Architektursommer - Hamburg

Alpen über der Elbe

Der Hamburger Sommer steht wieder im Zeichen der Architektur. Über vier Monate hinweg wird es beim diesjährigen "Architektursommer" in Ausstellungen, Diskussionen und Vorträgen schwerpunktmäßig um die Hamburger Stadtentwicklung gehen. Dabei sollen nicht nur Bauvorhaben wie das der HafenCity beleuchtet werden, sondern auch die weniger spektakulären, jedoch nicht minder wichtigen Projekte möchte die Veranstaltung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.
Alpen über der Elbe:Hamburger Stadtentwicklung

Mehr Thrill als eine Feng-Shui-Analyse: die geplante Alpenwiese auf der Elbe von dem dänischen Architekturbüro BIG

Die meisten Architekten und Stadtplaner reden schlecht über die Medien, auch über ihre Fachmedien. Ihre immerwährende Klage lautet: Was nicht spektakulär ist, hat keine Chance auf Veröffentlichung. Und damit haben sie vollkommen Recht. Im Journalismus siegt in der Regel das Auffällige über das Solide, das Originelle über das Hintergründige, das Neue über das Bekannte.

Gerade Stadtplaner leiden unter diesem Mechanismus. Denn obwohl das Lebenswerte einer Stadt vor allem davon abhängt, ob sie ihren Job gut machen, und nicht von mehr oder weniger schmucker Architektur, findet das Thema Stadtplanung nur auf Fachtagungen Gehör. In den Medien teilt das Thema das Schicksal anderer komplizierter Materien wie Mathematik oder Automechanik, die als Hintergrund nur dort Erwähnung finden, wo sie zu spektakulären Ergebnissen geführt haben.

Umso erstaunlicher ist der geradezu sture Eifer, mit dem in Hamburg alle paar Jahre ein Sommer-Event kreirt wird, der sich mit der ganzen Breite des Themas beschäftigt. Der Hamburger Architektursommer, mittlerweile zum sechsten Mal organisiert und längst Vorbild für Festivals in zahlreichen anderen Städten, macht sich seit 1994 darum verdient, nicht nur die glänzenden, sondern auch die spröden Seiten des Themas für die Öffentlichkeit attraktiv zu machen. In 230 Veranstaltungen wird diesmal präsentiert und diskutiert, propagiert und polemisiert, informiert und irritiert. Und im Zentrum steht dieses Jahr tatsächlich nicht das schöne Gebäude, sondern die Stadtentwicklung, und zwar die von Hamburg.

Eine zentrale Qualitätskontrolle findet nicht statt

"Raum in der Zeit – Hamburg im Fluss" lautet das sperrige Motto, unter dem von Juni bis September das Baugeschehen in einer Stadt diskutiert werden soll, die mit der HafenCity und der Internationalen Bauaustellung in Wilhelmsburg tatsächlich zwei Großprojekte vorzuweisen hat, deren Gelingen weit über die Grenzen der Stadt aufmerksam beobachtet wird – und das, obwohl es sich dabei vordringlich um Stadtentwicklungsthemen handelt. Allerdings klagen deren Macher auch darüber, dass sie nur dann in die Medien und damit ins öffentliche Bewusstsein gelangen, wenn sie schöne Animationen von appetitlicher Architektur liefern können.

Ob dieses Aufmerksamkeitsdefizit mit einem viermonatigen Veranstaltungsmarathon behoben werden kann, daran gibt es ebenso lange Zweifel, wie das Ereignis besteht. Denn die Organisationsstruktur des Festivals ist ein Kooperationsnetzwerk zahlreicher Veranstalter, das zwar Vielfalt, aber kein Zentrum erzeugt. Trotz des dezidierten Themas und der Bemühungen der privaten Inititative aus Architekten, Funktionsträgern und Instituten um thematische Bündelung, mangelt es auch 2009 an echter kuratorischer Schwerpunktbildung. Neben Museumsausstellungen, etwa zu den 2500 Brücken der Stadt, können vor allem private Initiativen oder Architekturbüros, Behörden oder Grundeigentümer ihr Anliegen darstellen. Eine zentrale Qualitätskontrolle findet ebensowenig statt wie eine thematische und räumliche Konzentration, die der Übersicht dienen würden.

Suche nach dem Stern von Bethlehem

Entsprechend stellt sich dem Besucher das gleiche Problem, das auch Journalisten umtreibt: Aus der Flut der Veranstaltung das Besondere herauszufischen. Und bei diesem Vorgang siegt dann vermutlich ganz automatisch wieder das Originelle über das Komplizierte. Eine absurde Feng-Shui-Analyse des Hamburger Rathauses weckt vermutlich zunächst mehr Neugier als eine Vortragsreihe zu Stadtkonzepten von 1908 bis heute. Das Projekt einer steilen, schwimmenden Alpenwiese in der Elbe, entwickelt vom dänischen Büro BIG, besitzt mehr Thrill als eine Ausstellung mit dem Titel "Explorationen: Tendenzen und Potentiale der Architekturforschung". Und ein Untersuchung der HafenCity-Universität zur "Öffentlichen Notdurft Hamburg" kämpft gegen die große Werkschau von Dominique Perrault um das Zuschauerinteresse.

Angesichts des Riesenangebots mag selbst der moderne Ereignis-Zapper sich manchmal einen Stern von Bethlehem wünschen, der ihn zu den wirklich wichtigen Veranstaltungen leitet. Zumal alleine die Lektüre des Programmbuchs mindestens eine Stunde benötigt und die meisten knappen Vorankündigungen noch keine Empfehlung rechtfertigen. Aber glaubt man der modischen Black-Swan-Theory, nach der alle entscheidenden Dinge im Leben und der Geschichte sowieso nicht durch Planung, sondern durch Zufall zustande kamen, dann kann man sich auch getrost treiben lassen. Die Schönheit von Stadtplanung erschließt sich dann vielleicht ganz zufällig.

"Architektursommer 2009: Raum in der Zeit – Hamburg im Fluss"

Termin: Mai bis Ende September; über 200 Veranstaltungen zu den Themen Architektur, Stadtentwicklung, Landschaftsplanung und Ingenieurbaukunst in ganz Hamburg.
http://www.architektursommer.de/

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