Hamburg vs. IBA - Stadtplanung

Stadtplanung mit Thors Hammer

Hamburg steht vor einem zweiten Gängeviertel-Problem: Statt mit der Internationalen Bauausstellung IBA die im Stadtteil Willhelmsburg gewachsenen kreativen Orte zu fördern, setzt Bürgermeister Olaf Scholz weiter auf Abriss und Neubau banaler Riesenkisten.
Die Abrisspolitik geht weiter:Die Zinnwerke sollen abgerissen werden

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz beim Abbau des ehemaligen Zollzauns im Hafen – nun sollen in der Nähe der Neubau des Opernfundus ein lebendiges Kreativzentrum verdrängen

Als Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz vor zwei Wochen die Internationale Bauausstellung (IBA) in Hamburg Wilhelmsburg eröffnete, da versicherte er in seiner grundseriösen Freundlichkeit, dass man für den schwierigen Stadtteil auf der Elbinsel auch in Zukunft gut sorgen werde.

Er verspreche sich als Resultat des ambitionierten und eine Milliarde Euro teuren Umbauprozesses "ein neues, optimistisches Selbstbewusstsein aller, die im IBA-Bereich leben – und ein neugieriges Staunen im übrigen Stadtgebiet darüber, was sich auf der anderen Seite der Elbe so tut." Doch schon wenige Tage später galt das große Staunen im IBA-Bereich einem Beschluss von Olaf Scholz, der das gewachsene optimistische Selbstbewusstsein vor Ort mit Füßen trat. Eines der wichtigsten Kreativzentren Wilhelmsburgs, die so genannten Zinnwerke, müssen laut Senatsbeschluss einem Hochregallager für den Opernfundus weichen. Und dieses Projekt widerspricht in Planung, Durchführung und Langszeitunverträglichkeit so ziemlich jedem Lehrsatz der IBA vom Grundsatz her.

Hatte die Bauaustellung es sich in den sechs Jahren ihres Bestehens zur Aufgabe gemacht, grundsätzliche Entscheidungen im Dialog mit der Bevölkerung vorzubereiten, Projekte verträglich in ihr Umfeld zu integrieren, zu bewahren, was schützenswert ist, und auf eine gewisse ästhetische Qualität ihrer Neubauten zu achten, so führt der Entscheid für die banalen Riesenkisten an einem der lebendigsten Orte Wilhelmsburgs die alte Stadtplanung mit Thors Hammer fort – eigentlich wollte man sich von ihr mit Hilfe der IBA verabschieden. Auf dem Gelände der ehemaligen Zinnfabrik neben Wilhelmsburgs Wahrzeichen, dem Flak-Hochbunker, wird die berühmte Alternativ-Fernsehshow der "Konspirativen Küchenkonzerte" produziert, hier arbeiten Künstler, Filmschaffende und Bildungsreisende in glücklicher Eintracht mit Schweißern und Getränkehändlern. Bevor der Senatsbeschluss eintraf, wollten auch die Hamburger Musiker von "Deichkind" und Jan Delay hier ihre Probebühnen aufbauen. Und gegenüber liegt das berühmte "Soulkitchen", in dem Fatih Akin seinen gleichnamigen Erfolgsfilm gedreht hat. Mehr selbstgeschaffener Kreativ-Kiez geht eigentlich kaum noch.

Aber Olaf Scholz scheint begierig zu sein, sich ein zweites Gängeviertel-Problem mit protestierenden Künstlern aufzubauen, bei dem er nur Sympathien verlieren kann. Denn der einzige Grund, warum man diesen kulturell springlebendigen Komplex mit einem toten Kulturlager vernichten möchte, das aus mehreren umzäunten und fensterlosen 18 Meter hohen Lagerhallen besteht, ist das liebe Geld. Und dafür ignoriert der Senat sogar die eigenen Gutachten. Denn eine interne Standort-Untersuchung der Hamburger Finanzbehörde, die mittlerweile publik wurde, erwartet für die Option "Zinnwerke" wegen der belasteten Böden und der Komplikationen beim Abriss der Altbauten ein hohes Kostenrisiko und favorisiert klar zwei andere Flächen im Hafen. An diesen – so die Argumentation der Hamburger Finanzbehörde – ließe sich aber mit einer höherwertigen Bebauung ein besserer Grundstückspreis erzielen, weswegen eben die Künstler weg müssen.

IBA-Chef Uli Hellweg möchte diese Kröte einer hochgradig kontraproduktiven Stadtpolitik natürlich nicht schlucken und hat um eine Korrektur der Entscheidung gebeten, die im "krassen Kontrast" zum Anspruch der IBA stände. Allerdings war auch seine Organisation mit dem Versprechen, "gute Rahmenbedingungen für Kunst und Kreativität" in Wilhelmsburg zu erzeugen, in den vergangen Jahren nur mäßig erfolgreich. Aus dem IBA-Projekt einer großen Künstlerkolonie auf einem weiteren brach gefallenen Fabrikgelände ist nach dem Abriss von zwei Dritteln der ursprünglich zu bespielenden Gebäude wegen angeblicher Baufälligkeit ein Rumpfprojekt für einige lokale Kunstschaffende geworden. Und das lag mit daran, dass wegen der komplizierten Geldbeschaffung von EU-Geldern durch die IBA das Projekt jahrelang nicht "in die Puschen kam", wie man in Hamburg sagt.

Ein Planungsprozess von mittlerweile fünf Jahren seit der Vorstellung dieses Projekts mit dem Namen "Veringhöfe" 2008 hält natürlich kein Künstler mit Ateliernotstand durch. Und wenn im Oktober die energiesanierten schmucken Räume mit einem stolzen Mietpreis von 8 Euro pro Quadratmeter endlich bezogen werden können, werden Preis und Wohnzimmerambiente wohl auch kaum kreative junge Leute auf die Elbinsel locken. Das gelang dagegen dem sicherlich schönsten Kulturprojekt der IBA, der Universität der Nachbarschaften, aber die fällt nach der IBA einem Immobilienprojekt zum Opfer. Das von Studenten der Architekturhochschule HCU umgebaute und bespielte Amtshaus an einem Parkrand, das zum Präsentationsjahr der IBA mit skurrilen Holzarchitekturen in eine Baumhaus-Pension verwandelt wurde, war der kreative Treffpunkt für alle, die Stadtplanung von Bürgern und nicht von Profiten her denken wollten.

Schließlich existiert im Wilhelmsburger Industriegebiet Peute noch ein weiteres potentielles Kulturprojekt, von dem die IBA aus Angst vor politischen Verwicklungen gleich die Finger gelassen hat. Die beeindruckende industrielle Backsteinarchitektur der ehemaligen "Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine mbH" (GEG), einer Arbeiterselbstversorgung zwischen den Weltkriegen, wurde von der Hafenbehörde entmietet, um den Komplex abzureißen, obwohl er unter Denkmalschutz steht. Erst als die Behörde damit begann, Teile des bedeutenden Industrieensembles zu zerstören, um dort eine weitere gesichtlose Hafenlagerfläche zu platzieren, regte sich ernster Widerstand gegen diese Kultursünde. Ein daraufhin zwischen Kultur- und Hafenbehörde erzielter "Kompromiss" opferte aber immer noch einen großen Teil des Komplexes für einige Kreativräume in zwei zu erhaltenden Häusern.

Zwar fand sich nach massivem Protest auch aus der alleinregierenden SPD mittlerweile ein Investor, der das 42 000 Quadratmeter große Gebäudeensemble als dringend benötigtes Gemeinschaftsdepot der Hamburger Museen mit individueller Zusatznutzung wie Tonstudios und Ateliers umbauen möchte. Und bis dieses Konzept vorliegt – so hat Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch dem renommierten Investor für Industrieimmobilien Manfred Vogler versprochen – wird auch nicht weiter abgerissen. Eine klare Willensäußerung zum Erhalt und zur Neunutzung dieses wichtigen Architekturzeugnisses des proletarischen Wirtschaftens bedeutet das aber noch lange nicht. Die zuständigen Senatssprecher formulieren zur Perspektive der GEG vor allem Bedenken.
In der Stadt, die bei Neubauten wie in der HafenCity den Backstein zum ultimativen Lokalmaterial verklärt, haben historische Klinkerbauten wie die GEG oder die Zinnwerke eben selbst dann keine gute Karten, wenn sie bedeutende Kulturzeugnisse sind oder große Chancen für eine lebendige Stadt bieten. Das war beim letzten innerstädtischen Hamburger Arbeiterviertel, dem Gängeviertel, ursprünglich auch nicht anders – bis die Künstler kamen und es besetzt haben und die Stadt schließlich ihren Fehler rückgängig machen musste.

Von der aktiven Fortführung der alten Hamburger Abrisspolitik ist also an allen Stellen, wo in Wilhelmsburg Kultur gedeiht oder sich entwickeln könnte, viel mehr zu sehen, als von der versprochenen Unterstützung für eine interessante neue Stadt und ihre geschichtlichen Wurzeln. Statt den Geist und die guten Erkenntnisse des IBA-Prozesses wirklich umzusetzen, versteckt der nette Verständnismensch Olaf Scholz hinter seinem Rücken weiter Thors Hammer. Und der fährt dort nieder, wo der Blick aufs Gold den Stadt-Asen den Verstand raubt. Ein wenig organisierte Götterdämmerung scheint das einzige zu sein, was den Einäugigen in der Stadtregierung das räumliche Sehen wieder lehren kann.