer Teil, der in den vergangenen rund zehn Jahren realisierten Projekte sind nämlich reine "privatisierte Hafenfront", wie sie es nannte: Gegenden, in denen nur Büros gebaut worden sind. Aus denen genießt man zwar einen herrlichen Blick auf das Wasser, aber Menschen sind außerhalb der Gebäude nur ganz selten zu sehen. Bevor zukünftige Projekte realisiert werden, sollten die Planer Hamburg einen Besuch abstatten, so Mielonen Grassov.

Die Dänin zeigte aber auch auf, was Bürger tun können, um die Politiker von Fehlentscheidungen abzuhalten. Islandsbrygge, jene Kopenhagener Wasserfront, deren zentrumsnaher Teil an schönen Tagen von Touristen wie Einheimischen eingenommen wird, um sich dort zu sonnen, zu lesen und zu schwimmen, wäre beinahe auch ein toter Abschnitt geworden. Doch auf Initiative der Bürger wurde der Bau von Bürohäusern verhindert, und statt dessen entstanden ein Kulturhaus, ein am Wasser entlang führender Park und ein schwimmendes Freibad, das mit Wasser aus dem Hafenbecken gespiesen wird. Auf letzteres wird Reykjavik wegen der Wassertemperaturen des Nordatlantiks verzichten müssen, aber das wäre etwas, was sich Hamburg – Verbesserung der Wasserqualität vorausgesetzt – von Kopenhagen abschauen könnte. Vielleicht wäre Olafur Eliasson ja dann bereit, einen Wasserfall dazu zu bauen.

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